Merlin Kulturzentrum Pop Freaks läuten Konzertjahr ein

Von Björn Springorum 

Beim Festival im Merlin kommt wieder Hörenswertes aus Hamburg, Wien und Stuttgart auf die Bühne.

Die Düsseldorfer Düsterboy Foto: Lukas Vogt
Die Düsseldorfer Düsterboy Foto: Lukas Vogt

S-West - Anderssein als größtes Gut: Auch die jüngste Auflage des Pop Freaks Festivals im Merlin verdeutlicht auf wunderbare Weise, wie gut man selbst in der Popmusik auf Geschlechterrollen oder Stereotype verzichten kann. Der eine oder andere Star von morgen ist natürlich auch wieder dabei.

Nur mal ein Beispiel, um die Relevant des alljährlichen Pop Freaks Festivals im Merlin zu veranschaulichen: Im Januar 2019 gab das Projekt Jungstötter hier eines seiner ersten Konzerte überhaupt. Mittlerweile ist Fabian Altstötter (ehemals bei Sizarr) im Feuilleton ebenso angekommen wie in den großen Häusern, trug seinen wehmütig-melancholischen Sound im Herbst wieder in Stuttgart vor. Dann schon im Theaterhaus.

Das Trüffelschwein guter Musik

So etwas passiert bei den Pop Freaks in schöner Regelmäßigkeit: Junge Talente aus der nationalen Popszene werden von Kurator Arne Hüber gewittert, aufgespürt und auf die Bühne gebracht. Manchmal kommen sie wieder, manchmal wird ihnen das Merlin schnell zu klein. Und manchmal, wie diesmal der Wiener Voodoo Jürgens, kommt er wieder, obwohl er längst größere Hallen füllen könnte.

Auch eine Band wie Drangsal, längst Deutschlands verquere Pop-Spitze, stand einst in der Augustenstraße auf der Bühne. Heute macht Entfant terrible Max Gruber mal so eben das Wizemann voll. Den kleinen Club zwar, aber der ist immer noch ein Vielfaches vom gemütlichen Merlin. Es lohnt als Musikliebhaber also mehr denn je, einen genauen Blick auf das Programm der Pop Freaks 2020 zu werfen. Das weiß natürlich niemand besser als Hübner selbst, Booker aus Leidenschaft und in Stuttgart längst so etwas wie das Trüffelschwein der guten Musik.

„Die Pop Freaks starten mit Schwung ins neue Jahr“, gibt Hübner erstaunt zu Protokoll. Erstaunt deswegen, weil vergangenen Januar eher die melancholischen Klänge dominierten. Der Auftaktabend mit den Düsseldorf Düsterboys, die erste und wieder aktivierte Band der mittlerweile unter dem Namen International Music Erfolge feiernden Gruppe, gibt den Tonfall des Festivals vor: „Man hat noch das Schwarzpulver von Silvester im Haar, ist noch bisschen verpennt und knittrig, aber auch euphorisch.“

Liedermacher, Lokalhelden und alles abseites der Radionorm

Eine wilde Jagd durch die Popmusik sind die Pop Freaks auch im Januar 2020. Der bereits erwähnte Liedermacher Voodoo Jürgens, die ­Dream-Popper Children aus Berlin, die Quasi-Lokalhelden Wolf Mountains oder die Surf-Rock-Damen von Dives zeigen, was so alles geht abseits der Radionorm. Und das ist nicht alles: „Mein Anliegen war es immer, das Line-Up der Pop Freaks so divers wie möglich zu gestalten – nicht nur, was die Musikrichtungen angeht.“

Frauen, Männer und alles, was dazwischen liegt: Bei den Pop Freaks haben alle ihr Zuhause. Willkommen ist, wer gute Musik macht. Oder, um es anders zu sagen: Würde Conchita Wurst gute Musik machen, auch sie wäre bei den Pop Freaks gut aufgehoben. Homo, hetero, queer, divers oder irgendwo dazwischen: Ausgegrenzt wird hier nur das Langweilige, die Ware von der Stange. „Und da es derzeit wahnsinnig viele spannende weibliche Acts gibt, die kurz vor dem Sprung sind, reflektiert sich das auch im Programm.“

Hübber hebt konkret den Konzertabend mit Dives am 18. Januar hervor, den das Merlin mit dem Popbüro-Branchentreffen „Girl Put Your Records On“ zu verknüpfen, das zuvor schon zweimal stattgefunden hat. „Wir wollen darüber sprechen, wie die jeweiligen Künstlerinnen zu ihrem Erfolg gekommen sind und welche Mauern sie entlang des Weges einreißen mussten.“ Diese Mauern werden glücklicherweise immer brüchiger – überwunden von internationalen Künstlerinnen wie Billie Eilish oder neuen deutschen Pop-Tonangeberinnen wie Ilgen-Nur.

Anja Rützel liest aus ihrem Buch über Take That

Einmal in dieser Saison sind die Pop Freaks auch weniger Konzert und vielmehr Popkultur. Wie der Abend mit Anja Rützel am 28. Januar zum Beispiel. Die Autorin liest aus ihrem Buch, das sie über Take That geschrieben hat. Nicht ironisch oder persiflierend etwa, sondern launig, autobiografisch und ehrlich. Ein echter Take-That-Freak eben. „Nach diesem Abend sind wir das wahrscheinlich alle“, lacht Hübner.

Wer nicht die Zeit hat, sich alle Pop-Freaks-Auftritte zwischen dem 16. Januar und 1. Februar 2020 anzusehen und dennoch bei dem einen Konzert dabei gewesen sein möchte, über das man noch lange sprechen wird, wenn die Band längst große Hallen füllt, kann sich laut Hübner zwischen zwei entscheiden. „Ich würde auf Children aus Berlin am 24. Januar und Pauls Jets aus Wien am 1. Februar setzen.“

Aber selbstredend fällt es ihm naturgemäß schwer, eines seiner Kinder zu seinem Liebling zu ernennen. Auf den Punkt gebracht von Hübner gilt nämlich auch 2020 für alle acht Abende: „Es geht um Musik, die sich mit Widerhaken im Herzen festsetzt.“

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