Ein gutes Jahr später sitzen Stefan Wolf, 59, und Kevin Tarte, 63, in ihrer Bad Uracher Villa, ein Backsteinbau im Stil der Neorenaissance, und erzählen, wie sich ihr Leben verändert hat. Längst sind der schwäbische Spitzenmanager und der amerikanische Musicalstar offiziell ein Paar. Ihr Outing im März vergangenen Jahres war nicht geplant, es hat sich eher zufällig ergeben: Ein Promi-Fotograf hatte Bilder von ihnen gemacht und sie verschiedenen Medien angeboten. Als Uwe Bogen, Gesellschaftsreporter unserer Zeitung, anrief und fragte, ob er ihre Liebesbeziehung öffentlich machen dürfe, traten Wolf und Tarte die Flucht nach vorn an und sagten spontan: „Okay!“ Schließlich waren sie schon in trauter Zweisamkeit beim Wiener Opernball und in der VIP-Lounge des VfB Stuttgart gesehen worden. Sie konnten und wollten sich nicht verstecken.
In den Tagen danach gehen auf Wolfs Smartphone zig Nachrichten von Bekannten, Geschäftsfreunden und Politikern ein, die ihm zu diesem Schritt gratulieren. Es sind auch Männer darunter, die ihm beichten: „Das war mutig von dir. Ich bin auch schwul, aber in meiner Position traue ich mich nicht, dazu zu stehen.“
Erfolgreiches Ehepaar
33 Jahre lang ist Stefan Wolf mit einer Frau verheiratet. Während seiner Ausbildung zum Bankkaufmann in Stuttgart lernt er Brigitte Hüttner kennen – er ist 21, sie 19. Nach dem Studium erklimmt das junge Ehepaar rasch die Karriereleiter. Mit Anfang 30 ist sie Pressesprecherin im baden-württembergischen Sozialministerium, er Anwalt in einer renommierten Stuttgarter Kanzlei. 1997 wechselt der promovierte Jurist in die Wirtschaft und steigt mit der Zeit bei dem Automobilzulieferer Elring-Klinger bis zum Vorsitzenden der Aktiengesellschaft auf, die weltweit rund 10 000 Mitarbeiter beschäftigt.
Das Akademikerpaar Wolf genießt sein privilegiertes Leben. Spontantrips nach New York, Festspielbesuche in Bayreuth et cetera. Doch der sehnlichste Wunsch bleibt unerfüllt: Trotz Hormonbehandlung und Befruchtung im Reagenzglas klappt es mit dem Kinderkriegen nicht. Schließlich wenden sich Stefan und Brigitte Wolf an eine Vermittlungsstelle für Auslandsadoptionen: Am 29. August 2000 holen sie ein anderthalbjähriges Mädchen mit dunklem Lockenkopf aus einem indischen Waisenhaus ab. „Unsere Babita ist ein Lottogewinn für uns“, schwärmt Brigitte Hüttner-Wolf seinerzeit im „Spiegel“. „Aber wir sind auch ein Lottogewinn für das Kind.“ Stefan Wolf sagt heute, dass er über viele Jahre eine gute, intakte Familie hatte – auch wenn ihm immer etwas fehlte.
Konservatives Elternhaus
Er steht auf Männer, doch jahrzehntelang gelingt es ihm nicht, aus der traditionellen Sexualmoral auszubrechen, die ihn umfängt. Stefan Wolf stammt aus einem wertkonservativen Elternhaus. Vater Günter ist Chefredakteur des „Schwarzwälder Boten“, Sprecher der Freien Wähler im Oberndorfer Gemeinderat und Zunftmeister der örtlichen Fasnet. Für ihn ist es undenkbar, dass der einzige Sohn schwul ist. Ende 2016 stirbt Günter Wolf, kurz darauf trennen sich Stefan Wolf und Brigitte Hüttner-Wolf.
Gut drei Jahre vergehen, bis Stefan Wolf seine große Liebe Kevin Tarte kennenlernt. Oberflächlich betrachtet sind die beiden Männer unterschiedlich: hier der feinsinnige Künstler aus der US-amerikanischen Metropole Seattle, dort der rationale Manager, geboren in dem 15 000-Einwohner-Städtchen Oberndorf am Neckar. Was sie verbindet – und das ist für eine Beziehung viel bedeutender als ähnliche Biografien – sind gemeinsame Interessen: Design, Mode, Architektur, klassische Musik, tiefgründige Gespräche. Und sie haben den gleichen Humor. „Ich kann meine Jokes sogar auf Englisch machen, und Stefan versteht sie“, sagt Kevin Tarte.
Die Folgen von Corona
Dass sich die beiden Männer in den vergangenen zwölf Monaten nahekommen konnten, verdanken sie, so absurd es klingt, dem Coronavirus. Ursprünglich war Kevin Tartes Terminkalender für das Jahr 2020 randvoll, den Sommer über war er beispielsweise für „Sister Act“ und „Besuch der alten Dame“ bei den Freilichtspielen in Tecklenburg bei Münster gebucht gewesen. Doch dann ging es dem Sänger wie jedem freischaffenden Künstler: Durch die Pandemie versiegten von heute auf morgen sämtliche Einnahmequellen. Keine Festivals, keine Konzerte, keine Galas, keine Einnahmen.
Stefan Wolf ist als Boss zwar nicht wie gewöhnliche Elring-Klinger-Beschäftigte von Kurzarbeit betroffen, aber seine Dienstreisen fallen flach. Normalerweise würde der Vorstandsvorsitzende zu den Tochtergesellschaften in Mexiko, Brasilien, USA, Kanada, China, Japan und Südafrika fliegen, stattdessen sitzt er im Homeoffice bei Videokonferenzen. So bleibt mehr Zeit, um sich Face-to-Face mit seinem neuen Lebenspartner über Vergangenes und Zukünftiges auszutauschen.
Tarte kämpft für Toleranz
Seit gut zwei Jahrzehnten gehört Kevin Tarte zu den schillerndsten Figuren der Stuttgarter Schwulenszene. Früher tanzte er mit nacktem Oberkörper auf dem Christopher Street Day, heute setzt er als eine Art Anti-Diskriminierungs-Influencer gesellschaftspolitische Zeichen. Einmal reiste er sogar mit Laura Halding-Hoppenheit, Wirtin des Schwulenlokals Kings Club, in die russische Partnerstadt Samara, um einen Film gegen Homophobie zu präsentieren. An manchen Orten herrsche noch immer die Intoleranz, beklagt Tarte. Nicht nur an der Wolga, auch am Neckar wird „schwul“ als Synonym von Jugendlichen für minderwertig verwendet („Deine Schuhe sind voll schwul“), und wer als „Schwuchtel“ bezeichnet wird, zählt auf dem Schulhof nicht zu den Beliebtesten.
Kevin Tarte stammt aus gutbürgerlichen, streng katholischen Verhältnissen. Sein Vater leitet eine Frauenklinik, die Freizeit verbringt die Familie häufig in einem elitären Tennisclub. In der Highschool geht Kevin mit Mädchen aus, obwohl sie ihn nicht interessieren. Frei fühlt er sich erst, als er mit Anfang 20 in die Kunstszene von Seattle eintaucht. Kevin Tarte studiert Theatergeschichte, Bühnendesign und Geisteswissenschaften sowie klassischen Gesang. Um seine Ausbildung zu finanzieren, jobbt er im Winter in der Buchhaltung einer Ölquelle in Alaska, und im Sommer singt er im Ensemble der Seattle Opera.
Schwuler Frauenschwarm
1988 wird Kevin Tarte bei den Heidelberger Schlossfestspielen für die Titelrolle in der Operette „The Student Prince“ engagiert. Es folgen das Musical „Cats“ in Hamburg und „Die Schöne und das Biest“ in Wien. Die Produktion zieht Ende 1997 – mit Kevin Tarte – nach Stuttgart um. Später verkörpert er in dem Möhringer Musical-Komplex den Grafen von Krolock in „Tanz der Vampire“. Tarte ist ein Frauenschwarm: Weibliche Fans versinken in seinen hellblauen Augen und sind enttäuscht, wenn er ihnen bedeutet, dass nur Männer bei ihm landen können.
Ein schwuler Sänger ist nichts Besonderes – man denke an Elton John, Freddie Mercury, Ricky Martin oder George Michael – ein schwuler Topmanager und Arbeitgeberverbandschef dagegen schon. Stefan Wolfs öffentliches Bekenntnis, dass er mit einem Mann zusammenlebe, erinnert an das Coming-out des heutigen VfB-Vorstandsvorsitzenden Thomas Hitzlsperger vor sechs Jahren. Seinerzeit sagte der ehemalige Nationalspieler in einem Interview mit der „Zeit“: „Ich äußere mich zu meiner Homosexualität. Ich möchte die öffentliche Diskussion voranbringen.“ Bereut habe er diesen Schritt nicht, sagt Hitzlsperger: „Ich war überrascht, wie reibungslos es lief. Ein paar wenige gibt es noch, die mit homophoben, dummen Sprüchen auffallen. Das sind Spinner, die in einer schrägen Filterblase gefangen sind. Oder mal so gesagt: Nicht der Schwule ist heute die Randgruppe, sondern der, der über ihn lacht.“
Was sagt die CDU dazu?
Auch Stefan Wolf sagt, dass die Reaktionen auf sein Coming-out in seinem persönlichen Umfeld durchweg positiv waren. Als CDU-Mitglied weiß er aber, dass selbst in seiner Partei noch immer unterschiedliche Ansichten darüber herrschen, ob Homo- und Heterosexuelle konsequent gleichgestellt gehören: Gesundheitsminister Jens Spahn ist mit einem Mann verheiratet, während Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer die Ehe gern auf Paare beschränkt hätte, die sich biologisch fortpflanzen können. „Die Politik sollte sich aus dem Privatleben der Bürger heraushalten“, sagt Wolf, „und sich stattdessen auf die wichtigen Fragen konzentrieren – etwa, wie die Automobilindustrie, an der Millionen Arbeitsplätze hängen, zukunftsfähig gemacht werden kann.“
Im November legte Wolf den Vorsitz des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall ab und stieg zum Präsidenten von Gesamtmetall auf, dem Zusammenschluss der Landesarbeitgeberverbände der deutschen Metall- und Elektroindustrie. Viele seiner Freunde sind Manager und Funktionsträger wie er: Daimler-Arbeitsdirektor Wilfried Porth, Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller, Ex-EU-Kommissar Günther Oettinger.
Einblicke in eine andere Welt
Mit solchen Schwergewichten aus Wirtschaft und Politik verkehrt nun auch der Musiker Kevin Tarte. „Ich bin froh, dass ich aus meiner Künstlerblase herausgeholt wurde“, sagt er. „Stefans Bekannte sind starke Persönlichkeiten, die haben alle was drauf, sonst hätten sie es nicht so weit gebracht. Man muss auch in der Wirtschaft und in der Politik ein guter Performer sein, um erfolgreich zu sein. Der Unterschied zum Showbusiness ist also gar nicht so groß.“
Umgekehrt lernt der Manager Wolf das Showbusiness und dessen Protagonisten kennen: zum Beispiel Ralph Siegel, der 25-mal als Komponist beim Eurovision Song Contest vertreten war und in München ein paar Songs mit Kevin Tarte aufnahm. „Solche Begegnungen finde ich spannend“, schwärmt Wolf.
Für seinen Lebenspartner, den Tenor Tarte, haben mittlerweile die Vorbereitungen zu den Proben des neuen Musicals „Zeppelin“ begonnen. Neben diversen Konzerten wird er auch seine bereits etablierten Rollen in den beiden Stücken „Ludwig‘“ und „Die Päpstin“ am Festspielhaus Füssen wieder aufnehmen. Die Zeit zwischen Proben und Auftritten genießt Kevin Tarte im neuen Heim mit Blick auf den Albtrauf. Er pflegt den Rosengarten der Villa und freut sich, wenn die Ex-Frau und die Tochter seines Lebenspartners zu Besuch kommen. Dann sitzen sie alle beisammen und reden über Gott und die Welt. „Wir verstehen uns bestens“, sagt Stefan Wolf. In seinem 60. Lebensjahr scheint er dort angekommen zu sein, wo er sich immer hinsehnte.