Drei frühere Heimkinder aus St. Josef in Hürbel quälen die Erinnerungen. Im Entschädigungsverfahren stoßen sie erneut auf Härte.  

Politik/Baden-Württemberg: Rüdiger Bäßler (rub)

Stuttgart - Alles, was vermacht wurde, ist ein Name. Eine Mutter, geflohen aus Lettland und gestrandet in einem Ulmer Wohnheim, vergab ihn im Winter 1962 an ihren gerade geborenen Sohn: Elvis. Die fünf Buchstaben mögen ihr für Freiheit gestanden haben, einen Neuanfang, die Leichtigkeit des Seins, die es in ihrem eigenen Leben nicht gab. Dann erkrankte diese Frau. Der kleine Elvis kam auf Anordnung des Jugendamts ins damalige katholische Säuglingsheim St. Josef, einem alten Schloss im oberschwäbischen Hürbel. In diesem nach außen abgeschlossenen, gottesfürchtigen Kleinkosmos trug das Kind den Namen eines amerikanischen Sängers, vor dem Bürgersleute ihre Kinder warnten, der auf der Bühne obszöne Bewegungen vollführte und später lächerliche Glitzerkostüme trug. Elvis Stiurins sollte seine Eltern nie mehr wiedersehen dürfen.

Wer über seine ersten Kindheitserinnerungen nachsinnt, dem fällt womöglich ein funkelndes neues Fahrrad ein, ein Spiel im Meeressand mit Vater und Mutter oder der Geschmack von Zimtsternen im Advent. Elvis Stiurins erinnert sich an einen Geruch. Er entströmte den Gummieinlagen unter den Kindermatratzen im Schlafsaal von Hürbel, auf denen sich nachts der Urin der Bettnässer staute. In seinen Albträumen sieht er diese Kinderbetten noch heute und in der Ecke des Saals den Vorhang, hinter dem die katholische Schwester schlief oder Aufsicht führte, genau konnte man das nie wissen. "Wir hatten nichts, kein Spielzeug, keine Privatsphäre. Zuneigung gab's nicht, nur Schläge", sagt der 49-Jährige.

Die Spurensuche hörte nie auf

Trost mussten sich die Kinder selber spenden. Elvis, der später der stärkste unter den Jungen im Heim werden sollte, fand sich mit zwei weiteren Kindern zusammen, die ebenfalls ihren Müttern fortgenommen worden waren: Paul und Wolfgang. Die drei bildeten einen heimlichen Bund, der stärker wurde, je stärker der Druck durch die Heimregeln und die Willkür von Ordensschwestern und Lehrern wurde. Später, nach dem Hauptschulabschluss, als alle drei ins richtige Leben gestoßen wurden und feststellen mussten, dass sie ihm nicht gewachsen waren, gaben sie sich weiter Halt, munterten sich am Telefon auf, trafen sich gelegentlich, um sich immer wieder zu erzählen, was war und was werden soll. Zusammen suchten sie nach Spuren ihrer Familien, nach Akten, Briefen, Zeitzeugen. Das hörte nie auf.

Einige der finstersten Erinnerungsabschnitte, die Paul Nägele im Kopf brennen, haben auch mit dem Hürbeler Schlafsaal zu tun. Er sieht sich als am Bett festgebundenes Kind, das stets um Mitternacht von Älteren aus dem Schlag gerissen und auf einen Nachttopf gesetzt wird. Paul Nägele kann nicht exakt wissen, was ihm als Kleinkind widerfuhr, in jener Zeit seines Lebens, die später kein Verantwortlicher je bezeugt hat und keine einzige Fotografie. Aber er weiß genau, was er selber im Alter von acht bis zehn Jahren um Mitternacht mit den Jüngeren zu tun hatte. Manchen, die nicht aufhören wollten zu schreien, musste er Tabletten geben, deren Bezeichnungen er erst als Erwachsener verstand: Nobrium und Librium. Wer die Psychopharmaka geschluckt hatte, wurde schnell ruhig.

Tagsüber waren Paul und Elvis zum Arbeitseinsatz im Gemüsegarten des Kirchenheims eingeteilt. "Die Garten- und die Küchenschwester waren die nettesten. Die haben auch mal Zuneigung gezeigt", sagt Paul Nägele. Von den Beeten aus war es nicht weit zum verschlossenen, von dichten Hecken umstandenen Friedhof des Heims, auf dem weiß gekalkte Grabkreuze ohne Namen standen. Damals waren die verbotenen Ausflüge zum Kinderfriedhof nur eine Mutprobe, die den eintönigen Alltag belebte. Später drängten sich auch die Totenzeichen zwischen den Tujahecken unheilvoll in die Träume der Heimkinder.

Justizbehörde lehnte Ermittlungen ab

Der um zwei Jahre jüngere Wolfgang, unehelich im Dezember 1964 geboren und noch im Krankenhaus von der Mutter getrennt, durfte damals nicht in den Garten, er hatte seine ersten Arbeitseinsätze noch vor sich. Ihm wurde derselbe Schliff zuteil, der allen Kindern mit der Hand, mit dem Stock, unter der kalten Dusche oder in der verdunkelten Kammer unter der Treppe angedieh. Der Kinderfriedhof, für den es kein Verzeichnis zu geben scheint, ging ihm lebenslang nicht aus dem Kopf. Diesen Sommer stellte Wolfgang Ott Dos Santos Strafanzeige gegen Unbekannt bei der Staatsanwaltschaft Ravensburg wegen des Verdacht des fahrlässigen Tötung. Die Justizbehörde lehnte Ermittlungen ab: Alles längst verjährt.

Die Rückkehr an die Stätte der Vergangenheit fällt schwer, nichts Tröstliches findet sich hier, nichts, was zu verstehen hilft. Ein Teil des früheren Kinder- und Säuglingsheims ist heute ein skelettierter Bau, den niemand haben will. Nach vorne, zur Hauptstraße hin, hat jemand um des Dorfbildes willen Farbe auf den Putz gestrichen, im Hinterhof geben staubblinde Glasscheiben den Blick in ein ausgehöhltes, dämmriges Inneres frei. "Hier sieht es aus wie in unseren Seelen", sagt Elvis Stiurins.

Die Männer finden auch heute kein Mitleid

Da taucht am Straßenrand Frau Schlachter mit ihrem Pudel "Lady" auf, eine 85-jährige Dame, die nicht weit vom Schloss wohnt. Sie erinnert sich gut an das Gräberfeld, das 200 Meter entfernt vom öffentlichen Ortsfriedhof lag. Um die 50 Kreuze habe sie wohl gesehen, als sie einmal einen Blick hineingewagt habe, sagt die Grundstücksnachbarin. Der Käufer des Hürbeler Schlosses, ein Privatmann, der Anfang der 80er Jahre mit der Kirche handelseinig wurde, spricht von "erheblich mehr Kreuzen", die er sah. Alles, was sichtbar war, ist ausgetilgt. Seit Jahren steht ein Einfamilienhaus auf dem einstigen Friedhofsgrund. Das Biberacher Sozialamt hat 2007 sämtliche Personalakten im Zusammenhang mit St. Josef und aus einer Zeit, da in den Totenscheinen von Kindern häufig "Schwäche" als Ursache eingetragen war, in den Schredder geworfen.

Elvis, Paul und Wolfgang sind überzeugt, Überlebende systematischer Misshandlungen zu sein, von denen tödliche Gefahr ausging. Sie leiden unter körperlichen Gebrechen, Wirbelsäulenveränderungen, Magenproblemen. Paul und Wolfgang besuchen Therapiestunden gegen Depressionen, Angstattacken und Symptome von Hospitalismus. Wolfgang Ott Dos Santos versuchte vor Jahren, sich umzubringen, Paul Nägele gleich zweimal; einmal sprang er von einem Baugerüst. Sie können sich nicht aussöhnen mit der Tatsache, ihrer Familien beraubt worden zu sein. Elvis Stiurins fand Briefe seiner Eltern, in denen sie die Herausgabe des Sohnes forderten. "Aber wenn ich gefragt habe, hat es geheißen, ich habe keine Eltern." Wolfgang Ott Dos Santos erfuhr mit 18 von einem Polizisten, dass seine Mutter bei einem Unfall verstorben sei und er zwei Schwestern habe.

Die Männer fanden als Kinder kein Mitleid und sie finden es heute nicht; weil Bitterkeit in ihren Worten liegt; weil ihr äußerer und innerer Zustand gegen sie spricht; auch weil "Super Nanny" und Co. das Fernsehpublikum so lange mit wahren und erfundenen Geschichten von Kindesmisshandlung konfrontiert haben, bis das Thema entwertet war. Aber die Wirklichkeit übertrumpft die Fiktion an Schrecklichkeit zuweilen doch. Eines der Heimkinder von Hürbel sitzt seit den 90er-Jahren als Vergewaltiger und Mörder alter Frauen, die er mit einem Hammer erschlug, im Gefängnis. Ein anderer Kirchenzögling der Einrichtung erstach im Erwachsenenalter im Zorn einen Taxifahrer.

Die Erinnerungen trügen nicht

Im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren wechselten die Jungen ins Kinderheim in Oggelsbeuren, das bis in die 80er-Jahre von der Piuspflege betrieben worden war. Pflegefamilien, die Elvis und Wolfgang vorübergehend aufgenommen hatten, gaben die verhaltensauffälligen Kinder erschreckt in Kirchenobhut zurück. Warmherzig kümmerte sich in Oggelsbeuren ein Pfarrer um die Jungs, er kochte ihnen Essen zum Geburtstag und ließ sie in einer Ecke des integrierten Hauptschulgeländes rauchen. Dafür fummelte der Geistliche seinen Anbefohlenen bei jeder Gelegenheit an der Hose herum, zeigte ihnen Pornobilder und forderte zum Masturbieren auf. Einmal habe sich ein Junge beim Schulleiter beklagt, erinnert sich Elvis Stiurins. "Der bekam die Prügel seines Lebens." Er selber schwieg und schämte sich. Der Pfarrer lebt heute in Stuttgart. Eine Demenz hindere den Geistlichen daran, so hat eine Kommission der Diözese ermittelt, Auskunft über die Zeit von damals zu geben.

Geld kann nichts wieder gutmachen, was in 16 Heimjahren kaputt gemacht wurde. Aber für eine Beleidigung taugt es allemal. Bis zu 5000 Euro plus Therapiekosten, je nach Schwere des sexuellen Missbrauchs, ist die katholische Kirche nach Beschluss der Deutschen Bischofskonferenz für die Opfer der Vergangenheit freiwillig zu zahlen bereit. Die für Oberschwaben zuständige Diözese Rottenburg-Stuttgart hörte die drei Männer an, der Bischof Gebhard Fürst bat sie am 24. April vergangenen Jahres zu einem Gespräch in seinen Amtssitz. Ihnen wurden der zwölfseitige "Antrag auf Leistungen in Anerkennung des Leids, das Opfern sexuellen Missbrauchs zugefügt wurde", ausgehändigt. Darin soll auch "Datum und Uhrzeit der Tat(en)" benannt werden. Als die Männer andeuteten, sie erwarteten eine deutlich höhere Entschädigung, nämlich, im Einklang mit der Forderung des Vereins ehemaliger Heimkinder, 5000 Euro für jedes Heimjahr, war es vorbei mit der Freundlichkeit.

Es tut gut, kämpfen zu können

Elvis Stiurins schickte seither viele unfreundliche Mails an den Bischof in Stuttgart, zeigte Fürst sogar bei der Staatsanwaltschaft an. Die Männer haben sich einen Anwalt zur Durchsetzung ihrer Forderungen genommen. Auch die Diözese ließ ihre vorläufig letzte Nachricht im Mai dieses Jahres von einer Stuttgarter Anwaltskanzlei übermitteln. "Die von Ihnen geltend gemachten Forderungen können von meiner Mandantschaft nicht erfüllt werden", steht in einem knappen Brief.

Vor Kurzem erst, am 15. Juli, hat die Kommission sexueller Missbrauch der Diözese Rottenburg-Stuttgart unter Vorsitz des früheren SPD-Bundestagsabgeordneten Robert Antretter ihren 40-seitigen aktualisierten Tätigkeitsbericht vorgelegt. Darin steht ein bemerkenswerter Satz voller Wahrheit: "Es bleibt bedauerlicherweise in manchen Fällen unentschieden, ob man mutmaßlichen Opfern sowie Beschuldigten gerecht oder erneut und zusätzlich an ihnen schuldig wird."

Wolfgang Ott Dos Santos hat eine Frau fürs Leben gefunden und wohnt heute 150 Kilometer entfernt von der Stätte seiner Kindheitsschrecken. Elvis Stiurins hat sich vor zehn Jahren, nach kurzen Gefängnisaufenthalten wegen Körperverletzung und Drogenhandel, gefangen und führt zusammen mit einer Partnerin ein Café. Paul Nägele, der gelernte Landschaftsgärtner, hat eine Alkoholsucht überwunden und lebt mit Hunden in seinem verfallenden Elternhaus, praktisch ohne Geld, in einem Chaos aus Gegenständen und Dingen, die in Säcke und Kartons verpackt sind. Er selber stört sich nicht daran. Gegenseitig halfen sich diese drei Männer aus ihrer Hölle, sie sind Leidensgenossen, aber jeder ist auch des anderen Bürgen dafür, dass die Erinnerungen nicht trügen und Zweifler nicht eindringen können. Die Kirche mag sich erneut gegen sie stellen. Doch es tut gut, kämpfen zu können. Endlich.

Kirche will Missbrauchsfälle aufklären

Opfer: Eine Fachkommission der Deutschen Bischofskonferenz und der Deutschen Ordensobernkonferenz hat bundesweit bisher 579 Anträge auf Schmerzensgeld im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch bearbeitet. Laut einem Sprecher sind 569 dieser Anträge, mit einer Empfehlung zur Schadensbegleichung, an die zuständigen Diözesen weitergeleitet worden. Bei der Diözese Rottenburg-Stuttgart haben sich laut dem Bericht der Kommission sexueller Missbrauch 81 Personen als Opfer zu erkennen gegeben. 35 haben bisher formelle Anträge auf eine finanzielle Anerkennung gestellt. 30 dieser Fälle stehen, wie es heißt, kurz vor der Auszahlung.

Täter: Die Diözese unter Bischof Gebhard Fürst führt im neuesten Bericht 64 Beschuldigte auf, gegen die ermittelt wurde oder noch wird: Priester, Laien und Ordensangehörige. Acht dieser Beschuldigten erwiesen sich laut Kirche als unschuldig, 30 sind verstorben. Es gab im Fall überführter Täter Entlassungen, Versetzungen, Bezugskürzungen oder so genannte Monitiones, das sind kirchenrechtliche Verwarnungen. Die Deutsche Bischofskonferenz gibt keine überregionalen Zahlen über Täter und Verdächtige bekannt.

Auslöser: Anfang 2010 löste der Brief von Pater Klaus Mertes über den Missbrauch am Berliner Canisius-Kolleg eine Welle schockierender Enthüllungen aus, die unter anderem das Odenwald-Internat betraf. Erst durch eine Reihe von Publikationen im ganzen Land wurden Opfer ermutigt, sich zu melden, obwohl die Taten oft Jahrzehnte zurücklagen. Die Bundesregierung gründete einen Runden Tisch "Sexueller Kindesmissbrauch". Die Austritte aus der katholischen Kirche stiegen dramatisch an.

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