Medizin Pille gegen das Down-Syndrom?

Von Christian Wolf 

Es gibt erste Tests für ein Medikament gegen Trisomie 21. Doch eine mögliche Behandlung ist umstritten.

Ein einjähriges Mädchen mit Down-Syndrom. Foto: dpa
Ein einjähriges Mädchen mit Down-Syndrom. Foto: dpa

Stuttgart - Offiziell gilt es noch nicht einmal als Krankheit, sondern als „Ausdruck einer besonderen Lebensform“: das Down-Syndrom. Dennoch testen Forscher gerade Medikamente in klinischen Studien, die zumindest einige Folgen des Syndroms beheben sollen. Beim Down-Syndrom verfügen Betroffene über 47 statt 46 Chromosome. Das Chromosom 21 ist schlicht dreifach statt doppelt vorhanden. Mediziner sprechen daher auch von Trisomie 21.

Etwa 1 von 700 Kindern erblickt in Deutschland mit Trisomie 21 das Licht der Welt. Die Wahrscheinlichkeit, eine solche Erbgutanomalie mit auf den Weg zu bekommen, steigt statistisch mit dem Alter der Mutter an. Neben Äußerlichkeiten wie den oftmals mandelfömigen Augen und der Stupsnase bringt das Syndrom auch eine langsamere körperliche und geistige Entwicklung mit sich.

System an Botenstoffen

In den letzten Jahren ist Forschern ein weniger klarer geworden, wie sich die Erbgutanomalie im Gehirn der Betroffenen niederschlägt. Ein System an Botenstoffen gerät bei ihnen aus dem Gleichgewicht. Zu viele anregende Botenstoffe führen einerseits zu einer Überstimulation, während ein Übermaß an hemmenden Stoffen den Informationsfluss blockiert. Diese Auffälligkeiten konnten Forscher vor allem an genetisch speziell gezüchteten Mäusen beobachten. Die Tiere weisen zwar nicht alle Eigenschaften des Down-Syndroms auf. Ähnlich wie menschliche Betroffene haben aber auch sie Schwierigkeiten beim Lernen, können sich nicht auf ihr Gedächtnis verlassen und kämpfen mit motorischen Problemen. Das spiegelt sich bei den Tieren vor allem im Hippocampus wider, jenem seepferdchenförmigen Ort im Gehirn, wo sich Erinnerungen bilden und das räumliche Orientierungsvermögen beheimatet ist.

2013 setzte die Neurowissenschaftlerin Maria-Clemencia Hernandez von der Schweizer Pharmafirma Hoffman-La Roche medikamentös an einer Andockstelle für den hemmenden Botenstoff GABA an. Er bremst übertrieben die Aktivität des Gehirns, vor allem im besagten Hippocampus. In der Folge funktionieren Lernmechanismen der grauen Zellen nicht, wie sie sollten. In der Studie von Hernandez im Fachblatt „The Journal of Neuroscience“ bewältigten Mäuse nach Gabe des entsprechenden Wirkstoffs allerdings Aufgaben zum räumlichen Lernen und zum Gedächtnis besser als Tiere aus einer Vergleichsgruppe, die das Präparat nicht bekommen hatten.

Tests an Menschen

Mittlerweile ist die Firma Hoffman-La Roche einige Schritte weiter. Eine abgewandelte Variante des Wirkstoffs, der inzwischen Basmisanil heißt, testet sie aktuell an Menschen. Nachdem eine kleine Gruppe von gesunden Erwachsenen das Medikament gut vertragen hat, wird es nun bei Probanden mit Down-Syndrom im Alter von 12 und 30 Jahren auf seine Wirksamkeit hin untersucht. Auf Anfrage teilte Hoffman-La Roche mit, dass bislang noch keine Ergebnisse vorlägen, man diese aber noch im Laufe des Jahres erwarte. Erweisen sich diese und weitere Tests als erfolgreich, sollen später Betroffene die Medikamente schon in möglichst jungen Jahren einnehmen.

Der Neurowissenschaftler Alberto Costa von der Case Western Reserve University School of Medicine versucht unterdessen, an einer anderen Stellschraube im Gehirn anzugreifen. Er setzt auf das Medikament Memantin, das in den USA und Europa für die Behandlung von Alzheimer zugelassen ist. Bindet Memantin an die Andockstelle des erregenden Botenstoffs Glutamat, blockiert es dessen überaktive Wirkung beim Down-Syndrom – so jedenfalls Costas Idee. Bei einer kleinen Pilotstudie mit jungen Erwachsenen mit Down-Syndrom war das Ergebnis unterm Strich eher ernüchternd. Lediglich bei einem Test zum sprachlichen Gedächtnis zeigte eine Gruppe von Probanden nach einer 16-wöchigen Einnahme von Memantin gegenüber einer Kontrollgruppe statistisch signifikante Verbesserungen ihrer kognitiven Fertigkeiten.

Keine Wunder

Costa nimmt gerade eine größer angelegte Studie in Angriff, um die Wirkung von Memantin weiter zu untersuchen. Er erwartet oder verspricht keine Wunder. „Zur Zeit wissen wir zu wenig darüber, wie entscheidend diese Botenstoffsysteme sind“, betont er. Unbekannt sei auch, wie früh man überhaupt mit einer solchen Behandlung beginnen müsse. So sei unklar, wie weitreichend die Wirkung einer Therapie ausfallen könne, die am Botenstoffsystem im Gehirn ansetzt.

In Deutschland ist zudem eine solchermaßen ausgerichtete Forschung seit den Tagen der Nazis und ihren Experimenten an geistig Behinderten ein heikles Thema. Das 2004 novellierte Arzneimittelrecht gestattet zwar medizinische Tests mit Volljährigen, die die Bedeutung und Tragweite der klinischen Prüfung nicht begreifen können. Aber diese Personen müssen an einer schweren Krankheit leiden. Die geistige Behinderung selbst zählt aber eben nicht als Krankheit, sondern als „Ausdruck einer besonderen Lebensform“.

Fehlfunktion im Gehirn

Der Medizinethiker Giovanni Maio von der Uni Freiburg sieht das ein wenig anders. Zwar dürfe man die Betroffenen nicht auf ihre Behinderung reduzieren. „Dennoch gibt es eine Fehlfunktion im Gehirn, deren Folge die Behinderung ist“, sagt Maio. Das könne man nicht wegdiskutieren. „Sofern das Medikament tatsächlich die kognitive Leistung steigert, könnte es das Lebensgefühl und die Selbstbestimmung der Kinder verbessern, bei denen der Wirkstoff später vor allem eingesetzt werden soll.“ Problematisch ist aus Maios Sicht nur, wenn man mit der Behandlung nicht zum Wohle des Kindes handeln sollte, sondern den Menschen gewissermaßen von oben herab der „normalen“ Gesellschaft einfach nur anpassen möchte.

Überhaupt ist es mit dem Einnehmen einer einfachen Pille nicht getan. Auch deshalb, weil die durch das zusätzliche Chromosom verursachten gesundheitlichen Probleme vielgestaltig sind. So haben die Betroffenen unter anderem auch Probleme mit der Motorik und leiden unter organischen Co-Krankheiten wie Herzfehlern.

Echte Heilung nur im Genom

Und eines darf man auch nicht vergessen. Für eine echte „Heilung“ von Trisomie 21 müsste man schon am Genom ansetzen. Erste Ansätze einer solchen Gentherapie sind derzeit allenfalls am Horizont verschwommen zu erkennen. Forscher um Jeanne Lawrence von der Medical School der University of Massachusetts konnten 2013 in der Petrischale bei einzelnen Zellen eines Patienten mit Down-Syndrom das überzählige dritte Exemplar des Chromosoms 21 stilllegen. Trotz dieses Erfolges ist man von einer Therapie beim Menschen allerdings noch meilenweit entfernt.