Stuttgart - Der Lebensweg von Ute Stefani Haaga ist von typischen Problemen jener gepflastert, die im Ballungsraum leben. Die promovierte Ärztin, die mit einem Geschäftspartner eine Agentur für medizinische Kommunikation betreibt und damit Fachzeitschriften und Internetportale bestückt, wollte in Stuttgart eine Familie gründen. Sie bekam ein Kind und machte sich mit ihrem Mann auf die Suche nach einer Eigentumswohnung mit mehr als drei Zimmern und einem Garten. „Nach drei oder vier Jahren haben wir’s aufgegeben“, erinnert sich Haaga, „sie war nicht auffindbar.“
Das Paar entschied sich, im vergangenen Sommer – mit inzwischen zwei Kindern –, vom Heusteigviertel in eine Vierzimmerwohnung nach Schorndorf zu ziehen. Seitdem pendelt die 47-Jährige, die vorher mit dem Fahrrad auch bei Wind und Wetter zum Büro nach Bad Cannstatt fuhr, auf der Schiene an den Neckar – ebenso wie ihr Mann, der mit der Stadtbahn weiter nach Gerlingen muss. „Wir haben zwar ein Auto, aber das ist für mich keine Option“, sagt Haaga, „im Stau stehen ist für mich vertane Lebenszeit.“
Ein Sitzplatz sollte schon frei sein
So empfindet die Unternehmerin auch, wenn sie in der S-Bahn planmäßig 30 Minuten oder im Regionalzug 17 Minuten stehen muss. „Ich möchte im Zug was tun, am Laptop arbeiten oder das Familienleben organisieren“, sagt Ute Stefani Haaga, „dafür brauche ich einen Sitzplatz.“ Wenn sie morgens erst nach der Hauptverkehrszeit nach 9 Uhr in Schorndorf abfährt, klappt das meist, bei der Rückfahrt zwischen 16 und 18 Uhr wird es schwieriger. Haaga hört es gern, dass die Regionalversammlung Anfang des Jahres beschlossen hat, rund 380 Millionen Euro für 56 neue S-Bahnen auszugeben. Weitere 106 Millionen steuert das Land bei. Mit diesen Zügen sollen ab 2022 in der Hauptverkehrszeit morgens und abends auf allen Linien nur noch sogenannte Langzüge unterwegs sein – das sind drei S-Bahnen am Stück. „Das hilft aber nur, wenn sich die Fahrgäste auch auf alle Abfahrtszeiten verteilen“, erklärt Jürgen Wurmthaler, Infrastrukturdirektor beim für die S-Bahn zuständigen Verband Region Stuttgart.
Der 15-Minuten-Takt hilft
Von einer zweiten Neuerung, für die der Verband letztlich neue Züge braucht, profitiert Ute Stefani Haaga schon seit Ende 2018. Der Verband führt bis 2021 stufenweise den 15-Minuten-Takt über den ganzen Werktag hinweg ein. Im Dezember wurde der Takt am Vormittag ausgedehnt. „Wenn ich nun die S-Bahn um 9.18 Uhr verpasse, muss ich nicht mehr bis 9.48 Uhr warten, sondern kann die neue um 9.33 Uhr nehmen“, freut sich Haaga. Da greift die Faustregel: Wenn oft genug Züge kommen, verlieren Abfahrtszeiten ihre Bedeutung. Ende dieses Jahres gilt der Viertelstundentakt den ganzen Nachmittag über auf allen Linien, Ende 2020 wird die letzte Lücke am Vormittag zwischen etwa 10 und 12 Uhr geschlossen. Eine neue Signaltechnik soll das System in einigen Jahren dann stabiler machen.
Die Infos im Störungsfall müssen besser werden
Verspätete Züge sind für die 47-Jährige das kleinere Übel. Vormittags sei die S-Bahn meist pünktlich, nachmittags fallen „regelmäßig drei bis fünf Minuten“ (Haaga) kaum ins Gewicht, weil sie nicht umsteigen muss. Was die Kommunikationsexpertin viel mehr stört, ist „die mangelnde Kommunikation“ von Bahn und Verkehrsverbund Stuttgart (VVS). Mal melde die VVS-App eine Verspätung, die es gar nicht gibt, mal werde ein Regionalzug mit immer mehr Verspätung angezeigt, der letztlich gar nicht kommt. „Es ist der Albtraum einer Mutter, nicht pünktlich vor der Kita zu stehen, um das Kind abzuholen“, sagt Haaga. Vor allem, wenn plötzlich Störungen etwa an Weichen bekannt gegeben werden, scheine die Bahn oft keinen Plan B zu haben: „Da habe ich mal zwei Stunden nach Hause gebraucht und war dann mit den Nerven am Ende“, berichtet die Ärztin. Die würden schon geschont, wenn man besser informiert sei.
Bei aller Kritik lautet Ute Haagas Fazit: „Ich kann mit den Umständen leben.“ Für den Wohntraum im Grünen.