Ein schönes, luxuriöses Hotel auf der griechischen Insel Rhodos, Wellness-Angebote, Smoothie-Mixen und Yogaübungen. Cathy Hummels, von ihrem Ehemann, dem Fußballprofi Mats Hummels seit kurzem getrennt lebend, hatte zwölf Influencerinnen zu einem sogenannten „Sun’n’ Soul“-Retreat eingeladen. Vordergründig um auf psychische Krankheiten aufmerksam zu machen. Und natürlich berichtete sie während des Events in ihren Storys auf Instagram ausführlich darüber. Was nicht fehlte: unzählige Rabattaktionen für Produkte, die vermeintlich psychisch gesund halten. Auch für Tipps, wie zum Beispiel, dass Sonnenschein (natürlich mit der richtigen Sonnenbrille) Depressionen lindere, war sich Hummels nicht zu schade.
Vermutlich hätte sich für die Veranstaltung außer den Fans der Mitgereisten kaum jemand interessiert, wäre es einfach unter dem Motto „Wellness und Entspannung“ gelaufen; aber die Instrumentalisierung von psychischen Krankheiten für Werbezwecke ging vielen doch zu weit. In den Kommentaren im Netz wurde Hummels und die anderen Teilnehmerinnen teils heftig beschimpft. Die Deutsche-Depressionsliga, ein Selbsthilfeforum für Betroffene, mahnte: „Frau Hummels, Sie erwecken den Anschein, die Depression für Werbezwecke zu benutzen. Depression ist weder schick noch en vogue.“
Psychische Gesundheit – oder wie es im Internet gerne heißt "Mental Health" – ist ein Trendthema. In den sozialen Netzwerken posten vor allem junge Menschen offen über ihre psychischen Störungen, ihre Symptome und ihre Kämpfe. Es gibt natürlich auch dafür längst ein Wort: Sick Style und meint die Art, wie psychische Probleme in sozialen Netzwerken dargestellt werden. Trotzdem sind Depressionen, Angsterkrankungen oder auch Essstörungen nach wie vor ein Tabu in unserer Gesellschaft. Zu groß ist die Scham bei vielen Menschen, über ihre Erkrankungen zu sprechen. Und viele haben immer noch Angst, als verrückt abgestempelt zu werden. Daher ist es an sich eine gute Sache, wenn namhafte Influencer:innen auf das Thema aufmerksam machen und über ihre eigenen Krankheiten sprechen.
Hummels (34) litt nach eigenen Angaben in ihrer Jugend ebenfalls unter Depressionen. Dies schreibt sie auch in ihrem Buch „Mein Umweg ins Glück“. Deshalb sei ihr das Thema ein wichtiges Anliegen. Die Botschaft zu ihrem Retreat war daher: „Wir alle haben Issues, Struggles, Selbstzweifel, Ängste, Panikattacken, Depressionen, die Liste ist sehr lang (...) let’s stop MIND FUCK & start to love yourself“, schrieb sie in ihren Stories.
Ein ignoranter Umgang fördert keine Enttabuisierung
Gut gemeint, ist nicht immer gut gemacht – wie im Fall Hummels. Vor einer Werbewand posierten hier die schönen, jungen Frauen und spielten in einer Art Pantomime ihre Alkoholsucht (ein imaginäres Weinglas) oder ihre Angststörung (eine Selbstumarmung) vor. Richtig geschmacklos wurde es allerdings als Depressionen in Form eines Kopfschusses dargestellt wurden. Oder unfreiwillig komisch als eine junge Influencerin schrieb: „I suffered from Mental Health.“ („Ich habe an psychischer Gesundheit gelitten.“). Für eine Enttabuisierung von psychischen Krankheiten ist diese Form kontraproduktiv. Betroffene fühlen sich dadurch nicht ernst genommen, psychische Krankheiten werden auf diese Weise bagatellisiert.
Der Fall Hummels ist im Netz kein Einzelfall. Aktivitäten wie dieser Event suggerieren, dass Wellness und das richtige Produkt dabei helfen, psychische Krankheiten zu heilen. „Schwierig wird es, wenn bei manchen Social-Media-Accounts und Auftritten von Bloggern der Eindruck entsteht, die Depression sei eine kurze Erscheinung und könne beispielsweise mit Sonnenstrahlen weggezaubert werden“, schreibt dazu die Deutsche-Depressionsliga.
In der Bundesrepublik leiden laut der Deutschen Depressionshilfe rund fünf Millionen Menschen an einer behandlungsbedürftigen Erkrankung, rund 13 Millionen Deutsche erleiden während ihres Lebens eine Angststörung. Mit einer Therapie oder mit Medikamenten können viele psychische Erkrankungen recht gut behandelt werden. Influencer:innen vermitteln aber oft: „Du brauchst nur eine positive Einstellung.“
Selbstliebe und richtiges Mindset – das Geschäftsmodell der Influencer
Problematisch an diesem Event ist genau das: Es wird vermittelt, Selbsthilfe, ein bisschen Wellness und Entspannung würden helfen, psychische Krankheiten zu heilen. Für viele Betroffene, die jeden Tag kämpfen, ist diese Aussage Verhöhnung ihrer Krankheit. Zudem ist sie auch gefährlich: Bei vielen kann dies sogar zur Verschlechterung ihres Zustandes führen – weil sie sich dann erst recht als gescheitert ansehen.
Warum wird jemand psychisch krank? Das ist bis heute in der Forschung ungeklärt. Häufig ist es ein Zusammenspiel aus Genetik, Familie, Beruf, Kindheit und oft auch Schicksalsschlägen. Krankheitsgeschichten werden in der Therapie aber rückwärts rekonstruiert – was letztlich die Ursache für den Ausbruch einer Krankheit ist, lässt sich nicht immer genau feststellen. Wichtig ist für Betroffene aber auch, dass sie fundiertes Wissen über ihre Krankheit erhalten – gerade deshalb ist eine professionelle Therapie wichtig. Falschinformationen können mitunter zu einer Verschlechterung des Zustandes von Betroffenen führen.
Neben Influencer:innen tummeln sich auf Instagram oder Tiktok viele selbsternannte Coaches, Berater oder ehemalige Erkrankte, die Angebote zu und über psychischen Krankheiten machen – und dafür teils viel Geld verlangen. Diese Angebote sind schlicht eines: lukrative Geschäftsmodelle, welche die Verzweiflung von Betroffenen von psychischen Krankheiten ausnutzen.
Das Internet ist voll von unseriösen Behandlungsangeboten
Die Behandlung von psychischen Krankheiten erfordert mitunter eine lange Therapie – jegliche Angebote, die eine schnelle Hilfe versprechen oder vermitteln, es bräuchte nur etwas Selbstliebe und ein positives Mindset, sind in der Regel nicht vertrauenswürdig. Beratung und Therapie anzubieten ohne eine fundierte psychologische Ausbildung ist deshalb höchst unseriös und kann bei Erkrankten viel Leid anrichten.
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Das Problem ist, wie sich auch an Cathy Hummels zeigt: Nur weil jemand selbst an Depressionen gelitten hat, ist er kein Experte. Das Internet quillt inzwischen fast über von solchen Angeboten ehemaliger Betroffener. Aber auch wenn man in der Vergangenheit unter einem narzisstischen Partner gelitten hat, in einer „toxischen Beziehung“ war oder glaubt an ADHS zu leiden – dies macht denjenigen nicht zu einem Therapeuten. Viele halten sich allein aufgrund ihres eigenen Schicksals für kompetent genug, andere zu therapieren oder zu beraten. Das ist ein Trugschluss, denn eigene Betroffenheit ist sogar eher hinderlich.
Inzwischen hat übrigens auch Cathy Hummels eingesehen, dass ihre Marketing-Kampagne nicht ganz gelungen war. Sie hat die Posts gelöscht, sich entschuldigt, bezeichnet ihre Darstellungen im Nachhinein als „unglücklich und missverständlich“ und gelobt Besserung!
Wenn die Seele leidet
Hilfe
Bei Fragen zu Erkrankungen und zu Anlaufstellen in Ihrer Nähe gibt zum Beispiel die Deutsche Depressionshilfe unter der Nummer 0800/33 44 533 Auskunft.