Nach dem Plattfuß-Grand-Prix der Formel 1 Warum die Reifen in Silverstone jetzt halten

Von Jürgen Kemmner 

Nach den Plattfüßen am vergangenen Sonntag hat Lieferant Pirelli die Gummiwalzen untersucht und macht für das Formel-1-Rennen an diesem Sonntag Vorgaben. Und es gibt noch eine Neuerung für den Grand Prix.

Vergangenen Sonntag platzte der Reifen von Lewis Hamiltons Silberpfeil in der letzten Runde – das soll an diesem Wochenende nicht mehr passieren. Foto: AFP/ANDREW BOYERS
Vergangenen Sonntag platzte der Reifen von Lewis Hamiltons Silberpfeil in der letzten Runde – das soll an diesem Wochenende nicht mehr passieren. Foto: AFP/ANDREW BOYERS

Silverstone - Fehler passieren. Das Wichtigste nach Fehlern ist, dass der Verursacher daraus lernt – nach dem Motto: Hinterher sollte man immer klüger sein. Nicht nur Mercedes handelt in der Formel 1 nach diesem ehernen Vorsatz, die Konkurrenz des Dauer-Weltmeister tut das ebenfalls, doch die Mannschaft aus Brackley verfolgt diese Maxime wahrscheinlich mit der höchsten Akribie, was ihre Erfolgsserie seit 2014 zweifellos mit begründet. Beim Grand Prix in Silverstone am vergangenen Sonntag hätte Lewis Hamilton jedoch beinahe den sicheren Sieg verspielt, weil die Ingenieure am Kommandostand nicht damit gerechnet hatten, dass ihm auf den letzten Kilometern der Reifen platzen könnte.

Tat er aber, wie zwei Runden zuvor beim Auto von Teamkollege Valtteri Bottas, weshalb Hamilton beinahe noch von Max Verstappen im Red Bull eingeholt worden wäre. Glück im Unglück nennt man das. „Im Nachhinein hätten wir Lewis reinholen sollen, als Max an der Box war. Wir hatten ja ausreichend Vorsprung“, sagt Cheftechniker Andrew Shovlin in der Retrospektive, „aber ehrlich gesagt dachten wir zu dem Zeitpunkt, dass das bei Valtteri ein isoliertes Problem sei. Wir hatten nicht genug auf dem Schirm, dass das beide Autos treffen könnte.“ Manchmal denkt man eben falsch, und deshalb dürfte Mercedes nach menschlichem Ermessen ein ähnlicher Fauxpas in Silverstone nicht mehr unterlaufen.

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Nun steht an diesem Sonntag (15.10 Uhr/RTL) die zweite Grand-Prix-Auflage in der sogenannten Heimat des Motorsports an, der Große Preis „70 Jahre Formel 1“ – und in Sachen Reifen haben sich nicht nur die Leute bei Mercedes intensive Gedanken gemacht, schließlich gab es auch bei den McLaren-Piloten Lando Norris und Carlos Sainz allerhand zerrissene Gummischnipsel auf der Felge, zudem knallte Alpha-Tauri-Fahrer Daniil Kwjat nach einer Reifenpanne ziemlich heftig in die Leitplanken. Reifenhersteller Pirelli hat die Pneus aller Fahrzeuge seziert und analysiert, um eine neuerliche Plattfuß-Inflation gegen Rennende mit gefährlichen Unfällen auszuschließen.

Um mehr Sicherheit zu gewährleisten, haben die Italiener einen höheren Mindestdruck für die Gummis festgelegt. „Die Untersuchung hat ergeben, dass die Ursache für den ursprünglichen Druckverlust die Belastung auf die Konstruktion des Reifens war“, sagt Pirelli-Sportchef Mario Isola, „deshalb erhöhen wir für das Rennen den Reifendruck, weil das der Konstruktion hilft.“ Die Reifenmischung kann deshalb sogar eine Spur weicher sein, Pirelli ist überzeugt, dass die Zusammensetzung der Pneus nichts mit den Schäden zu tun hatte. Darüber hinaus erwartet Isola, dass die weicheren Reifen zu einer Zwei-Stopp-Strategie führen – was zur Folge hat, dass die 30,5 (vorn) und 40,5 Zentimeter (hinten) breiten Walzen weniger verschleißen. „Ich kann nur schwer glauben, dass die Piloten mehr als 30 Runden mit einem Satz fahren“, vermutet er. Dem Crash von Kwjat lag ein mechanischer Defekt zugrunde, weshalb die Felge überhitzte und so den Reifenwulst verbrannte, was zum Platzen und zum Abflug führte – also kein Problem, das von den Pneus ausging.

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Die zweite Theorie, dass Trümmerteile für die Plattfüße verantwortlich gewesen sein könnten, wurde bislang nicht restlos widerlegt. Pirelli räumt ein, dass beanspruchte Gummis gegen Rennende weniger robust sind und von scharfkantigen Teilen leichter aufgeschlitzt werden. Kimi Räikkönen hatte sich an den Randsteinen der Kurve Becketts den Frontflügel ruiniert, dessen Bruchstücke sich auf der Fahrbahn verteilten. In diesem Fall ist der Automobil-Weltverband Fia aktiv geworden und hat den Streckenbetreiber aufgefordert, nach der Kurve auf 23 Metern einen sich verjüngenden Bordstein zu installieren. Beim vergangenen Grand Prix kamen mehrere Piloten beim Verlassen von Becketts nah an den Streckenrand und landeten in der Chapel-Kurve mit einem Rad im Gras – das belastete die Reifen zusätzlich. „Es ist eine gute Idee, diese kleine Modifikation zu haben, die dieser Situation hilft“, freute sich Isola. Pirelli fühlt sich gerüstet und hat den für Freitag geplanten, verpflichtenden Reifentest für alle Teams abgesagt.

Eigentlich sollten die Reifen die Reifeprüfung in Silverstone bestehen. Jedoch ist niemand in der Lage, alle Möglichkeiten auszuloten, die in einem Rennen passieren können. Menschen machen manchmal Fehler.

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