Klinikum Friedrichshafen Tod einer Oberärztin: Aufsichtsrat stellt Chefarzt frei

Die Unruhe rund ums Krankenhaus Friedrichshafen hält an. Foto: Rüdiger/Bäßler

Ende November beging eine kritische Notärztin am Klinikum Friedrichshafen Suizid. Zuvor war sie fristlos gekündigt worden. Jetzt beginnt die Aufklärung – mit ersten Konsequenzen.

Politik/Baden-Württemberg: Rüdiger Bäßler (rub)

Der Suizid einer Oberärztin am Klinikum Friedrichshafen Ende November, vermutlich infolge einer fristlosen Kündigung, hat erste personelle Folgen. Der Aufsichtsrat des städtischen Krankenhauses beschloss am Mittwoch, die Vorwürfe im Zusammenhang mit dem tragischen Fall ohne die Mitwirkung des leitenden Geschäftsführers sowie eines Chefarztes voranzutreiben. Dieser, heißt es in einer Mitteilung, habe angeboten, „sein Amt bis zum Abschluss der Untersuchung ruhen zu lassen“. Dieses Angebot habe der Aufsichtsrat angenommen. Ein Interimsnachfolger ist benannt. „Wir sind fest entschlossen, diese Aufklärung so gründlich wie möglich durchzuführen“, wird der Aufsichtsratschef und parteilose Oberbürgermeister von Friedrichshafen, Andreas Brand, zitiert.

 

Wie berichtet, hatte die Oberärztin über Monate intern schwere angebliche Mängel in der Patientenversorgung angeprangert. So sollen in der Intensiv- und Notfallversorgung immer wieder fachlich überforderte Assistenzärzte eingesetzt worden sein. In der Notaufnahme sollen kontinuierlich Kranke abgewiesen worden sein, um Betten für Patienten frei zu halten, die für lukrative Herzkatheter-Eingriffe einbestellt wurden. Die Oberärztin beschrieb intern schriftlich mehrere Sterbefälle von Patienten, zu denen es aus ihrer Sicht aus Fahrlässigkeit gekommen war. Die Klinik wies die Vorwürfe im Dezember öffentlich zurück. Die Geschäftsführung hatte der Medizinerin am 30. November fristlos gekündigt. Kurz darauf nahm sie eine tödliche Dosis Tabletten ein.

Patienten wollen sich nicht mehr einweisen lassen

Der Fall hat nicht nur Beschäftigte der Klinik erschüttert. In einem gemeinsamen Brief forderten 69 Ärztinnen und Ärzte des Krankenhauses kurz vor Weihnachten die vorübergehende Freistellung des Chefarztes sowie des leitenden Geschäftsführers. Im Auftrag der Staatsanwaltschaft Ravensburg führt eine Sondergruppe der Kriminalpolizei Friedrichshafen Vorermittlungen. Ein örtlicher niedergelassener Hausarzt schilderte gegenüber unserer Zeitung, viele verunsicherte Patienten verweigerten Überweisungen ans Klinikum. Der Medizin Campus Bodensee schreibt schon bisher dauerhafte Jahresverluste in zweistelliger Millionenhöhe.

Der Klinik-Aufsichtsrat hat mit der Aufklärung die Frankfurter Rechtsanwaltskanzlei Feigen Graf beauftragt, die nach Eigenangabe auf „unternehmensinterne Ermittlungen (Internal Investigations)“ spezialisiert ist. Die Kanzlei werde dafür weitere ärztliche Gutachter zuziehen können, heißt es. Unabhängig davon wird laut Aufsichtsrat eine Mediationsstelle eingerichtet, über die Mitarbeitende mit der Klinikleitung in Kontakt treten können.

Ende März sollen Ergebnisse vorliegen

Die geplante Befragung von Ärzte- und Pflegepersonal im Krankenhaus unter Beiziehung von Zeugenbeiständen wird wohl bis Ende Februar dauern. Ein Abschlussbericht ist für Ende März geplant.

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 und unter https://ts-im-internet.de/ erreichbar. Eine Liste mit Hilfsangeboten findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: https://www.suizidprophylaxe.de/

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