Möbelmesse Köln Das sind die Wohntrends

Macht sich im Kreativbüro ebenso gut wie in einem schicken Loft daheim: Tisch von David Chipperfield und Stühle von Stefan Diez für die in Frankfurt ansässige Firma E15. An dem Tisch findet eine Großfamilie Platz. Aber auch als Arbeitsplatz, mit kleinen Filzplatten in den Tisch geklemmt, lassen sich Arbeitsinseln schaffen. Foto: Hersteller

Wohnst du noch oder arbeitest du schon? Ein Gang über die Internationale Möbelmesse in Köln zeigt, wie Lebens- und Bürobereiche sich angleichen. Grund dafür ist auch der Wahnsinn auf dem Wohnungsmarkt.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Köln - In den Hallen, in denen jene Möbelfirmen ausstellen, die von Designbloggern geliebt werden, herrscht hysterisches Entzücken. Junge, hip aussehende Menschen bilden Trauben, drängeln, zücken ihre Digitalkameras. Sie stehen an einem Stand vor einem Wohnbeispiel, das drehbare, gepolsterte Sessel um einen Tisch herum versammelt. Besprechungssalon im Büro oder ein Ensemble fürs Esszimmer? Sowohl als auch.

 

Ähnliches Bild an anderer Stelle. Bei Thonet wird das 200-Jahr-Jubiläum der Firma gefeiert und 100 Jahre Bauhaus. Zu Ehren der Gestaltungsschule haben die Designer Eva Marguerre und Marcel Besau Ikonen von Mies van der Rohe und Co. neu interpretiert. Dem Freischwinger von Marcel Breuer und Mart Stam etwa unterlegen sie Rollen. Jetzt ist der Klassiker von 1929 unter dem Namen „S 64 VDR Atelier“ nicht nur für die gute Stube tauglich, sondern auch fürs Büro.

Platzsparend müssen Möbel sein

Oder für ein Homeoffice, das in Wirklichkeit keines ist. Menschen, die daheim arbeiten, freiberuflich oder fest angestellt, residieren nicht zwangsläufig in Zehn-Zimmer-Villen. Wenn sie in Stuttgart, Hamburg oder sonst einer Stadt leben, in denen die Mieten absurd hoch sind (von Japan ganz zu schweigen, wo der Durchschnittsmensch in Tokio auf rund 17 Quadratmetern haust), haben sie nur wenig Platz zur Verfügung und das „Arbeitszimmer“ ist in Wirklichkeit gleichzeitig auch Wohn-/Ess- und Schlafzimmer.

Ein klassischer Schreibtisch verlangt aber viel Raum und ergonomisch korrekte Schreibtischstühle sind oft klobig. Schicker sieht im Ein-Zimmer-Apartment schon ein Sekretär wie der von ClassiCon aus, der schmal wie ein Sideboard ist. Die Oberfläche des Tisches aus starkem Kernleder lässt sich aufrollen oder umklappen, um darunterliegende Fächer freizugeben.

Andere Hersteller reagieren auf das Bedürfnis nach platzsparenden, multifunktionalen Möbeln, indem sie – wie Vitra, Menu, Muuto, MDF-Italia – Rollen unter Stühle und Sessel schrauben. Oder beliebte Serien polstern – Stefan Diez’ „Houdini“-Stühle (für die in Frankfurt ansässige Firma E15) kommen nun mit Samtpolster daher.

Ein Esstisch, an dem man auch arbeiten kann

Der britische Architekt David Chipperfield hat für E15 außerdem einen Esstisch entworfen, der aussieht, als wäre er für ein bullerbühaftes Großfamilien-Idyll konzipiert. Massiv, handwerklich solide gearbeitet, aus Holz. Ein Ort, an dem gemeinsam gegessen, gefeiert, gespielt werden will. Es ist dies aber auch ein Gabentisch für Technikfreunde. Computerkabel können verstaut werden, einsteckbare Filzplatten machen aus dem Tisch mehrere Arbeitsinseln, Trennwände mit magnetischen Funktionen dienen als Notizzettelhalter.

Selbst bei Accessoires lassen sich Gestalter von der Arbeitswelt inspirieren. Der junge Designer Sebastian Herkner zum Beispiel, der auf der Messe mit derart vielen schönen Neuheiten vertreten ist, dass man sich nicht nur fragt, ob er unermüdlich arbeitet, sondern auch vermutet, dass er niemals schläft. Für Schönbuch hat er Behälter kreiert, in denen Wollknäuel, Knöpfe, Schuhputzmittel und Papier versteckt werden können – ihre Form: Schubladen wie von einem wuchtigen Chefschreibtisch.

Die Firma bietet außerdem schmale, platzsparende Bänke mit Mulden. Auf denen kann man, sind sie mit Kissen versehen, nebeneinandersitzen. Räumt man die Kissen weg, hat man eine Ablagebank für Arbeitszeug.

Loungesessel im Büro

Auch für Büros sind solch wohnliche Möbel interessant. Der Arbeitgeber wünscht sich, dass der Angestellte möglichst gern und lange im Büro bleibt, weshalb er bei der Einrichtung immer häufiger auf wohlige Gemütlichkeit achtet. Loungesessel werden für Meetings angeschafft, gerne mit natürlich wirkendem Filzbezug und auffällig grell, in der Hoffnung, die Farbe möge die Kreativität fördern.

Kantinen sind mit Sofa-Einheiten ausgestattet, die derart hohe Rücken- und Seitenlehnen haben, dass man sich wie bei einem Tête-à-Tête im Separee vorkommt. Diese Form, von den französischen Designern Erwan und Ronan Bourroulec als eine der Ersten entworfen (für Vitra), sieht man bei einem Rundgang in Sessel- und Sofa-Variationen bei diversen Möbelherstellern.

Der Mensch von heute ist allzeit bereit

Für viel beschäftigte Multitasking-Menschen mögen all diese Neuigkeiten ein Segen sein, weil ihr Arbeitsheim stilvoller wird. Ob es der Work-Life-Balance aber zuträglich ist, allzeit bereit zu sein, bei der Arbeit eine Wohligkeitsatmosphäre zu fingieren und daheim keinen privaten Ort (außer dem Badezimmer womöglich) zu haben, der nicht mit Leistungslust und -frust verbunden ist? Mehr als fraglich.

Der Philosoph Byung-Chul Han hat das daueraktive Volk als kranke Müdigkeitsgesellschaft bezeichnet, die sich selbst dafür verantwortlich macht, wenn sie nicht ständig an der Optimierung des eigenen Selbst arbeitet. Einen Stuhl, einen Tisch zu besitzen, der nichts verlangt, wäre dann der neue Luxus unserer Zeit.

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