Missbrauch in der katholischen Kirche 1000 Opfer, 300 Täter

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Ob Pfarrer, Bischof oder Kardinal: Kein noch so hohes Amt darf in der katholischen Kirche jene schützen, die sexuellen Missbrauch verschleiern und die Täter schützen, meint unser Kommentator.

Ermittlungsbehörden im US-Bundesstaat Pennsylvania haben erschütternde Details über das Ausmaß von sexuellem Missbrauch und dessen Vertuschung in der katholischen Kirche der USA ans Licht gebracht. Foto: dpa
Ermittlungsbehörden im US-Bundesstaat Pennsylvania haben erschütternde Details über das Ausmaß von sexuellem Missbrauch und dessen Vertuschung in der katholischen Kirche der USA ans Licht gebracht. Foto: dpa

Harrisburg/Washington/Stuttgart - USA, Chile, Irland, Australien, Brasilien, Belgien, Frankreich, Indien, Italien, Deutschland . . . Die Liste der Länder, wo katholische Priester Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht und für ihr ganzes Leben gezeichnet haben, ist erschreckend lang.

Der Abschlussbericht der Generalstaatsanwaltschaft, der jetzt im US-Bundesstaat Pennsylvania vorgelegt wurde, ist nur ein Puzzleteil in einem weltumspannenden Missbrauchsskandal, der die katholische Kirche seit Jahren erschüttert.

„Die Männer Gottes haben alles verheimlicht“

Mindestens 1000 Kinder seien von mehr als 300 Priestern systematisch missbraucht worden, heißt es in dem 884 Seiten umfassenden Bericht des Geschworenengremiums. Die abscheulichen Taten in den sechs katholischen Diözesen sollen über einen Zeitraum von 70 Jahren stattgefunden haben. Der Generalstaatsanwalt von Pennsylvania, Josh Shapiro, spricht von „jahrzehntelanger Vertuschung“ durch ranghohe Kirchenobere in Pennsylvania und im Vatikan.

„Priester vergewaltigten kleine Jungen und Mädchen, und die Männer Gottes, die für sie verantwortlich waren, haben nicht nur nichts unternommen. Sie haben alles verheimlicht.“ Der Vorwurf der Vertuschung richtet sich vor allem gegen den Erzbischof von Washington, Kardinal Donald Wuerl (77), der von 1988 bis 2006 Bischof von Pittsburgh war.

Chronik unfassbaren Schreckens

Der Bericht der Grand Jury liest sich wie eine Chronik unfassbaren Schreckens. Die meisten Opfer waren demnach Jungen. Die klerikalen Täter hätten Alkohol und Pornografie eingesetzt, um ihre Opfer gefügig zu machen. Sie seien begrapscht und vergewaltigt worden. Auch eine Abtreibung soll es gegeben haben.

Der Bericht betont aber auch, dass sich in den vergangenen 15 Jahren in der Kirche der USA viel verändert habe. Die sechs betroffenen Diözesen hätten bei der Erarbeitung des Berichts geholfen, betont Shapiro. Er verweist zugleich darauf, dass zwei Priester jedoch noch doch innerhalb der vergangenen zehn Jahre Kinder missbraucht hätten.

Doppelmoral und Heuchelei

Hat die katholische Kirche ihren Lehren gezogen? Sind die Weichen gestellt, dass jetzt und in Zukunft Kinder vor sexuellen Missbrauch durch Geistliche und Kirchenmitarbeiter besser geschützt sind?

Die Vertuschungen und Verharmlosungen, die bischöfliche Ordinariate in aller Welt über Jahrzehnte praktizierten, haben eine Doppelmoral und Heuchelei offenbart, die von den meisten Christen wie Nichtchristen für unmöglich gehalten wurde. Schweigen und Wegsehen waren wichtiger als der Dienst an der Wahrheit, welche die Kirche sonst geradezu exklusiv für sich beansprucht.

Mancher Bischof mag mit dem Gedanken gespielt haben, die Akten irgendwann wieder zu schließen und das leidige Missbrauchsthema ruhen zu lassen, um wieder Frieden in seine Diözese einkehren zu lassen. Doch mit einem Schlussstrich wird sich die tiefe Glaubwürdigkeitskrise der Kirche nicht lösen lassen.

Systematische Lüge und Vertuschung

Besonders bedrückend ist, dass es sich nicht um einzelne pädophile Gottesmänner gehandelt hat, die sich versündigt haben, sondern dass Lüge und Vertuschung im System begründet lagen. Weil die katholische Kirche als Institution „qua definitionem“ immer heilig und unversehrt ist und auch klerikale Täter Teil dieses unfehlbaren Systems sind, wurden die Opfer von offizieller Seite gebrandmarkt, ignoriert, ihre Leiden totgeschwiegen. Der Schutz der Institution war wichtiger als die Hilfe für die Opfer.

Ob die Kirche den begonnenen Weg der Selbstreinigung weiter einschlagen wird? Mit dem derzeitigen Papst an der Spitze ist das zu hoffen. Franziskus treibt – intensiver noch als sein Vorgänger Benedikt XVI., der immer wieder schwere Fehler der Kirche eingeräumt hat – die dringend gebotenen Reformen voran. Alles andere als Aufbruch wäre Rückschritt. Die Katholische Kirche hat die Wahl.




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