Arznei für Kinder Apothekerin aus Stuttgart mischt Fiebersäfte selbst

Apothekerin Graeff zeigt den Bestand. Foto: Lg/Leif Piechowski

Über 300 Medikamente sind aktuell auch in Baden-Württemberg nur begrenzt verfügbar. Während das Klinikum Stuttgart Alternativen findet, müssen Apotheken sich selbst aushelfen. Darum ist die Lage aktuell besonders dramatisch.

Stadtkind: Erdem Gökalp (erg)

In der Apotheke von Martina Graeff in der Stuttgarter Königstraße spielen sich in diesen Tagen aufgeregte Szenen ab. Insbesondere Lieferengpässe bei Kindermedikamenten wie Fieber- und Hustensäften treiben Eltern in ungewohnte Notlagen. „Ich hatte hier neulich eine Mutter in der Apotheke, die von einer Klinik zu uns geschickt wurde, weil sie das nötige Medikament für ihr Kind dort nicht hatten. Doch auch wir hatten keinen Vorrat davon“, sagt sie. Unter den Kunden mache sich langsam eine Angst breit, dass sie ihren Kindern nicht helfen könnten, sagt Graeff. Die Geschäftsführerin der zwölf Mitarbeiter starken Apotheke ist seit 1990 in dem Beruf. So einen Notstand wie aktuell habe sie noch nie erlebt.

 

Schon seit dem Sommer machen sich die Lieferengpässe für Medikamente in Betrieben wie der Europa Apotheke von Martina Graeff bemerkbar. Doch mit der aktuellen Häufung von Krankheiten bei Kindern ist die Lage besonders dramatisch. Die Apotheken müssten laut Aussage von verschiedenen Verbänden kreativ werden und andere Lösungen finden, um die Versorgung zu gewährleisten. Eine Möglichkeit ist, dass sie die Präparate gleich selbst mischen. Das ist zeitaufwendig und auch teurer.

Jede Apotheke hat das Know-how, selbst zu mischen

Doch auch das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) empfiehlt den Apotheken in einer Mitteilung vom 12. Dezember, sich sowohl einen Vorrat anzulegen, falls das möglich sei, oder ebenfalls selbst Präparate zu mischen. „Jede Apotheke hat dafür das nötige Know-how“, sagt ein Sprecher vom Landesapothekenverband – einige Apotheken würden dies nutzen. Laut Verband dauert die Herstellung einer Portion 30 bis 60 Minuten. Einige Krankenkassen würden die entstehenden Mehrkosten durch die Produktion in der Apotheken übernehmen. Das Problem sei aber, dass auch die Apotheken von der Krankheitswelle betroffen seien und daher Ausfälle erleben würden. „Die ausgebildeten Mitarbeiter dürfen zudem keine großen Mengen auf einmal herstellen und nur nach Rezept vom Arzt Einzelportionen machen“, so der Sprecher.

Bundesamt veröffentlicht Liste mit Medikamenten

Für die Hausärzte wiederum sei es laut Thomas Heyer vom Hausärzteverband Baden-Württemberg besonders aufwendig, dass Patienten von den Apotheken zu ihnen zurückgeschickt würden, wenn bestimmte Medikamente dort nicht vorhanden seien, und die Ärzte sich dann Alternativen überlegen müssten. „Das kostet zusätzliche Zeit, ist immer nicht ganz einfach und erfordert großen medizinischen Sachverstand und Erfahrung“, sagt Heyer. Das BfArM veröffentlicht regelmäßig eine Liste von Medikamenten, die in Deutschland nicht lieferbar sind. Aktuell sind das mehr als 300 Präparate – auch in Stuttgart. Eines davon ist etwa unter der Wirkstoffbezeichnung Digitoxin aufgelistet. „Wir haben Patienten, die sich auf die Behandlung mit diesem speziellen Medikament für ihre Herzerkrankungen eingestellt haben. Für sie ist das besonders schwer, die Therapie nun umstellen zu müssen“, sagt Apothekerin Martina Graeff.

Auch im Olgahospital in Stuttgart zeigt sich die aktuelle Krise in besonderer Dramatik. Es ist eines der größten Kinderkrankenhäuser in Deutschland. Laut dem Vorstandsvorsitzenden Jan Steffen Jürgensen zeige sich die Schwere der Lage durch die besonders hohe Zahl an Patienten. „In normalen Jahren werden hier 35 000 Kinder jährlich versorgt. Aktuell liegen die täglichen Vorstellungen fast beim Doppelten der Norm“, sagt er unserer Zeitung.

Ausweichen auf Globuli

Hinzu komme auch bei ihnen die geringe Verfügbarkeit der Medikamente. Aufgrund der Größe des Krankenhauses würde es ihnen jedoch bedeutend leichter fallen, Alternativen zu finden. „Wir sind personell in der Lage, Importe aus dem EU-Ausland zu organisieren“, sagt er. Allein in der Apotheke der Klinik seien zwei Mitarbeiter nur damit beschäftigt, das zu tun.

Martina Graeff von der Europa Apotheke in der Stuttgarter Königstraße bleibt dennoch zuversichtlich. Wenn nichts anderes ginge, habe sie zumindest genug homöopathische Medizin verfügbar. Notfalls gibt sie den Patienten dann Globuli mit.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Medikamente Kinder Medizin Notlage Krise