Der erste Bio-Koreaner
2019 ist es soweit. Sie öffnet ihr koreanisches Bistro Misik in der Silberburgstraße. Auf der Karte nur drei Gerichte, die dafür richtig. Bio-Zutaten, alles hausgemacht, aromatisch eine Wucht. „Ich hätte nicht gedacht, dass mein Konzept so gut ankommt“, freut sie sich. „Kein anderes Restaurant dieser Art setzte damals auf Bio-Produkte. Mir war das aber wichtig. Ich wollte kochen wie zuhause: Gesund, mit guten Zutaten, authentisch.“
Das tat sie. Doch das Bistro mit dem weithin guten Ruf war eben eher mikroskopisch klein. „Ich bin Quereinsteigerin und wollte natürlich nicht gleich von Anfang an ein großes Restaurant. Ich dachte mir, dass es besser wäre, erst mal klein anzufangen.“ Das war dann ab März 2020 sogar Glück im Unglück: Sie bringt ihr kleines Bistro durch Corona, wird von ihrer Stammkundschaft getragen, die das To-Go-Angebot emsig nutzt. Pläne zur Vergrößerung gab es aber schon davor. Nach dem Lockdown wurden sie konkret. „Es gab immer öfter Reservierungsanfragen für größere Gruppen oder Firmen, die geschäftlich mit Korea zu tun haben“, erinnert sie sich. „Die musste ich alle wegschicken.“
Zwei Jahre Planung
Damals läuft es eigentlich gut für sie. Sie hat ein gutes Team im Misik, der Laden läuft, sie hat nebenher Zeit für ihre erste große Liebe, die Musik. Dennoch juckt es sie in den Fingern. So ein richtiges großes koreanisches Restaurant in Stuttgart, das wäre ja schon mal was. 2021 macht sie sich auf die Suche nach einem Objekt, schaut sich Flächen und Läden an. Auch das damalige Bella Italia in der Vogelsangstraße. „Mein Friseur ist genau gegenüber. Er erzählte mir, dass die Besitzerin das Restaurant aufgeben will. Das war natürlich ein ziemlich großer Sprung von meinem kleinen Misik, also suchte ich erst mal weiter.“
Ein Jahr später steht dann aber eben doch fest: Es gibt keinen besseren Ort für das neue Misik. „Im Juli 2022 habe ich den Vertrag unterschrieben, insgesamt hat sich alles extrem lange hingezogen“, seufzt sie. „Ich denke gern, dass ich durch mein Musikstudium und den Klavierunterricht, den ich gebe, Durchhaltevermögen und Geduld gelernt habe.“ Die braucht sie bis zur Eröffnung Anfang Februar 2023: Es gab eine Menge Probleme vor der Eröffnung, Strom, Gas, das Kassensystem will nicht, die Leitungen sind Murks. Doch sie hat durchgehalten. Auch wenn sie heute manchmal nicht weiß, wie.
Helle Farben, viel Luft
Wer früher im Bella Italia war, der wird den Laden als eng, voll und eher dunkel in Erinnerung haben. Keine Spur davon: Hell ist das Restaurant geworden. Hell und offen. Wo sich zuvor Weinflaschen vor dunklen Wänden stapelten, herrscht eine minimalistische, fast skandinavisch-cleane Aura. Helles Holz, viel Licht, ein großer Eingangsbereich lassen frei atmen. „Ich habe zwar schon gehört, dass das ja alles gar nicht authentisch aussieht, aber das ist natürlich nicht wahr. In Seoul gibt es viele Restaurants, die genau so aussehen.“
Authentizität hat nun mal nichts mit Interieur zu tun, nicht jedes mexikanische Restaurant braucht Servicepersonal in Sombreros, nicht jedes deutsche Menschen in Lederhosen. Und was hier auf die Teller wandert, ist allemal authentisch. „Die minimalistische Einrichtung spielt für mich wider, das sich keine Zusatzstoffe oder Geschmacksvertstärker in mein Essen mache“, sagt Jungmi. Sie achtet auf Bio-Zutaten und erlesene Produkte, beides macht ihre Küche gesund, gut verträglich. Weine von guten Weingütern und Bier aus der Region, dazu Kaffee von der Stuttgarter Rösterei Mókuska verbinden Seoul mit Schwaben: Tradition und Regionalität wohin man blickt. Ehrensache: Der Kimchi ist hausgemacht.
Bibimbap, Mandu und mehr
Drei Gerichte gab es im alten Misik auf der Karte. Das Reisgericht Bibimbap, die Glasnudeln Japchae und die berühmten Mandu-Teigtaschen. Klassiker allesamt. Wie als Tribut an das alte Bistro finden sich diese Gerichte auch auf der neuen Karte, abends zusätzlich ergänzt um weitere persönlich interpretierte Klassiker der koreanischen Küche. Unter anderem das ikonische Korean Fried Chicken.
Ihre Eltern haben das mit dem neuen Misik mal wieder als letzte erfahren, wie sie grinsend erzählt: „Ich habe es ihnen damals gar nicht verraten, dass ich das Bistro eröffne. Ich war ja gar nicht aus der Branche und habe mir deswegen alles selbst beigebracht. Erst nach der Eröffnung habe ich es meinen Eltern erzählt. Und hier war es ganz ähnlich. Die hätten gedacht, ich bin übergeschnappt“, lacht sie.
Die letzten Monate waren sehr anstrengend. Zeit für ihre ihre große Leidenschaft, die Musik, war in den letzten Jahren entsprechend wenig. Doch das soll sich jetzt wieder ändern: Im neuen Misik steht ein Klavier, an das sie sich manchmal auch setzt und spielt. Scheint, als habe Jungmi ihre beiden großen Lieben jetzt endlich unter einem Dach vereint.
Misik, Vogelsangstr. 18, Stuttgart-West, Di+Mi 12-15, 18-21:30, Do-Sa 12-15, 18-22 Uhr