Missbrauch im Säuglingsheim Die Erinnerungen trügen nicht

Politik/Baden-Württemberg: Rüdiger Bäßler (rub)

Im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren wechselten die Jungen ins Kinderheim in Oggelsbeuren, das bis in die 80er-Jahre von der Piuspflege betrieben worden war. Pflegefamilien, die Elvis und Wolfgang vorübergehend aufgenommen hatten, gaben die verhaltensauffälligen Kinder erschreckt in Kirchenobhut zurück. Warmherzig kümmerte sich in Oggelsbeuren ein Pfarrer um die Jungs, er kochte ihnen Essen zum Geburtstag und ließ sie in einer Ecke des integrierten Hauptschulgeländes rauchen. Dafür fummelte der Geistliche seinen Anbefohlenen bei jeder Gelegenheit an der Hose herum, zeigte ihnen Pornobilder und forderte zum Masturbieren auf. Einmal habe sich ein Junge beim Schulleiter beklagt, erinnert sich Elvis Stiurins. "Der bekam die Prügel seines Lebens." Er selber schwieg und schämte sich. Der Pfarrer lebt heute in Stuttgart. Eine Demenz hindere den Geistlichen daran, so hat eine Kommission der Diözese ermittelt, Auskunft über die Zeit von damals zu geben.

Geld kann nichts wieder gutmachen, was in 16 Heimjahren kaputt gemacht wurde. Aber für eine Beleidigung taugt es allemal. Bis zu 5000 Euro plus Therapiekosten, je nach Schwere des sexuellen Missbrauchs, ist die katholische Kirche nach Beschluss der Deutschen Bischofskonferenz für die Opfer der Vergangenheit freiwillig zu zahlen bereit. Die für Oberschwaben zuständige Diözese Rottenburg-Stuttgart hörte die drei Männer an, der Bischof Gebhard Fürst bat sie am 24. April vergangenen Jahres zu einem Gespräch in seinen Amtssitz. Ihnen wurden der zwölfseitige "Antrag auf Leistungen in Anerkennung des Leids, das Opfern sexuellen Missbrauchs zugefügt wurde", ausgehändigt. Darin soll auch "Datum und Uhrzeit der Tat(en)" benannt werden. Als die Männer andeuteten, sie erwarteten eine deutlich höhere Entschädigung, nämlich, im Einklang mit der Forderung des Vereins ehemaliger Heimkinder, 5000 Euro für jedes Heimjahr, war es vorbei mit der Freundlichkeit.

Es tut gut, kämpfen zu können

Elvis Stiurins schickte seither viele unfreundliche Mails an den Bischof in Stuttgart, zeigte Fürst sogar bei der Staatsanwaltschaft an. Die Männer haben sich einen Anwalt zur Durchsetzung ihrer Forderungen genommen. Auch die Diözese ließ ihre vorläufig letzte Nachricht im Mai dieses Jahres von einer Stuttgarter Anwaltskanzlei übermitteln. "Die von Ihnen geltend gemachten Forderungen können von meiner Mandantschaft nicht erfüllt werden", steht in einem knappen Brief.

Vor Kurzem erst, am 15. Juli, hat die Kommission sexueller Missbrauch der Diözese Rottenburg-Stuttgart unter Vorsitz des früheren SPD-Bundestagsabgeordneten Robert Antretter ihren 40-seitigen aktualisierten Tätigkeitsbericht vorgelegt. Darin steht ein bemerkenswerter Satz voller Wahrheit: "Es bleibt bedauerlicherweise in manchen Fällen unentschieden, ob man mutmaßlichen Opfern sowie Beschuldigten gerecht oder erneut und zusätzlich an ihnen schuldig wird."

Wolfgang Ott Dos Santos hat eine Frau fürs Leben gefunden und wohnt heute 150 Kilometer entfernt von der Stätte seiner Kindheitsschrecken. Elvis Stiurins hat sich vor zehn Jahren, nach kurzen Gefängnisaufenthalten wegen Körperverletzung und Drogenhandel, gefangen und führt zusammen mit einer Partnerin ein Café. Paul Nägele, der gelernte Landschaftsgärtner, hat eine Alkoholsucht überwunden und lebt mit Hunden in seinem verfallenden Elternhaus, praktisch ohne Geld, in einem Chaos aus Gegenständen und Dingen, die in Säcke und Kartons verpackt sind. Er selber stört sich nicht daran. Gegenseitig halfen sich diese drei Männer aus ihrer Hölle, sie sind Leidensgenossen, aber jeder ist auch des anderen Bürgen dafür, dass die Erinnerungen nicht trügen und Zweifler nicht eindringen können. Die Kirche mag sich erneut gegen sie stellen. Doch es tut gut, kämpfen zu können. Endlich.

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