Nur 16 Tage nach seiner Haftentlassung kehrt der 25-jährige Fußballprofi des VfB Stuttgart auf den Platz zurück – hier erfahren Sie die Hintergründe.

Sport: Carlos Ubina (cu)

Minutenlang musste er noch mal auf diesen Augenblick warten. Atakan Karazor stand an der Außenlinie und geduldete sich, bis ihn der Trainer Pellegrino Matarazzo auf den Platz schickte. Endlich wieder Bundesliga-Fußball, zumindest für kurze Zeit. So mag sich das für den Mittelfeldspieler des VfB Stuttgart angefühlt haben unmittelbar vor seiner Einwechslung. Schließlich kam er in der Nachspielzeit für Torschütze Naouirou Ahamada in die Begegnung mit RB Leipzig. Beim 1:1 gewann der 25-Jährige damit für sich ein Stück Normalität zurück.

Sechs lange Wochen saß Karazor auf der spanischen Ferieninsel Ibiza in Untersuchungshaft, ehe er auf Kaution und gegen Meldeauflagen frei kam. Gegen ihn wird nach wie vor wegen eines Sexualdelikts ermittelt. Es droht ein juristisches Nachspiel. Das geht an die Nerven, und erst vergangene Woche stieg Karazor in das Mannschaftstraining ein. Ein Einsatz ohne die Teilnahme an der Vorbereitung schien da zunächst weit weg. Doch nun die Überraschung am Sonntagnachmittag, 16 Tage nach der Haftentlassung.

Das sagt Trainer Pellegrino Matarazzo

„Ich wusste schon vorher, dass er näher an einem Einsatz dran ist, als es zunächst vor dem Spiel den Anschein hatte. Ich wollte aber das Feuer ein bisschen raushalten“, sagt Matarazzo. Bei den Leistungstests nach seiner Rückkehr habe Karazor „maximal überrascht“, ergänzt der Sportdirektor Sven Mislintat. Der Mittelfeldmann sei topfit.

Offenbar hatte der Defensivstratege während der Haft die Möglichkeit, ordentlich zu trainieren. Was er getan hat. Zudem ist er ohnehin ein Ausdauertyp. Weshalb es nun ein schnelles Comeback auf dem Rasen der Mercedes-Benz-Arena gab. Aus sportlicher Sicht nachvollziehbar, da der VfB in der Schlussphase gegen die Sachsen mächtig unter Druck geriet. Es galt, das Zentrum zu stärken, um so das Unentschieden zu verteidigen – und einen anderen Spieler mit diesem Profil hatte der VfB nicht im Spieltagskader.

Mit seiner Kopfball- und Zweikampfstärke sollte Karazor helfen, den ersten Saisonpunkt zu sichern. Aber nicht nur. „Ich freue mich, dass er wieder da ist“, sagt Matarazzo, „er geht Tag für Tag mehr auf, und seine Stimme in der Kabine ist wichtig.“ Aber auch auf dem Feld gibt er Kommandos. Karazor zählt zu den Führungskräften im Team, wenngleich er nicht laut auftritt. So avancierte der Mann mit der Rückennummer 16 im Abstiegskampf der vergangenen Saison zum Stabilisator. Erst im Mai wurde sein Vertrag bis 2026 vorzeitig verlängert.

Das Bekenntnis von Sven Mislintat

Anfang Juni gelangte dann die Nachricht seiner Verhaftung von der Baleareninsel an den Neckar. Die spanischen Behörden hatten Karazor und einen gleichaltrigen Freund während ihres Urlaubs wegen des Verdachts einer Vergewaltigung festgesetzt.

Die folgenden Informationen flossen spärlich. Auch an den Club, der stets die Unschuldsvermutung für seinen Angestellten geltend macht. Das ist nach wie vor so. Und da Karazor, der die schwerwiegenden Vorwürfe bestreitet, sich körperlich und mental in der Lage sieht, zu spielen, sieht der VfB kein Problem darin, ihn einzusetzen. „Er ist ganz klar unser Spieler und ein volles Mitglied des Teams“, hatte Mislintat bereits vor zwei Wochen erklärt – und will sich nicht ständig wiederholen.