Nahversorgung in den Stadtteilen Kaltental könnte sein letztes Lebensmittelgeschäft verlieren

Bei Abbas Khalil bekommen die Kaltentaler alles, was sie zum Leben brauchen. Aber wie lange noch? Foto: Torsten Schöll

Abbas Khalil sucht für seinen kleinen Supermarkt einen Nachfolger – bislang vergeblich. Nun könnte Kaltental sein letztes Lebensmittelgeschäft verlieren.

Der Lebensmittelmarkt von Abbas Khalil ist weit mehr als ein Geschäft, in dem die Nachbarschaft schnell mal Obst, Gemüse, Wurst, Käse, Nudeln oder Waschmittel besorgen kann. Für nicht wenige Bewohner des sogenannten katholischen Hügels von Kaltental ist der kleine Supermarkt an der Ecke Engelboldstraße/Hirsauer Straße auch Treffpunkt und Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens im Viertel. Doch das letzte Lebensmittelgeschäft mit Vollsortiment in Kaltental könnte demnächst verschwinden.

 

Eigentlich wollte Abbas Khalil gerade ansetzen zu erzählen, wie wichtig es für den Stadtteil wäre, wenn er jemanden finden würde, der sein Geschäft in diesem Sinn weiterführt. Doch er wird unterbrochen: Aus einem vorbeifahrenden Auto skandieren einige Kinder plötzlich lautstark „Khalil, Khalil, Khalil!“

Abbas lacht: „Das ist mein Fanclub“, sagt der 62-Jährige. Seit 35 Jahren betreibt er schon mit seiner Frau Ilona den Laden, der zugleich Supermarkt, Bäckerei und Café ist. In spätestens zwei Monaten wollen die beiden altersbedingt aufhören und suchen deshalb händeringend einen Nachfolger. Auch Kleinanzeigen haben die beiden schon veröffentlicht. Gefunden haben sie bislang niemand. „Dabei kann man von dem Geschäft gut leben“, sagt Abbas Khalil, der ursprünglich aus dem Libanon stammt. Selbst Inventar im Wert von rund 25 000 Euro würden die Inhaber an einen Nachfolger verschenken.

Der Metzger und der Bäcker sind schon längst verschwunden

Der Frischmarkt liegt direkt neben einem Spielplatz und ist im Quartier Anlaufstelle für Jung und Alt. Ein Stammkunde, der gleich nebenan wohnt, sagt: „Vor dem Tag, an dem das Geschäft schließt, fürchten wir uns hier alle.“ Wer wolle, könne in dem kleinen Markt alles bekommen, was zum Leben notwendig ist. Früher gab es entlang der Engelboldstraße noch einen Metzger und einen Bäcker. „Die sind aber längst verschwunden“, sagt Ilona Khalil.

Vor der Coronapandemie haben die Khalils zweimal im Jahr in und um ihr 80 Quadratmeter großes Lebensmittelgeschäft ein kleines Quartierfest veranstaltet. Weil das Konzept aus Vollversorger und Treffpunkt so gut funktioniert, hatte der kleine Markt auch schon Besuch von der Landtagspräsidentin Muhterem Aras und dem jetzigen Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir.

Auch mit der Stadt war Khalil schon in Kontakt. Bewegung kam in die Sache aber erst, nachdem unsere Zeitung eine entsprechende Anfrage gestellt hatte. Pech hat der Einzelhändler, dass sein Geschäft ganz knapp außerhalb des für Kaltental definierten Sanierungsgebiets liegt. Im Landessanierungsprogramm ist die Stärkung der Nahversorgung ausdrücklich vorgesehen. Der Erhalt des Standorts, lässt die Stadtverwaltung wissen, könne deshalb nicht mit Mitteln des Landessanierungsprogramms gefördert werden. Nun soll das Ladenlokal in das städtische Online-Portal „roomstr“ aufgenommen werden. „Auf der kostenlosen Plattform können freie oder frei werdende Ladenflächen inseriert werden, für die eine entsprechende Nachnutzung gesucht wird“, erklärt eine Sprecherin.

Zudem will die Verwaltung die Suche nach einem Nachfolger „durch die direkte Vermittlung potenzieller Interessenten, sofern solche bei der Verwaltung bekannt werden“ unterstützen. Aus dem Förderprogramm „Nahversorgung konkret“ könnte ein Nachfolger zudem Mittel für die Modernisierung und Bewerbung des Geschäfts erhalten. In diesem Zusammenhang erklärte die Stadt, dass sie in Bezug auf das Sanierungsziel Nahversorgung in Kaltental eine Machbarkeitsstudie für ein konkretes Grundstück durchgeführt hat. Die Machbarkeitsstudie habe das Potenzial des Standorts bestätigt.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart Kaltental Nahversorgung