„Nackt unter Wölfen“ Der Held von der Kleiderkammer

Von Hermann G. Abmayr 

Ein viertel Jahrhundert nach der Wende hat die ARD den DDR-Roman „Nackt unter Wölfen“, der die Rettung eines Jungen im KZ Buchenwald beschreibt, jetzt neu verfilmt. Das Vorbild für die Figur des Kapo Höfel war Willi Bleicher.

Nach dem Krieg trat  Willi Bleicher (1907–1981) aus der KPD aus undin die  SPD ein. Später wurde er Chef der IG Metall Baden-Württemberg.Sein Grab ist auf dem Stuttgarter Steinhaldenfriedhof. Foto: Wolfgang Richter 9 Bilder
Nach dem Krieg trat Willi Bleicher (1907–1981) aus der KPD aus undin die SPD ein. Später wurde er Chef der IG Metall Baden-Württemberg.Sein Grab ist auf dem Stuttgarter Steinhaldenfriedhof. Foto: Wolfgang Richter

Stuttgart - Tausende Häftlinge sind bereits durch das Kammergebäude des Konzentrationslagers gegangen, mussten sich ausziehen, sich desinfizieren, die Haare scheren lassen und ihre Habseligkeiten abgeben. Plötzlich steht vor Willi Bleicher ein dreijähriger Knabe. Mit großen Augen schaut er den damals 36-Jährigen an. „Hilflos und gleichsam Hilfe suchend klammerte er sich an seinen Vater“, berichtet der aus Stuttgart stammende KZ-Häftling später. So beginnt eine Geschichte, die noch Millionen Menschen beschäftigten wird, die Geschichte des „Kindes von Buchenwald“.

In der DDR wird ein Roman erscheinen, „Nackt unter Wölfen“, der den Stoff fiktiv bearbeitet, 1963 verfilmt unter der Regie von Frank Beyer. Die Rettung des Kindes wird zur Metapher für Menschlichkeit unter barbarischen Lebensbedingungen. Der Mensch ist zu größter Grausamkeit und größter Empathie fähig. Das ist der tiefe Kern des Werkes von Bruno Apitz, der selbst acht Jahre Konzentrationslager Buchenwald überlebte. Lange Zeit und teils bis heute gelten der Roman und die Defa-Verfilmung im Westen als Machwerk der SED-Propaganda, plumpe Verherrlichung des kommunistischen Widerstands oder „Kitsch“. So dauerte es nach der Wende 25 Jahre, bis die ARD den Stoff für eine Neuverfilmung entdeckt hat. Sie wird am Mittwoch zur besten Sendezeit ausgestrahlt. Die Rolle des Kapos im Kammergebäude spielt jetzt Peter Schneider, im Defa-Film von 1963 spielte ihn Armin Müller-Stahl. Im wahren Leben war es der Stuttgarter Willi Bleicher.

1936: Die geheime Staatspolizei verhaftet Willi Bleicher auf dem Daimler-Gelände in Untertürkheim, wo er für eine Baufirma gearbeitet hat. Er wird wegen ­Vorbereitung zum Hochverrat zu zwei Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Nachdem er die Strafe abgesessen hat, kommt er in „Schutzhaft“ nach Buchenwald bei Weimar, wo ihn die SS nach einigen Monaten zur Arbeit in das Kammergebäude schickt, auch Effektenkammer genannt, weil dort die bewegliche Habe der Gefangenen aufbewahrt wird. Später übernimmt Willi Bleicher schließlich die Leitung des Kommandos und wird sogenannter Häftlingskapo.

Ein „Gerechter unter den Völkern“

Aufschluss über die Rettung des „Kindes von Buchenwald“ gibt neben den Aussagen von Zeitzeugen vor allem der Bericht des Vaters Zacharias Zweig, den der Rechtsanwalt aus Krakau 1961 Yad Vashem gegeben hat. Die Gedenkstätte in Jerusalem erklärt Willi Bleicher vier Jahre später wegen seines Einsatzes für Zweig zum „Gerechten unter den Völkern“.

Im Gegensatz zur fiktiven Geschichte in „Nackt unter Wölfen“ kommen Zacharias und Stefan Jerzy Zweig nicht 1945 in Buchenwald an, sondern bereits am 5. August 1944. Bei großer Hitze sei man mit einer Gruppe jüdischer Polen vom Bahnhof aus zu Fuß ins Lager gegangen, schreibt Zacharias Zweig. Er habe zwar beabsichtigt, das Kind im Rucksack zu verstecken, doch er habe „es ganz einfach nicht geschafft“. Der dreijährige Junge „mit platinblonden Haaren und blauen Augen“, der zuvor bereits in anderen Lagern war, gilt in Buchenwald als Sensation, oft hatten die Häftlinge seit Jahren keine Kleinkinder mehr gesehen.

Wenn das Leben des Kindes bisher gerettet worden war, so sagen sich Bleicher und andere Funktionshäftlinge in der Effektenkammer, dann sei das ein Symbol des Widerstandes gegen Hitler. Es habe verdient, geschützt zu werden – denn solch „unnütze Esser“ wie ein Kleinkind sind im Lager hochgefährdet. Bleicher und seine „Kumpels“ bringen „Juschu“, wie sie Stefan liebevoll nennen, im Block der deutschen politischen Häftlinge unter, lassen ihm Kleidung, Schuhe und Spielzeug fertigen. Das Kind hat eine Häftlingsnummer und muss beim Zählappell antreten. Der Vater kann es zunächst jeden Sonntag besuchen.

Als Stefan im September krank wird, droht Gefahr. Bleicher sorgt dafür, dass der Kleine versteckt und von einem Häftlingsarzt behandelt wird. Doch Ende des Monats scheint alles vorbei zu sein. Die SS besteht darauf, dass „Juschu“ auf eine Deportationsliste und ins Vernichtungslager Auschwitz kommt. Alle Versuche, dies zu verhindern, scheitern. Um zehn Uhr soll der Bub der SS übergeben werden. Zacharias Zweig bittet, sein Söhnchen begleiten zu dürfen. Abgelehnt, denn der Transport sei nur für Minderjährige, sagt die SS.

Willi Bleicher ist verzweifelt. Er weint und stößt alle Flüche aus, die sein schwäbischer Wortschatz zur Verfügung hat. Eine halbe Stunde vor der Abfahrt finden „Juschus“ Beschützer dann doch noch eine Lösung. Zacharias Zweig bringt den Bub in das Krankenrevier, wo er eine Spritze bekommt, die hohes Fieber auslöst. Damit ist er transportunfähig.

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