Ministerpräsidenten im Vergleich Der Philosoph und der Manager

Sondierungsgespräche nach der Landtagswahl 2006: Fast wäre es zu einer schwarz-grünen Koalition gekommen – mit Günther Oettinger als Ministerpräsident und Winfried Kretschmann als Finanzminister. Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb/Bernd Weißbrod

Sie könnten unterschiedlicher kaum sein, dennoch haben sie sich in der gemeinsamen Zeit in der Landespolitik gut verstanden: Winfried Kretschmann und Günther Oettinger. Dass es nicht beizeiten zu Schwarz-Grün kam, dafür sorgte ein anderer.

Fünf Jahre, von 2005 bis 2010, hat Günther Oettinger Baden-Württemberg als Ministerpräsident regiert. Danach wechselte der CDU-Politiker für ein Jahrzehnt als EU-Kommissar nach Brüssel. Zunächst kümmerte er sich um die europäische Energiepolitik, dann um Digitales, schließlich um den EU-Haushalt. Oettinger sah seinen Nachfolger Stefan Mappus mit Wucht gegen die Wand rennen. Der Ministerpräsident Mappus blieb eine nur kurze Episode; seit nunmehr zwölf Jahren regiert der Grüne Winfried Kretschmann das Land.

 

Mappus gilt in der Landesgeschichte als Beispiel dafür, wohin es führt, wenn Macht nur um ihrer selbst willen ausgeübt wird – als Pforzheimer Variante des Florentiner Renaissance-Theoretikers Machiavelli. Womit man diesem aber unrecht tut, denn Machiavelli war geistig seiner Zeit voraus. Nicht so Mappus, der nach der Landtagswahl 2006 als Fraktionschef das von Oettinger angestrebte Modernisierungsbündnis mit den Grünen verhinderte. In der CDU ist man bis heute überzeugt: Als Juniorpartner in einer Koalition mit Oettinger hätten die Grünen niemals das Staatsministerium erreicht, auch nicht mit Winfried Kretschmann.

Müde, aber nicht amtsmüde

Oettinger, nunmehr im siebzigsten Lebensjahr, spricht wertschätzend über den um fünf Jahre älteren Kretschmann. Unter Ministerpräsidenten und solchen, die es einmal waren, gehört das zum Komment. Allenfalls ließe sich fragen, woher jenes in der CDU kursierende Aperçu stammt, wonach Kretschmann „müde im Amt, aber nicht amtsmüde“ sei. Doch diese Recherche verschluckt der Nebel.

Die beiden sind ganz unterschiedliche Charaktere: Der Jurist Oettinger war immer schon wirtschaftsfixiert, faktenhungrig und karriereorientiert. Seinen Coiffeur brachte der stets akkurat frisierte Oettinger regelmäßig zur Verzweiflung, weil er selbst während des Haarschnitts die Zeitung las (Tablets gab es noch nicht), wobei er bei seinem Lesetempo natürlich den Kopf nicht still hielt – und die Arme beim Blättern sowieso nicht.

Kretschmann pflegt den deutlich traditionelleren Lebensstil

Das Feuilleton galt Oettingers Leidenschaft nicht, das erwies sich bisweilen als nachteilig, etwa beim Streit um die badischen Kulturgüter. Kretschmann wäre das nicht passiert, schon gar nicht die Veredelung des NS-Militärrichters und späteren Ministerpräsidenten Hans Filbinger zum NS-Gegner. Im Lebensphilosophischen ist Kretschmann weit voraus. Homer, Aristoteles, Jeanne Hersch und Hanna Arendt – den Leitsternen von Kretschmanns Denken hat Oettinger nichts entgegenzusetzen. Dafür weiß dieser, wie Wirtschaft funktioniert, kennt die Aktienkurse und die Beteiligungsverhältnisse aus dem Effeff. Kretschmann zeigt auf diesem Gebiet das staunende Interesse des Laien. In einer modernen Gesellschaftspolitik treffen sie sich: Ganztagsschule, Kita, leben und leben lassen. Nach außen hin pflegt Kretschmann den deutlich traditionelleren Lebensstil, inklusive Kirchgang und Schützenverein.

Oettinger hingegen schießt lediglich mit Worten. In den Pausen, die Kretschmann zwischen zwei Sätzen einlegt, hält Oettinger ganze Vorträge. Undenkbar auch, dass der CDU-Politiker zu Regierungszeiten eine Frage unbeantwortet gelassen hätte. Das hätte sein Stolz nicht zugelassen. Der Grüne hingegen verweist gerne auf fehlende Vorlagen und Akten. Was nicht heißt, dass Kretschmann entscheidungsschwächer ist. Vor allem aber lädt er in der Regel, anders als einst Oettinger, keine Minister abends für 23 Uhr zum Vortrag ins Staatsministerium vor.

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