Motorradfahrer-Treffen in Leonberg Glemseck 101: Museum, Messe und Megaparty

Bei den Spaßrennen über die Achtelmeile kommt Race-Feeling auf: Es knattern die kräftigen Motoren und es riecht nach verbranntem Gummi. Foto: Jürgen Bach

Racing, Rock’n’Roll und Rennlärm: Über der kunterbunten Veranstaltung Glemseck 101 rund ums Motorrad schwebt die Aura des Gestern – dennoch sehen sich die Beteiligten für die Zukunft gerüstet.

Sport: Jürgen Kemmner (jük)

So einen Wahlsieg würde sich Martin Georg Cohn bei der nächsten Wahl wohl wünschen. Unangefochten. Überlegen. Souverän. Beim Eröffnungs-Sprintrennen über die Achtelmeile, also etwa 200 Meter, rast der Leonberger OB unter seinem lässigen Jethelm mit der schweren BMW R18 gleich zweimal mutterseelenallein der Ziellinie entgegen – sein Gegner, der befreundete Arzt Günther Gross, bleibt beide Male wie ein Monolith in der französischen Bretagne bewegungslos an der Startlinie stehen.

 

In den Jahren zuvor hatte sich Cohn mit Roland Bernhard über die Achtelmeile duelliert, doch der Böblinger Landrat hat sich eine Auszeit auferlegt, auch wenn er zugibt: „Die BMW mit 1802 Kubikzentimetern hätte mich schon gereizt.“ Laufsieger Cohn jedenfalls ist rundum zufrieden, nicht nur mit seiner Vorstellung als Biker-OB. „Das ist eine großartige Veranstaltung“, sagt der 57-Jährige, „es ist stets aufs Neue beeindruckend, wie viel Herz und Leidenschaft in der Biker-Szene stecken. Das wird viel zu oft verkannt.“

Wohl wahr. Denn sonst hätte Glemseck 101 dieses Jahr seit der Premiere 2005 nicht schon die 16. Folge hingelegt. Die Veranstaltung vereint eigentlich alles, was Motorradfreunde jeden Alters und Geschlechts lieben. Ein bisschen Race-Feeling bei den Spaßrennen über die Achtelmeile. Eine ordentliche Portion Produktmesse, bei der Firmen rund ums Moped alles anbieten, was man sich vorstellen kann, vom Gin im typischen Ein-Liter- Motoröl-Kunststoffbehälter über Anlasserhauben bis hin zu Ansteckern. Eine geballte Ladung Museum, weil auf der L 1187 Umbauten, Eigenkreationen und Prototypen zu bestaunen sind, wie sie keine Schau auf der Welt so gesammelt bietet. Und noch eine exzessive Dröhnung an Party mit lauter Musik und Bölkstoff aller Art, wie man sie von den Werner-Comics kennt.

Rennfahrer geben kräftig Gas

Thilo Günther, Chrissi Rubin und André Hinsdorf stecken in Rennfahrer-Overalls und fiebern ihren Starts über die Achtelmeile entgegen. Sie haben allesamt Rennerfahrung bei Straßenrennen und sogenannten Bagger-Races gesammelt; Chrissi aus Berlin etwa arbeitet als Mechanikerin bei Ducati in der Langstrecken-WM, André, der Rallyes in Afrika gefahren ist, und Fahrwerks-Software entwickelt, betreibt auch einen Stand. „Du musst da sein, eine solche Masse an Motorrad-Fahrern findest du sonst nirgends“, betont der Schweinfurter. Beim Start lässt Thilo Günther sein Hinterrad auf einer Metallplatte durchdrehen, um den Reifen auf Temperatur zu bringen. Es stinkt nach verbranntem Gummi – die Fans auf der Tribüne johlen, die Motoren dröhnen. Das muss so sein. Thilo verliert und ist auf sich selbst sauer.

Generation Ü 40 ist dominant

Glemseck 101 und die Aura des Gestern: Die Generation Ü40 ist dominant, es pulsiert Benzin im Blut, es regieren Rock’n’Roll, Rennen und Radau. Ist das Event ein PS-Dino, der mit der bevorstehenden Klimakrise dem Aussterben geweiht ist? Dem widersprechen Olaf Schairer, Clubchef des Allgemeinen Motorradsportclubs Leonberg (AMSC), und Steffen Hofmann, Geschäftsführer der Glemseck GmbH, energisch. „Noch ist vieles auf den Verbrenner ausgerichtet“, räumt Hofmann ein, verweist aber darauf, dass bereits zwei Hersteller von E-Motorrädern präsent sind, „man muss einer Veranstaltung die Zeit geben, ihre Gestalt nach und nach zu verändern.“ Zudem gibt es bereits Sprints von Elektro-Bikes, was ein erster Schritt hin zur Klimaneutralität sei. Auch Schairer betont, dass der AMSC die „Zeichen der Zeit erkannt hat“ und dass der Club nicht gegen eine Anpassung der Veranstaltung arbeite.

Aktuell funktioniert der Mix aus Museum, Messe und Megaparty bestens, am sonnigen Wochenende pilgern gut 40 000 Menschen auf zwei oder vier Rädern ans Glemseck, so- dass die Parkplatz-Wiese von Motorrädern übersät ist – und der eine oder andere Probleme hat, sein Bike in der Masse wiederzufinden. „Am Ende profitieren alle Beteiligten“, sagt Steffen Hofmann, „die Aussteller, die bewirtenden Vereine und wohltätigen Organisationen – und natürlich die Besucher.“ Die beste Nachricht gibt es für die Freunde von Glemseck 101 bereits vor den Starts der Spaßrennen. Sowohl Leonbergs OB Cohn als auch Landrat Bernhard bekunden getrennt voneinander: „So lange ich im Amt bin, werde ich die Veranstaltung unterstützen.“

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