Messie oder Lebenskünstler? Kirchheimer Geologe mit starkem Sammel- und Gestaltungstrieb

Im Atelier des Vaters wurde früher auch Theater gespielt, heute hortet Matthias Mader hier kleine und große Schätze. Foto: Roberto Bulgrin

Matthias Mader findet in Steinbrüchen und auf Schrottplätzen viele Schätze – sogar ein Restaurant, das als kulinarischer Geheimtipp gilt, hat er daraus gebaut.

Region: Corinna Meinke (com)

Hier hat jedes Stück eine Geschichte. Und Matthias Mader kann sie alle erzählen. Der promovierte Geologe hegt nicht nur eine Leidenschaft für die Erdgeschichte, er kommt auch an vielen anderen Gegenständen mit Vergangenheit nicht so leicht vorbei. Bekannt ist der Kirchheimer auch für das Restaurant Dreikönigskeller, das seine Existenz am Fuß des Würstlesbergs ebenfalls Maders Sammelwut verdankt.

 

Im Atelier wird es richtig eng

Lebenskünstler oder Messie? „Ich versuche, einen Sinn reinzubekommen ins Sammeln“, erklärt Mader und führt durch Garten und Atelier. Während sich auf der Terrasse unzählige Steinplatten, Pflanzgefäße, schmiedeeiserne Grabkreuze und eine Hermesbüste tummeln, wird es im benachbarten Atelier richtig eng. „Jeder weiß, dass ich ein Messie bin“, kommentiert Mader die Tische voller kleiner und großer Fundstücke, die Berge von Werkzeug, Büchern, Hausrat und die Krückstocksammlung. Nur ein schmaler Gang ist frei geblieben. Die Orientteppiche auf dem Boden sind verblichen.

„Hier wurde mal Theater gespielt“, erinnert sich Mader. Sein Vater Bruno war Maler und Kunstlehrer und galt in der Kirchheimer Kunstszene als Institution. Zuhause versammelte er seine Theaterfreunde zu eigenen Inszenierungen.

Heute dominieren überladene Tische und große Bauernschränke den Raum. Zwischen zwei Schränken hat Mader für eine alte, prächtige Konsoluhr, die aus der Baden-Badener Praxis eines Onkels stammt, einen Rahmen aus Marmor gebaut, und über der Installation prangt ein hölzerner Tympanon, den der Sammler in Owen entdeckt hat.

Für einen Osterleuchter aus einer Kirche hat Mader einen Lampenfuß gedrechselt, eine Stalinbüste trägt Stahlhelm, und überall im Garten finden sich originelle Kreationen, wie eine Amphore als Gartenlampe oder eine Säule, auf der eine Metallterrine thront. Die Szenerie bewacht ein Ritter, der vom Ötlinger Kriegerdenkmal stammt.

Schrottplätze ziehen ihn an

Wenn Mader nicht gerade einen Stein bearbeitet, dessen erdgeschichtliche Einordnung er ausführlich schildern kann, Abrisshäuser besucht oder neue Projekte ausheckt, sucht er auf Schrottplätzen nach neuen alten Schätzen. Er kann nicht verstehen, warum zum Beispiel schmiedeeiserne Gitter dort landen. Die Tore zum Garten am Elternhaus hat er selbst geschweißt. „Das ist das älteste private Gebäude am Würstlesberg“, sagt der Hausherr. Das Gebäude hat schon bessere Tage erlebt, an den Fenstern blättert die Farbe, und im grünen Poolwasser schwimmen nur noch ein paar Goldfische.

Mit dem Bau des Kellerlokals mit dem elipsenförmigen Gewölbe aus Ziegelsteinen gleich unterhalb begannen die beiden Brüder Matthias und Alex Mader 1979. Als Baumaterial verwendeten sie Sandsteinquader der alten Alleenschule, die beim Abbruch niemand wollte. „Das war unser größtes Projekt“ sagt Matthias Mader und berichtet von 18 Lastwagenladungen Material, die auf der gegenüberliegenden Wiese gelagert wurden.

Da sein verstorbener Bruder gut kochen konnte und nach 20 Semestern Philosophie- und Logikstudium und vielen Reisen eine neue Aufgabe suchte, erschien der Dreikönigskeller als nahe liegende Sache. Der Name stammt von einem Ausflugslokal, das früher einige Meter hangabwärts existierte.

Überall steinerne Zeugen der Stadtgeschichte verbaut

Das Innere des Lokals wird von mächtigen Sandsteinportalen bestimmt und die Rückwand von einem ebenso mächtigen offenen Kamin, über dem die drei Könige prangen – Malgrund ist eine alte Tür aus der Martinskirche. Landschaftsbilder des Vaters zieren die Wände, und auch die bemalten Kacheln in Küche und Flur hat Bruno Mader gestaltet. Die stilvollen Tische wirken antik, dabei hat sie Matthias Mader selbst aus Kirschbaumholz geschreinert und mit Intarsien verziert. Sogar ein Spieltisch mit versenkbarer Spielfläche ist dabei. Und die Innentüren hat Mader aus Balken alter Kirchheimer Fachwerkhäuser gezimmert. Außen wirkt das eingewachsene Lokal romantisch dank der alten Mauern, des Brunnens und der dekorativen Elemente im Shabby-Look, darunter wieder lauter steinerne Zeitzeugen wie Terrassenplatten vom Lago Maggiore und das Geländer vom Dachgarten der ehemaligen Kirchheimer Schüle-Villa. Auf die Frage, weshalb er nicht als Schreiner gearbeitet hat, winkt Mader ab. „Warum hätte ich das tun sollen“, fragt der 80-Jährige zurück. Ihm sei es immer wichtiger gewesen, sich keinen Zwängen zu unterwerfen. Auch als Geologe habe er keine Anstellung angestrebt, denn Gutachten konnte Mader genauso gut freiberuflich erstellen. Und gereist ist er auch viel, beispielsweise als geologischer Exkursionsleiter für die Volkshochschulen im Kreis. Er führe ein bescheidenes Leben auf höchstem Niveau, beschreibt Mader seine Freiheiten. Und ergänzt: „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.“

Ein zwangloses Leben

Eine Ausstellung und ein kulinarischer Geheimtipp

Ausstellung
 Weitere Einblicke in Matthias Maders Sammlung bietet noch bis Sonntag, 9. Juli eine Ausstellung in der Galerie Diez in Dettingen, Kirchheimer Straße 85. Zu sehen sind unter dem Titel „Objects trouvés. Aus den Sammlungen des Monsieur M.“ Gemälde unterschiedlicher Herkunft, die alle das Thema Gebirge eint. Dazu zeigt Mader passende Gesteine aus dem Alpenraum. Zu sehen ist die Schau donnerstags von 15 bis 19 Uhr sowie freitags bis sonntags jeweils von 15 bis 18 Uhr.

Restaurant
 Der von Matthias und Alex Mader aus historischen Recycling-Baustoffen errichtete Dreikönigskeller in Kirchheim, Dreikönigskeller 10 gilt immer noch als Geheimtipp im Raum Stuttgart. Das mag an seiner Lage am Rande des Wohngebiets am Würstlesberg liegen. Das äußerlich eher unauffällige Gebäude entpuppt sich im Innern als Fundgrube für bauhistorisch Interessierte. Pächter ist Küchenchef Roland Hartel, der seinen Gästen eine kleine, frische Auswahl mit schwäbischen und mediterranen Gerichten serviert. Das Lokal bietet innen 40 und außen rund 36 Plätze. Geöffnet: Mittwoch bis Sonntag 18 bis 24 Uhr, Telefon 0 70 21/32 25.

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