Missbrauch im Säuglingsheim Justizbehörde lehnte Ermittlungen ab

Politik/Baden-Württemberg: Rüdiger Bäßler (rub)

Der um zwei Jahre jüngere Wolfgang, unehelich im Dezember 1964 geboren und noch im Krankenhaus von der Mutter getrennt, durfte damals nicht in den Garten, er hatte seine ersten Arbeitseinsätze noch vor sich. Ihm wurde derselbe Schliff zuteil, der allen Kindern mit der Hand, mit dem Stock, unter der kalten Dusche oder in der verdunkelten Kammer unter der Treppe angedieh. Der Kinderfriedhof, für den es kein Verzeichnis zu geben scheint, ging ihm lebenslang nicht aus dem Kopf. Diesen Sommer stellte Wolfgang Ott Dos Santos Strafanzeige gegen Unbekannt bei der Staatsanwaltschaft Ravensburg wegen des Verdacht des fahrlässigen Tötung. Die Justizbehörde lehnte Ermittlungen ab: Alles längst verjährt.

Die Rückkehr an die Stätte der Vergangenheit fällt schwer, nichts Tröstliches findet sich hier, nichts, was zu verstehen hilft. Ein Teil des früheren Kinder- und Säuglingsheims ist heute ein skelettierter Bau, den niemand haben will. Nach vorne, zur Hauptstraße hin, hat jemand um des Dorfbildes willen Farbe auf den Putz gestrichen, im Hinterhof geben staubblinde Glasscheiben den Blick in ein ausgehöhltes, dämmriges Inneres frei. "Hier sieht es aus wie in unseren Seelen", sagt Elvis Stiurins.

Die Männer finden auch heute kein Mitleid

Da taucht am Straßenrand Frau Schlachter mit ihrem Pudel "Lady" auf, eine 85-jährige Dame, die nicht weit vom Schloss wohnt. Sie erinnert sich gut an das Gräberfeld, das 200 Meter entfernt vom öffentlichen Ortsfriedhof lag. Um die 50 Kreuze habe sie wohl gesehen, als sie einmal einen Blick hineingewagt habe, sagt die Grundstücksnachbarin. Der Käufer des Hürbeler Schlosses, ein Privatmann, der Anfang der 80er Jahre mit der Kirche handelseinig wurde, spricht von "erheblich mehr Kreuzen", die er sah. Alles, was sichtbar war, ist ausgetilgt. Seit Jahren steht ein Einfamilienhaus auf dem einstigen Friedhofsgrund. Das Biberacher Sozialamt hat 2007 sämtliche Personalakten im Zusammenhang mit St. Josef und aus einer Zeit, da in den Totenscheinen von Kindern häufig "Schwäche" als Ursache eingetragen war, in den Schredder geworfen.

Elvis, Paul und Wolfgang sind überzeugt, Überlebende systematischer Misshandlungen zu sein, von denen tödliche Gefahr ausging. Sie leiden unter körperlichen Gebrechen, Wirbelsäulenveränderungen, Magenproblemen. Paul und Wolfgang besuchen Therapiestunden gegen Depressionen, Angstattacken und Symptome von Hospitalismus. Wolfgang Ott Dos Santos versuchte vor Jahren, sich umzubringen, Paul Nägele gleich zweimal; einmal sprang er von einem Baugerüst. Sie können sich nicht aussöhnen mit der Tatsache, ihrer Familien beraubt worden zu sein. Elvis Stiurins fand Briefe seiner Eltern, in denen sie die Herausgabe des Sohnes forderten. "Aber wenn ich gefragt habe, hat es geheißen, ich habe keine Eltern." Wolfgang Ott Dos Santos erfuhr mit 18 von einem Polizisten, dass seine Mutter bei einem Unfall verstorben sei und er zwei Schwestern habe.

Die Männer fanden als Kinder kein Mitleid und sie finden es heute nicht; weil Bitterkeit in ihren Worten liegt; weil ihr äußerer und innerer Zustand gegen sie spricht; auch weil "Super Nanny" und Co. das Fernsehpublikum so lange mit wahren und erfundenen Geschichten von Kindesmisshandlung konfrontiert haben, bis das Thema entwertet war. Aber die Wirklichkeit übertrumpft die Fiktion an Schrecklichkeit zuweilen doch. Eines der Heimkinder von Hürbel sitzt seit den 90er-Jahren als Vergewaltiger und Mörder alter Frauen, die er mit einem Hammer erschlug, im Gefängnis. Ein anderer Kirchenzögling der Einrichtung erstach im Erwachsenenalter im Zorn einen Taxifahrer.

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