Die Wohntrends für das Jahr 2024 haben einiges zu bieten: knallbunte Möbel, edle Oberflächen, geschwungene Formen. Und das tröstliche Gefühl, dass das Leben lustiger ist, als es gerade scheint.
Mit neuen Möbeln, das mal vorweg, lassen sich keine Probleme lösen, von globalen Krisen ganz zu schweigen. Mitunter kann die Bestellung eines teuren Designersofas sogar neue Kalamitäten provozieren, falls das Konto dank Inflation und steigender Wohnnebenkosten leer ist wie ein Nistkasten im Winter.
Aus den Fugen
Tatsächlich kann man sich des Eindrucks ja nicht erwehren, dass die Welt aus den Fugen geraten ist. Die Leute suchen, das ist zutiefst menschlich, nach Hoffnung, ein bisschen Freude. Wenn draußen alles deprimierend ist, so kann man wenigstens zwischen den eigenen vier Wänden für etwas Ablenkung und Spaß sorgen. Dafür gibt es Dinge, die farbenfroh, geschwungen geformt und deshalb womöglich stimulierend wirken.
Den Dopamin-Booster gibt es daher mal nicht in der Apotheke an der Ecke, sondern beim Möbelhändler des Vertrauens. Auf den gerade zu Ende gegangenen Möbelmessen in Köln, der imm cologne, und auf der Messe Maison & Objet in Paris ist man gut beraten gewesen, mit der Sonnenbrille durch die Hallen zu schlendern, um keine Netzhautreizungen davonzutragen, so bunt und scheinbar losgelöst von allen formalen Zwängen wirkten die neuen Einrichtungsideen.
Die bevorzugte Farbpalette für die kommende Zeit verweist auf die sagenumwobene, irgendwie rebellische Dekade der 70er, in der zwar auch nicht alles Gold war, dafür aber orange und gelb wie eine Kiste mit frischen Zitrusfrüchten. Sauer und grell macht angeblich lustig. Dazu ein schokoladiges Braun oder ein Giftgrün, das bei Porsche ab dem Jahr 1973 Vipergrün hieß – die älteren 911er-Fahrer werden sich mit wohligem Schauder erinnern.
Ganz ähnliche Gefühle befallen einen bei der möglichen farblichen Konfiguration der Regalsysteme der dänischen Firma Montana. Diese Farbexplosion ist wie ein Köpper ins Bällebad. Andere Label, etwa die deutschen Hersteller Schönbuch und Freifrau, die in diesem Jahr in Köln vertreten waren, setzen ebenfalls auf starke farbliche Akzente und Kontraste.
Farbenfrohes von der Firma Bretz auf der Messe in Köln 2024. Foto: Hersteller
Oder die Firma Bretz, die bei der imm cologne das Auge lockte. Das Familienunternehmen wurde im Jahr 1895 im rheinhessischen Gensingen gegründet und hat sich vom Massenmöbelhersteller zu einer feinen Manufaktur entwickelt. Ihr Markenzeichen sind Samtsofas in knallig bunten Farben.
Apropos Gift: Nicht alles war damals, also in den 70ern besser, was man schon am Thema Plastik erkennen kann: Dass Kunststoff aus ökologischen Gründen problematisch sein könnte, kam den Möbeldesignern und -herstellern nicht in den Sinn. Plastik galt seinerzeit als fantastischer Werkstoff, Designer wie Verner Panton oder Charles Eames waren begeistert von der Formbarkeit des Materials.
Heute wird Plastik verteufelt – oder bestenfalls recycelt. Beispielhaft agiert in diesem Sinne der italienische Hersteller Magis, der den „Air Chair“ von Jasper Morrison von 1999 neu aufgelegt hat: gefertigt aus den Plastik- und Aluminiumkomponenten von Polylaminat-Behältern. Für die Italiener ist das allerdings keine Premiere.
Stühle aus Abfall
Mit dem „Bell Chair“ entwickelten der Münchner Top-Designer Konstantin Grcic und Magis schon 2020 nicht nur einen sehr preiswerten Stuhl, sondern vor allem einen nachhaltigen: Der „Bell Chair“ besteht aus recyceltem Polypropylen, das aus Abfällen gewonnen wird.
Nachhaltigkeit, Kreislauffähigkeit und Langlebigkeit beeinflussen zunehmend die Auswahl der Einrichtungsgegenstände, prägen andererseits aber auch deren Design. Die hautfreundliche Haptik ist entscheidend, natürliche Materialien und biologisch unbedenkliche Lackierungen werden von der bewusst konsumierenden Kundschaft verlangt, selbst wenn die quietschbunte Farbgebung oder die extravagante Form das Gegenteil suggerieren. Und bei allem Pop ist der Herkunftsnachweis wichtig: je regionaler, desto gewissenhafter.
Verjüngungskuren und Bastelanleitungen
Hersteller müssen diese Trends berücksichtigen und sich gleichzeitig von Konkurrenten abheben. Rolf Benz versucht es mit einer Verjüngungskur. Der traditionelle Sofahersteller aus Nagold im Schwarzwald hat zu diesem Zwecke eine zweite Marke gegründet: Mit „freistil“ werde ein urbanes Publikum angesprochen, hieß es. Das Sofa „Echt“ wird in Einzelteilen an die Kundschaft verschickt, die wiederum nach Gebrauch das Möbelstück in seine Teile zerlegen und entsorgen kann. Klebstoff wird nicht verwendet.
Dass sich die Menschen die Mühe in diesen unangenehmen Zeiten überhaupt noch machen wollen, ist ein gutes Zeichen. Ob die Farben nun kreischend bunt sind oder nicht, ist dann auch schon egal. Für eine der weltweit bekanntesten Trend- und Konsumforscherinnen, die Niederländerin Lidewij Edelkoort, ist diese politisch heikle Phase, in der wir uns gerade befinden, geprägt von einer „Great Disruption“, einer „großen Erschütterung“, die die Menschen in zwei Gruppen unterteilt.
Da wären die einen, die sich infolge der multiplen Krisen innerlich zurückziehen würden, möglicherweise über berufliche Veränderungen nachdenken, den Wegzug aus der Stadt erwägen und ein minimalistisches, ruhigeres Leben näher an der Natur präferieren.
Man feiert das Leben
Und dann gäbe es noch die anderen, die die Diversität feiern, neue Leute kennenlernen wollen. „Das Design reagiert auf die radikalen Umbrüche in unserer Zeit mit leidenschaftlichen Formen, organischen Stoffen, mitreißenden Farben und gefühlsbetonten Oberflächen.“ Immerhin hat man die Qual der Wahl. Und wer es am Ende zu bunt treibt in seinem poppigen Wohnzimmer, kann ja notfalls eine Sonnenbrille aufsetzen. Bis zum nächsten Trend.