Nach Sichtung in Rutesheim Mehr Förderung beim Schutz vor Wölfen nötig?

Kehrt langsam zurück nach Baden-Württemberg: der Wolf. Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Landwirte im „Fördergebiet Wolfsprävention“ Vieh bekommen Schutzmaßnahmen wie Elektrozäune zu hundert Prozent gefördert. Manche Stimmen fordern die Ausweitung des Gebiets – Grund zur Sorge scheint der Wolf für einige Landwirte aber noch nicht zu sein.

Leonberg: Sophia Herzog (she)

Eine DNA-Analyse hatte es bestätigt: Im März des vergangenen Jahres hat ein Wolf in Weil der Stadt ein Reh gerissen. In der Bevölkerung und insbesondere bei den Landwirten hatte das für Verunsicherung und Sorge gesorgt – insbesondere bei jenen, die Vieh auf der Weide halten.

 

Dass Wölfe sich durch den Großraum Stuttgart bewegen, kommt inzwischen immer wieder vor. Erst vor wenigen Wochen hatte eine Wildtierkamera einen Wolf bei Rutesheim aufgenommen, im Rems-Murr-Kreis sind jüngst drei Schafe gerissen worden. Die meisten Wölfe in Deutschland leben in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Niedersachsen. Die wenigen niedergelassenen Wölfe in Baden-Württemberg befinden sich im Schwarzwald. Seit 2015 sind rund 15 weitere Wölfe nachweislich durch das Bundesland gestreift – und dabei hin und wieder auch durch die Region Stuttgart.

Landtagsabgeordneter fordert Ausweitung des Gebiets

Für Landwirte in Sachen Wolf oft wichtig: Schutz für das Vieh. Der Deutsche Bauernverband fordert deshalb seit jeher eine stärkere Regulierung des Wolfsbestandes. „Der Handlungsdruck beim Thema Wolf hat weiter zugenommen und wird mit der nach wie vor ungebremsten Ausbreitung weiterhin steigen“, sagte Eberhard Hartelt, Umweltbeauftragter des Verbandes im vergangenen August.

Und auch der Weil der Städter Gemeinderat und Landtagsabgeordnete Hans Dieter Scheerer (FDP) äußerte sich nach der jüngsten Wolfssichtung in Rutesheim in einer Pressemitteilung zum Thema Wolf. Er könne „das Vorgehen der Landesregierung und die Verharmlosung der möglichen Bedrohung durch die Raubtiere nicht nachvollziehen“, schreibt er – und wirft der Landesregierung eine „gefährlichen Wildtierromantik“ vor, fordert unter anderem eine Ausweitung des Wolfspräventionsgebiets.

Dieses umfasst in Baden-Württemberg Teile des Odenwalds und den Schwarzwald. Das Schwarzwälder Gebiet gibt es in seiner aktuellen Größe seit 2020. Einige Kommunen des Landkreises Böblingen sind Teil dieses Fördergebiets, unter anderem Aidlingen und Herrenberg, auch Calw gehört dazu. Landwirte, die in diesem Fördergebiet eine gewisse Herdengröße halten, bekommen Maßnahmen wie Elektrozäune, Herdenschutzhunde und Arbeitsaufwand teils zu 100 Prozent gefördert. Seit 2018 sind hierfür insgesamt rund 15,5 Millionen Euro geflossen, sagt das Umweltministerium. Außerhalb des Fördergebiets gibt es dann eine Entschädigung, wenn ein Tier gerissen wird.

Aufruhr in der Herde ist Grund zur Sorge

Rund 300 Meter liegen zwischen seinem Hof und dem Fördergebiet, erklärt der Weiler Landwirt Georg Riehle. Große Sorge bereit der Wolf Riehle, der Hühner, Rinder und Schweine hält, allerdings nicht. „Ich habe keine Angst, dass etwas gerissen wird“, sagt er. „Es gab schon immer Prädatoren.“ Gegen die viel akutere Bedrohung durch Füchse und Habichte hat er seit Jahren Herdenschutzhunde. Schlimmer wäre für ihn, wenn ein Wolf die Herde beunruhigt, die den Zaun durchbricht und etwa auf eine Straße läuft.

Ähnlich sieht das auch Simon Essig, Landwirt aus Weissach. „Man beschäftigt sich schon damit“, sagt er. Auf seiner Weide stehen 50 Rinder, 50 Schafe und Lämmer. Auch er befürchtet insbesondere die Unruhe in der Herde, die ein Wolf verursachen würde. „Wenn die einmal durcheinander ist, braucht das lange Zeit, bis man wieder so mit den Tieren arbeiten kann wie vorher“, sagt er. „Die Tiere sind danach nicht mehr so wie vorher.“ Eine Ausweitung des Fördergebiets hält er für sinnvoll, aber nicht jede Maßnahme wäre für ihn auch umsetzbar: „Ein Herdenschutzhund muss auch betreut werden.“

Einer, der bereits knapp im Fördergebiet arbeitet, ist Dirk Riedl, der letzte Berufsschäfer im Enzkreis. Sein Stall mit rund 700 Schafen steht bei Heimsheim, gerade hinter der Grenze zum Präventionsgebiet. Er hat die Förderung in Anspruch genommen und Elektronetze angeschafft. Sorgen macht er sich aber noch keine, „bei uns ist ja noch gar nichts gewesen“, sagt er.

Laut Ministerium keine Notwendigkeit zur Gebietsausweitung

In der Förderkulisse befinden sich prinzipiell alle Kommunen, die im Naturraum Schwarzwald liegen oder sich in einem gewissen Umkreis um die Territorien der drei im Schwarzwald niedergelassenen männlichen Wölfe befinden. Als „standorttreu“ gilt ein Wolf dann, wenn er in einem Gebiet länger als sechs Monate lang nachgewiesen wurde – oder früher, wenn ein Wolfspaar markierendes Revierverhalten zeigt. „Auch über eine Serie von Nutztierrissen mit mindestens vier unabhängigen Ereignissen in einem Radius von 20 Kilometern kann ein Fördergebiet ausgewiesen werden“, heißt es vom Umweltministerium. Außerhalb des Fördergebiets ist das bisher aber noch nicht passiert, trotz des einen oder anderen Wolfnachweises. Die Aussage des Umweltministeriums ist deshalb recht eindeutig: „Bislang gab und auch aktuell gibt es keine Notwendigkeit zur Anpassung der Gebiete.“

Die Möglichkeit einer richtigen Rudelbildung im Schwarzwald ist ohnehin erst mal vom Tisch: Vor wenigen Tagen wurde der wohl einzige weibliche Wolf Baden-Württembergs im Schwarzwald überfahren.

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