Nach dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“ In Frankreich wächst die Angst

Am Tag danach: Trauer um die Opfer des Terroranschlags von Paris Foto: AP
Am Tag danach: Trauer um die Opfer des Terroranschlags von Paris Foto: AP

Frankreichs Gesellschaft steht nach dem Massaker an der Redaktion von „Charlie Hebdo“ das Schlimmste noch bevor, analysiert der Pariser StZ-Korrespondent Axel Veiel. Seine Hoffnung ist, dass die Demokraten kühlen Kopf bewahren.

Korrespondenten: Axel Veiel (axv)
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Paris - Das Beste wäre, weiterzumachen, als wäre nichts gewesen. Die Toten betrauern, die Täter strafrechtlich verfolgen, aber sich durch den Terror nicht aus dem Tritt bringen lassen. Denn genau das ist es doch, was die Attentäter wollen, die in Paris die halbe Redaktion des Satireblattes „Charlie Hebdo“ massakriert haben. Sie wollen die durch Wirtschafts- und Identitätskrise verunsicherte französische Gesellschaft straucheln lassen. Sie wollen vernichten, was sie ausmacht, was sie stark macht: Feingeist, Humor, Gelassenheit, Laisser faire und Freiheit. Aber natürlich kann Frankreich nicht weitermachen, als ob nichts gewesen wäre. Der Schock sitzt zu tief. Wahre Kriegsszenen haben sich im Herzen der französischen Hauptstadt abgespielt. Das Bild von der Hinrichtung eines schwer verletzten Polizisten hat sich tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben. Vor allem aber hallen die Schreie der Attentäter in den Köpfen nach: Allah ist groß, wir haben den Propheten gerächt.

Es ist nicht schwer, diese Schreie  als Vereinnahmung einer der Nächstenliebe verpflichteten Weltreligion durch Gewaltverbrecher zu entlarven. Ein bisschen Nachdenken genügt. Aber wo die Angst waltet, hat der Kopf nicht mehr viel zu melden. Und die Angst wächst. Am Tag nach dem Blutvergießen bei „Charlie Hebdo“ sind in der Hauptstadt erneut Schüsse gefallen. Gewiss, es waren nicht die Täter vom Vortag, die eine Polizistin umgebracht haben. Aber der Angst tut das keinen Abbruch. Soziologen warnen bereits vor einer kollektiven Psychose. Und so darf man getrost davon ausgehen, dass immer weniger Menschen bereit sein werden, zu unterscheiden zwischen Terroristen, die den Islam missbrauchen, und friedfertigen Muslimen. Die Islamophobie wird in Frankreich weiter wachsen.

Der Staatschef beschwört Frankreichs Ideale

Was dies für das Land heißt, das mit rund sechs Millionen Muslimen die größte islamische Gemeinde Europas beherbergt, ist unschwer auszurechnen. Wachsende gesellschaftliche Spannungen sind noch eine beschönigende Umschreibung für das, was Frankreich bevorsteht. Aus gutem Grund appelliert Staatschef François Hollande gebetsmühlenartig an seine Landsleute, angesichts der terroristischen Herausforderung die Reihen zu schließen. Aus gutem Grund hat Hollande führende Repräsentanten der muslimischen, jüdischen, und christlichen Gemeinde in den Élysée-Palast eingeladen, die einander vor laufenden Fernsehkameras die Hand gereicht und den Terror verurteilt haben. Aus gutem Grund beschwört der Staatschef unermüdlich die Ideale der Republik.

Ganz vortreffliche Ideale sind das. Allein Demokratie und Menschenrechten verpflichtet, sollen die Franzosen unterschiedlicher Kultur und unterschiedlichen Glaubens gedeihlich zusammenleben – das ist die schöne, staatstragende Idee, die an der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu zerschellen droht.  Fragt sich nur, ob Hollande Gehör findet, ob die Stimme der Vernunft durchdringt. Skepsis ist angebracht. Und mehr Schutz vor Terroranschlägen, wie ihn Hollande in Aussicht stellt, kann es in einer offenen demokratischen Gesellschaft wie der französischen kaum geben. Zumal die Täter meist aus der Mitte der Gesellschaft kommen und unauffällig sind – bis sie sich als Terroristen entlarven.

Diejenigen, die an die Angst der Franzosen appellieren, dürften sich auf alle Fälle leichter tun als der Differenzierungsvermögen einfordernde Präsident. Die Rechtspopulisten des Front National sehen ihre Stunde gekommen. In dem Wissen, dass sie so manchem Verängstigten aus dem Herzen spricht, hat Marine Le Pen, Chefin des Front National, die Wiedereinführung der Todesstrafe gefordert. Bleibt nur die Hoffnung, dass Frankreichs Demokraten dagegenhalten, dass sie ein wenig von der Kaltblütigkeit an den Tag legen, die ihren Gegnern zu eigen ist.




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