Milieustudie am Wochenende Tragödien am Esslinger Bahnhof

Wer am Esslinger Bahnhof ankommt, verweilt in der Regel keinen Moment länger als nötig. Foto: Go/ied Stoppel

An heißen Sommernächten zählt auf dem tristen Vorplatz die Macht des Stärkeren. Ein Nachsehen haben Frauen wie die Flaschensammlerin Karin und Männer wie Peter, der sich an geselligere Zeiten erinnert. Ein Besuch am Samstagabend.

Reportage: Akiko Lachenmann (alm)

Pünktlich zur Dämmerung treffen die Hauptdarsteller ein. Schauplatz ist der Esslinger Bahnhofsvorplatz, ein graues Einerlei aus Pflastersteinen mit erratisch platzierten Bänken und Pflanzkübeln. Es ist Samstagabend, 21.35 Uhr, und das Thermometer zeigt immer noch fast 30 Grad Celsius. Perfekte Bedingungen, Statisten und Zuschauer sind auch da. Ein Schauspiel mit Ansage, das schon einige Wiederaufnahmen hinter sich hat.

 

Zunächst sieht man nur Grüppchen von Männern in der Gegend herumstehen. Sie plaudern oder starren aufs Handy. Das Flair ist international. Von Frauen keine Spur. Im Stimmengewirr fällt dann irgendwo ein Satz, der eine Sicherung durchbrennen lässt. Vielleicht ist auch ein schiefer Blick oder eine weggeschnippte Kippe der Auslöser. Wütende Rufe unverständlichen Inhalts schallen über den Platz. Zwei, drei Personen steuern aufeinander zu. Auf einmal gerät der ganze Platz in Bewegung. Scheinbar Unbeteiligte eilen hinzu, machen Gesten, ziehen an Shirts und Schultern. Dann ebbt die Dynamik wieder ab. Noch ein paar Blicke, doch der größte Druck ist entwichen. Vorerst.

Ein beliebter Schauplatz in der Literatur

In der Literatur dienen Bahnhofsvorplätze nicht selten als Bühne, auf denen sich Dramen abspielen und Schicksale entscheiden. In Leo Tolstois Roman „Anna Karenina“ verliebt Graf Wronski sich in Anna, als er die Mutter vom Bahnhof in St. Petersburg abholt. In Gustav Flauberts „Madame Bovary“ ist es die Bahnhofsatmosphäre, die in der unglücklichen Ehegattin die Sehnsucht nach Freiheit weckt. Und Erich Kästners Romanheld Fabian flüchtet sich zum Berliner Anhalterbahnhof, wo er auf mitfühlende Menschen trifft und sich von der Anonymität der Großstadt erholt.

Die Dramen, die sich auf Esslingens Bahnhofsvorplatz abspielen, eignen sich weniger gut für literarischen Stoff. Ein Auszug aus der Polizeistatistik zum vergangenen Jahr: 34-mal Körperverletzung, 22-mal Diebstahl, 16 Rauschgiftdelikte, 15 Vermögens- und Fälschungsdelikte, außerdem sechs Beleidigungen und sechs Angriffe auf die sexuelle Selbstbestimmung. Zusammen mit weiteren Straftaten wurden dort 111 Delikte erfasst, die meisten davon an Samstagen. Und zwar allein auf dem Vorplatz. Delikte auf dem Gelände der Deutschen Bahn erfasst die Bundespolizei.

Die „Pfandmafia“ hat sich die Mülleimer aufgeteilt

Und nicht alles Unrecht findet Eingang in die Statistik. Da ist Karin, eine hagere Dame mit Kurzhaarschnitt, die es, wie die meisten Gesprächspartner, beim Vornamen belassen möchte. Kurz nach Ladenschluss trifft sie auf dem Vorplatz ihre Freundin Eva und reicht ihr ein paar Brezeln, die ihr ein Bäcker überlassen hat. „Echt Bio!“

Früher habe sie auf dem Bahnhofsvorplatz Pfandflaschen gesammelt, heute komme sie kaum noch zum Zug. Ein paar Männer hätten die beliebten Bahnhofsmülltonnen untereinander aufgeteilt, so wie man das von den Revieren der Drogenmafia kennt. „Diese Typen schüchtern mich ein, drohen mir mit Prügel“, erzählt sie. „Die würden wegen acht Cent mit der Bierflasche zuschlagen.“ Karin nennt diese Leute „die Esslinger Pfandmafia“. Gleichberechtigung scheint in dem Wirtschaftszweig noch in weiter Ferne zu sein. Ihren Frust darüber hat die ältere Dame auch schon öffentlich gemacht. In Briefen an die Behörden und auf einem Schild in Bahnhofsnähe. „Diese Stadt ist für alle da!“, kritzelte sie mit schwarzem Edding. Den Schriftzug ließ die Stadtverwaltung wenige Tage später wieder entfernen.

Auch andere Frauen fühlen sich am Esslinger Bahnhof nicht ganz frei. Da sind Eda aus Göppingen und Ideen aus Denkendorf, Freundinnen aus der Schulzeit, die sich fürs Wochenende gern schick machen. „Wir treffen uns immer zuerst auf einer Bank am Esslinger Bahnhofsvorplatz und besprechen dann, wie es weitergeht“, erzählt Eda. Zumindest solang es hell ist. Schon öfter hätten Männer sie blöd angemacht, gefragt, ob sie mit ihnen mitgehen wollten. „Da reicht schon ein wenig Ausschnitt“, sagt Ideen.

Peter aus Oberesslingen schaut nur noch in den Morgenstunden vorbei. An der Bushaltestelle beobachtet der 57-Jährige, wer so kommt und geht. Die Abgase nimmt er in Kauf, dafür muss er nicht in der prallen Sonne sitzen. Eigentlich ist ihm der Bahnhof zuwider. „Alles dreckig. Und die Toiletten erst. Das will man sich nicht vorstellen.“ Trotz des umherwehenden Uringeruchs harrt er hier aus. „Vielleicht kommt noch jemand vorbei, den ich kenne.“ Spätestens ab zehn Uhr zieht er sich zurück. Es gibt in Esslingen schönere Plätze zum Verweilen.

Nostalgische Erinnerungen an die Kastanie

Der Bahnhofsvorplatz war mal Peters erweitertes Wohnzimmer, vor 30 Jahren etwa, als er noch überall und nirgendwo zu Hause war. „Das war ein ganz anderes Gefühl“, erzählt er. Da gab es noch nicht diese Schneise zwischen Bahnhof und Vorplatz für Busse und Taxis. „Alles war etwas entspannter, kein so’n Lärm.“ Damals traf er sich noch mit seinen Kumpels in der „Kastanie“, einer Kneipe direkt neben dem Bahnhofsgebäude. „Netter Wirt und gute Gulaschsuppe“, erinnert er sich. Die Kneipe musste den Bussteigen weichen. Und auch die meisten Kumpels seien nicht mehr am Leben.

Die Dramen vom Bahnhofsvorplatz machen nur geringe Zuschauerquoten. Ein Dauerabo hat Armin Nosseri von der DB Sicherheit. Er ist dafür entsprechend ausgerüstet. „Ein Schlagstock, Handschellen, ein Tierabwehrspray“, zählt er auf. „Das wirkt aber auch bei Menschen.“ Nosseri hat allerdings nur Augen für das Bahnhofsgelände, für den Vorplatz sei er nicht zuständig. „Wenn es da knallt, ruf ich bei der Landespolizei an.“ Die Nummer habe er ganz oben im Handy gespeichert.

Auch der „Trott-war“-Verkäufer vom Rewe ist oft da. Gewöhnlich steht er schweigsam vor dem Supermarkteingang. Nach Feierabend trifft er Landsleute an der Treppe zur Bahnhofsbuchhandlung und schwingt Reden. Auch immer in Bahnhofsnähe: die Obdachlosen, die im Parkhaus nebenan oder unterm Vordach der Post übernachten. Anja Wessels-Czerwinski sieht sie immer auf dem Weg ins Büro. Sie leitet die Beratungsstelle für Wohnungslose der Evangelischen Gesellschaft, die in der Nähe liegt. „Das sind Menschen aus Osteuropa, die kein Recht auf Sozialleistungen haben“, vermutet sie.

56 Prozent der befragten Jugendlichen haben schon eine Prügelei gesehen

Wer keinen triftigen Grund hat, bleibt keinen Moment länger als nötig. Alle paar Minuten kommt ein Schwall Reisender aus der Bahnhofsunterführung die Treppe hoch. Man steht kurz beisammen an der Fußgängerampel und wartet auf das erlösende Grün. Dann stieben die Ankömmlinge auseinander – zur gegenüberliegenden Bushaltestelle, links weg in die Weststadt oder nach rechts ins Altstadtlabyrinth. Selbst unter jungen Leuten, die empfänglich sind für öffentliche Treffpunkte, scheint der Bahnhofsvorplatz verpönt. Laut einer Umfrage des Esslinger Jugendgemeinderats halten von knapp 2800 Schülern an die 90 Prozent den Bahnhof für dreckig, mehr als 70 Prozent für gefährlich. 56 Prozent sagen, sie hätten schon eine Prügelei beobachtet, sechs Prozent geben an, selbst verprügelt worden zu sein.

Vorbei ist die Zeit, als die Bürger der Stadt noch gern am Bahnhof verweilten, als der Bahnhof noch für Fortschritt stand und die Stadt sich die Gestaltung etwas kosten ließ. Davon zeugt in Esslingen das 1883 im italienischen Renaissancestil errichtete Empfangsgebäude des Bahnhofs, vor dem nun ein lang gezogener grauer Toilettencontainer steht. Über dem von römischen Triumphbögen inspirierten Portal prangt das von Eichenlaub und Lorbeeren umrahmte württembergische Wappen. Hinter den Arkadenfenstern residiert heute Burger King.

Als Evas Blick auf das Schnellrestaurant fällt, steigt in ihr eine schöne Erinnerung auf. „Weißt du noch, Karin, an Weihnachten, als wir uns am Bahnhofsvorplatz trafen?“, fragt sie die Freundin. „Da war keine Menschenseele auf dem Platz, nur der leuchtende Weihnachtsbaum. Und wir gingen dann zusammen zu Burger King. Das war schön.“

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