Nationalfeiertag der Schweiz Ein Alpenvolk auf Abwegen

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Am 1. August feiert die Schweiz ihren Nationalfeiertag. Doch die fähnchenschwenkenden Eidgenossen können über eines nicht hinwegtäuschen: Ihr kleines wohlhabendes Land ist isoliert und hat in Europa nicht mehr viel zu melden. Eine Analyse.

Die Schweiz pflegt ihr Idyllen-Image. Foto: dpa
Die Schweiz pflegt ihr Idyllen-Image. Foto: dpa

Stuttgart - Es war kein Zufall, dass der Chef der Schweizer Armee, General Henri Guisan am 25. Juli 1940, mitten in den Wirren des Zweiten Weltkriegs, eine blühende Bergwiese als Kulisse für seine fulminante Rede wählte. Auf dem sagenumwobenen Rütli schlossen sich der Legende nach am 1. August 1291 die Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden per „Rütlischwur“ zusammen. Im Angesicht eines befürchteten Angriffs der deutschen und italienischen Nachbarn beschwor Guisan dort den Widerstandsgeist Helvetiens und kam zu einer klaren Parole: Die Nation nimmt den Kampf an – auch gegen einen übermächtigen Feind.

75 Jahre später, zum Jubiläum des berühmten „Rütli-Rapports“, schlägt der Schweizer Verteidigungsminister Ueli Maurer auf der legendären Bergwiese nachdenkliche Töne an: Er hege Zweifel, dass die Schweizer heute ihr geliebtes Land, ihre bewährte Unabhängigkeit bis zum „letzten Blutstropfen“ verteidigen würden. Dennoch werden die Eidgenossen am Samstag wieder mit viel Begeisterung ihren Nationalfeiertag begehen – natürlich auf dem Rütli. Sie werden die roten Fahnen mit weißem Kreuz hissen, reichlich Bier trinken, Würste verspeisen und einander versichern, Bürger eines glücklichen Landes zu sein: klein und fein. Reich und gut.

Kauzige Eigenbrötlerei

Dabei vernachlässigen viele Schweizer, dass sie vor einer neuen politischen Gefahrenlage stehen: Ihr Land hat zwar keine Feinde mehr – es kann aber auch kaum noch auf Hilfe von Freunden zählen. Hat die Schweiz überhaupt noch verlässliche Freunde? Die Eidgenossen spüren eine deutliche Entfremdung von den einstmals engsten Verbündeten, den anderen Europäern und den Amerikanern.

Konnte sich die Schweiz lange als Hort der Stabilität, als Aushängeschild der direkten Demokratie und als sicherer Hafen für Vermögenswerte brüsten, ist sie nun ins politische Abseits gerutscht. Die hochgelobte Neutralität verwandelt sich in schmerzhafte Isolation – durch kauzige Eigenbrötlerei, eine gehörige Portion Realitätsverweigerung und auch Profitgier.

Seit den neunziger Jahren schon zeigt das Bild des heilen Alpenstaats Risse. Enthüllungen über die einträgliche Kollaboration der Schweiz mit dem Dritten Reich sorgten für Entsetzen. Geldhäuser und Regierung versuchten zunächst die Rolle der Schweiz zu bagatellisieren – und die betagten Naziopfer billig abzuspeisen. Erst auf massiven Druck der USA hin durchleuchteten die Schweizer ihre Rolle während des Zweiten Weltkriegs und beglichen ihre finanzielle Schuld teilweise. Dieses Verhalten hat einen Schatten geworfen auf die feinen Bankiers in Zürich und die blassen Politiker in Bern.

Geld aus dunklen Geschäften

Selbst nach den Erschütterungen um die nachrichtenlosen Konten und das Raubgold klammerten sich Finanzelite und Bundesrat weiter an das Bankgeheimnis. Die gesetzlich verbriefte Pflicht zur Verschwiegenheit war der eigentliche Grund, warum die Schweiz zum Tresor der Welt wurde. Zu Glanzzeiten der Schweizer Finanzindustrie lagerten gut fünf Billionen Euro bei Geldinstituten wie der UBS. Ein Großteil der Einlagen stammte aus dunklen Geschäften: Diktatoren wie Libyens Gaddafi und einfache Steuerhinterzieher aus Baden-Württemberg vertrauten den Eidgenossen ihre Raub- und Schwarzgelder an. Die Schweiz wusch weißer.

Doch die USA und diesmal auch die EU-Europäer, voran die Deutschen, bliesen zum Kampf gegen das Bankgeheimnis. Die Schweizer lieferten eine trotzige Abwehrschlacht, mussten sich aber geschlagen geben. Heute geloben sie grummelnd, in Sachen Schwarzgeld und Korruption zu kooperieren. Doch oft zieren sich die Behörden der Alpenrepublik noch – wie etwa der Fifa-Skandal zeigte. Die Schweizer Justiz ließ die zwielichtigen Fußball-Funktionäre erstaunlich lange gewähren – ganz nach dem Motto: Wer viel Geld zu uns bringt, der braucht nichts zu befürchten.

Bern hat in Brüssel nichts mehr zu melden

Einen anderen Kampf fechten die Schweizer in Sachen Einwanderung aus. Im Jahr 2014 stimmte das Volk für eine massive Verschärfung der Migrations-Regeln. Kontingente und Höchstgrenzen sollen den Zustrom in das wohlhabende Land einschränken. Die Eidgenossen wollen sich vor allem auch gegenüber den Europäern abschotten. Dass die neuen Bestimmungen mit dem EU-Abkommen zur Freizügigkeit völlig unvereinbar sind, das wollen etliche Schweizer partout nicht einsehen. Die Regierung bastelt unverdrossen an einem Ausführungsgesetz, sie schickt Delegationen nach Brüssel, sie spielt auf Zeit. Letztlich aber droht der Bruch mit Europa. Bern hätte in Brüssel nichts mehr zu melden.

Dass die kleine Schweiz kaum etwas gegen die Europäer ausrichten kann, zeigt sich auch an den Wechselkurs-Tabellen. Lange versuchte die Schweizerische Nationalbank ein künstliches Umtauschverhältnis gegenüber dem Euro zu halten. Doch die Interventionen am Devisenmarkt erreichten ein absurdes Ausmaß. Erschöpft gaben die Währungshüter im Januar auf – der Franken raste in die Höhe. Seitdem brechen Exporte weg, viele europäische Touristen machen um die einstige Wohlfühldestination einen Bogen. Wer will schon für ein Schnitzel mit Pommes und Bier im Berner Oberland bis zu 30 Euro zahlen? Die leeren Hotelbetten in den Ferienhochburgen werden somit zu einem Symbol: Die Freunde wenden sich von der Schweiz ab. Helvetien steht zunehmend alleine da.