Alle sprechen von Diversity, Plussize-Models sind gefeierte Superstars, doch schaut man sich die Laufstege genau an, sieht man immer noch klapperdünne Beine und hervorstehende Schlüsselbeine. Noch bis vor ein paar Jahren gehörte Anne-Sophie Monrad dazu, lief für Chanel und Armani – und hungerte, um die auf den Fashion Weeks geforderten Maße einzuhalten. Bis sie es nicht mehr aushielt: Das ewige Messen vor den Schauen, die Gespräche mit anderen Models, die sich nur ums Abnehmen drehten. Monrad spielte das Spiel nicht mehr mit, überwand eine Essstörung und schrieb ein Buch über die Schattenseiten des glamourösen Modellebens: „Fashion Victim“.
Die Daten zeigen es: Die Zahl der Plus- oder Midsize-Models auf den Fashion Weeks ist gesunken. Auch bei den vergangenen Schauen sah man wieder sehr dünne Models. Ist das auch Ihr Eindruck?
Anne-Sophie Monrad: Dieser Curvy-Trend war ja nie so richtig wahr. Size zero war nie weg. Er generierte zwar enorme Aufmerksamkeit: Sieh an, plötzlich sind auch Frauen mit Kurven auf den Laufstegen. Aber das ist ein sehr kleiner Markt. Bei der Haute Couture wird weiter gemessen. Models wird Wochen vorher schon gesagt: Abnehmen. Der Körper wird permanent kommentiert und wenn da ein Zentimeter zuviel ist, dann vor allem negativ. Bist du „in shape“, wie es in der Branche heißt, bekommst du Aufmerksamkeit und Anerkennung.
Woran liegt es, dass auf den Laufstegen vor allem dünne Models gefragt sind, wenn die Normalfrau doch Größe 38 bis 40 trägt?
Es ist unglaublich schwer, einen Modelkörper zu erreichen und ich möchte betonen, wie gefährlich der Weg zu diesem Ziel ist. Vielleicht ist diese „Unerreichbarkeit“ attraktiv für Kundinnen und Kunden. Aber zu welchem Preis? Es wäre doch so einfach, das zu ändern. In den 60er Jahren waren Rundungen à la Sophia Loren gefragt. Schönheitsideale sind nicht in Stein gemeißelt.
2009, da ist Anne-Sophie Monrad 17, bekommt sie ihren ersten Vertrag mit einer Modelagentur. Ziemlich schnell startet die Flensburgerin durch, läuft für Chanel oder Armani über die Laufstege von Paris oder Mailand.
Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Eigentlich war ich ja noch Schülerin, aber ich war kaum noch im Unterricht. Und ständig war mein Gewicht ein Thema. Schon als ich den Vertrag unterschrieb, war die Abmachung mit der Modelagentur, dass ich abnehmen sollte. Dabei war ich keinesfalls zu dick. Ich hatte ein normales Essverhalten. Doch kaum arbeitete ich als Model, kreisten meine Gedanken ständig darum, wie ich abnehmen könnte. Saß ich mit anderen Models zusammen, drehten sich die Gespräche nur ums Abnehmen und Diättipps. Es dauerte nicht lang und ich war essgestört. Ich hatte gar kein wirkliches Diätkonzept, habe einfach so wenig gegessen wie ich konnte.
Monrads Karriere hebt ab. Für Chanel macht sie eine Parfümkampagne. Für den Modedesigner Jean Paul Gaultier höchstpersönlich arbeitet die Deutsche als „fitting model“, an dem der französische Couturier seine Entwürfe ausprobiert. Gaultier, betont Monrad, habe sich nie über ihr Gewicht beschwert oder an einem Kilo zu viel herumgemäkelt.
Wie wichtig war für die Kunden, die Sie buchten, Ihr Gewicht?
Jedes Kilo mehr wurde als Problem gesehen. War man „in shape“ gab es Lob, sonst wurde man nicht einmal angeschaut. Das Schlimmste für mich waren aber die Fashion Weeks: Alle zwei Tage wurde man gemessen. Das war wirklich Terror – was soll sich denn in 48 Stunden tun? Ich empfand es so, dass es vor allem darum ging, die Mädchen zu kontrollieren und einzuschüchtern.
Wie meinen Sie das?
Mir wurde zum Beispiel vorgeschlagen, ich solle doch „kurz nach Brasilien“ fliegen, um eine Fettabsaugung zu machen. Mädchen, die nicht „in shape“ waren, wurden vor allen anderen „Fatty“ genannt. Der Körper wurde permanent kommentiert. Eine Designerin klatschte mir aufs Hinterteil und schimpfte über meine „Löwenschenkel“.
Hat es jemanden gekümmert, dass Sie auf ungesunde Weise Gewicht verloren?
Alle wissen Bescheid, dass Models nicht gesund leben. Sechs Jahre hatte ich meine Periode nicht. Als ich das bei meiner Agentur ansprach, wurde es abgetan. Es wird billigend in Kauf genommen, dass die Models mit ihrer Gesundheit spielen.
Haben Ihre Eltern nicht eingegriffen?
Natürlich waren meine Eltern besorgt, aber sie hätten mich nicht stoppen können. Ich war so besessen davon, den Ansprüchen zu genügen. Das war eine Branche, die meine Eltern nicht kannten, und sie haben denen vertraut, die sich angeblich für mich einsetzen sollten. Wir waren alle blind.
2018 ist Anne-Sophie Monrad an dem Punkt, an dem sie denkt: So geht es nicht weiter. Sie sieht die Schauen in New York, sieht die mageren Models – und schreibt einen Instagrampost, der es in sich hat: „Ich weiß, wie verdammt hart das ist: Zu hungern, weil jemand dir gesagt hat, du wirst der nächste Star. Du freust dich, dass du deine Periode nicht mehr kriegst, denn dafür bekommst du vielleicht eine gute Show.“
Ich habe diese klapperdünnen Beine gesehen und dachte mir nur: Ich halte das nicht mehr aus. Nach meinem Instagramposting habe ich einen Gastbeitrag in der FAZ geschrieben. Und dann kam ziemlich schnell mein Buch „Fashion Victim“. Das Buch war wie ein Versprechen an mich selbst: So mache ich das nicht mehr. Ich musste eine Therapie machen, um meine Essstörung zu überwinden. Die Agentur, bei der ich jetzt bin, weiß genau: Ich bin wie ich bin, ich nehme nicht ab – aber auch nicht zu.
Zu?
Ja. Mit meinem Gewicht bin ich eigentlich zu durchschnittlich – nicht dünn, aber auch nicht curvy genug.
Sind die Aufträge weniger geworden, seit Sie das Spiel nicht mehr mitspielen?
Auf jeden Fall. Zum einen gibt es für Models mit Durchschnittsgewicht wie mich keinen wirklichen Markt. Zum anderen sehen mich manche auch als Gefahr: Die lässt sich nicht alles gefallen, die ist aufmüpfig, die packt aus. Wenn man lernt, Nein zu sagen, ist man unbequem.
Die Aufträge sind spärlicher geworden, aber dafür kann Anne-Sophie Monrad sie mehr genießen. Kürzlich lief sie auf den Fashion Weeks in Barcelona und Amsterdam: „Mit Frühstück im Bauch macht das auch mehr Spaß.“ Und mit Menschen um sie herum, die sie so akzeptieren wie sie ist. Monrad ist 32. Inzwischen plant sie für die Zeit nach dem Modeln. Gerade ist sie dabei, ein Unternehmen zu gründen. Was, will sie noch nicht verraten, nur so viel: „Es hat überhaupt nichts mit Mode oder Modeln zu tun.“
Es gibt Menschen, die sagen: Das alles ist eben der Preis für eine glamouröse Modelkarriere, die ja auch ziemlich viel Geld einbringt. Was entgegnen Sie denen?
Dass es nicht so sein muss. Nicht menschenverachtend und auch nicht gesundheitsgefährdend. Das sind ganz junge Mädchen, beinahe noch Kinder, die extrem beeinflussbar sind und denen systematisch abtrainiert wird, Nein zu sagen. Die Modebranche hat eine Verantwortung für sie – und wird der ganz und gar nicht gerecht.
Das knallharte Geschäft mit der Schönheit
Aus Flensburg auf die Laufstege
Anne-Sophie Monrad (32) war 17, als sie ihren ersten Vertrag bei einer Modelagentur unterschrieb. Bald lief die Flensburgerin für alle großen Modehäuser über den Laufsteg, machte für Chanel eine Parfümkampagne und war Jean Paul Gaultiers „fitting model“. 2018 schrieb sie einen Instagram-Post, in dem sie den Magerwahn in der Modebranche anprangerte. 2020 erschien ihr Buch „Fashion Victim“ (dtv, 16,95 Euro). Monrad lebt heute in Berlin.
Fashion Weeks
New York, London, Mailand und Paris – das sind „die großen Vier“, die wichtigsten Modewochen der Welt. Sie beginnen in diesem Jahr am 7. September mit den Schauen in New York. Den Abschluss macht wie üblich Paris (25. September bis 3. Oktober).