Naturschutz in Steinbrüchen Seltene Arten fühlen sich in der Esslinger Nonnenklinge wohl

Die Nonnenklinge ist Lebensraum für seltene Arten, darum bemühen sich Sascha Arnold, Levi Hägele (links) und seine Ziegen. Foto: Ines Rudel

Der frühere Esslinger Steinbruch Nonnenklinge ist mittlerweile Biotop, die Stadt möchte es als Naturdenkmal ausweisen. Wo Menschen den Wald abholzten und kahle Felshänge schufen, fanden gefährdete Arten eine neue Heimat. Das Esslinger Beispiel ist nicht das einzige.

Ausgerechnet in einem kleinen Betonbecken fühlen sie sich wohl: Den Mini-teich in einer Senke des früheren Steinbruchs Nonnenklinge in Esslingen haben mehrere Exemplare der streng geschützten Gelbbauchunke besiedelt. An diesem verregneten Augustmorgen ragen kaum erkennbar kleine grau-braune Köpfe aus dem schlammig-braunen Wasser. Der Mensch hat dieser Art viel ihres natürlichen Lebensraums weggenommen. Doch die wenigen Zentimeter großen Froschlurche haben nun in einer durch Menschenhand geschaffenen Landschaft ein neues Zuhause gefunden. Die Nonnenklinge ist nicht der einzige Steinbruch, in dem Biotope entstanden sind.

 

Stillgelegte Steinbrüche gibt es an vielen Orten in der Region und im Land. Einige waren oder sind noch Abfall- oder Bauschutthalden, beispielsweise die Deponie Katzenbühl in Esslingen. Von vielen sieht man nichts mehr, weil sie in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt und bewaldet wurden. „Sehr häufig ist es aber so, dass sie im Sinne des Naturschutzes offen gehalten werden müssen“, sagt Sascha Arnold vom Grünflächenamt der Stadt Esslingen. Weitere Beispiele sind der frühere Marmor-Steinbruch am Naturschutzzentrum Schopflocher Alb, der seit den 70er Jahren stillliegt. Oder der Travertinpark im Stuttgarter Stadtteil Hallschlag, der als Freilichtmuseum über die Geschichte des Kalksteinabbaus informiert, zugleich ein Biotop für Mauer- und Zauneidechsen ist.

Gelbbauchunke verhindert Aufforstung

Doch zurück zur Nonnenklinge. „Wo jetzt Wald ist, war früher Steinbruch“, sagt Arnold, als er einen Wirtschaftsweg entlang geht, der von der Stettener Straße oberhalb des Esslinger Ortsteils Wäldenbronn abzweigt. Nur einzelne gelbe Warnschilder und Entwässerungsanlagen am Wegesrand zeugen davon, dass hier früher Stubensandstein abgebaut wurde. Von den 1970ern bis 2004 hatte die Firma Bayer hier Bergrecht. Heute säumt Wald eine eingezäunte Freifläche oberhalb derer ein Fußweg, der sogenannte Eselsweg, verläuft. Hinter dem Zaun kommen dem Spaziergänger in der warmen Jahreszeit kleine neugierige Ziegen entgegen.

Sascha Arnold vom Esslinger Grünflächenamt (links) und Ziegenhalter Levi Hägele. Foto: Ines Rudel

Früher war auch an dieser Stelle Wald. Dieser sollte laut Landeswaldgesetz nach Ende des Steinbruchbetriebs wieder hergestellt werden. Der Hang hätte wieder aufgefüllt und bewaldet werden müssen. Von sieben Hektar Betriebsfläche wurde das für einen großen Teil umgesetzt, doch etwa 3,2 Hektar mussten freigehalten werden. „Nach Ende des Steinbruchbetriebs wurden streng geschützte Arten nachgewiesen“, erklärt der Landschaftsplaner Arnold. Zu diesen gehören neben der Gelbbauchunke auch die Wechselkröte und die Zauneidechse. Die höhere Naturschutzbehörde untersagte die Aufforstung.

Heute ist das Areal ein Naherholungsgebiet für Naturliebhaber. Zudem ist der Eselsweg der Aufstieg für die Fahrrad-Downhill-Strecke Nordschleife im angrenzenden Wald. Von der Geschichte als Steinbruch ist dank des artenreichen Pflanzenbewuchses kaum mehr etwas zu erkennen, auch wenn der Hang im Vergleich zu den umliegenden Flächen nicht ganz so gleichmäßig ist. Eine Ebene am unteren Ende des Areals lässt das frühere Absetzbecken des Steinbruchs erahnen. Hier sind zahlreiche Kleingewässer ideale Lebensräume für Gelbbauchunke und Wechselkröte. Die Tiere seien konkurrenzschwach, erklärt Arnold. Einst haben sie Bach- und Flussauen bewohnt – also junge, temporäre Kleinstgewässer, die vegetationslos und damit frei von konkurrierenden Arten und Fressfeinden sind.

Eine Gelbbauchunke Foto: Nabu/Bruno Scheel

Arnold nennt Gelbbauchunke und Wechselkröte Kulturnachfolger. „Sie wären ohne den Menschen beziehungsweise den früheren Steinbruch nicht da.“ In den Pfützen der Steinbrüche – auch solchen, die noch in Betrieb sind – laichen diese sogenannten Pionierarten, die sich anpassen und da ansiedeln, wo es gerade passt, also gerne. Diese Art Lebensraum erhalten Sascha Arnold und seine Kollegen nun für die Tiere. Sie legen Kleinstgewässer an und leeren die Betonbecken im Winter, damit andere Molcharten gehen und die streng geschützten Bewohner im nächsten Jahr wiederkehren. „Wir simulieren den Steinbruchbetrieb“, sagt er. Dazu gehört auch, den Wald fernzuhalten, der sich andernfalls die Heide zurückholen würde. Diese Aufgabe übernehmen derzeit 26 kleine Buren- und westafrikanische Bergziegen von den Esslinger Haltern Levi Hägele und Lisa Raichle. Sie machen auch noch so harten Baumjungpflanzen den Garaus.

Konflikt zwischen Besuchern und Naturschutz

„Die Fläche ist heute naturschutzfachlich extrem hochwertig“, sagt Arnold. Um besser Fördermittel beantragen zu können, will die Stadt sie als flächenhaftes Naturdenkmal ausweisen. Der Ausschuss für Technik und Umwelt des Esslinger Gemeinderates hat zugestimmt. Arnold erhofft sich davon auch mehr Akzeptanz und Rücksichtnahme seitens der Besucher. „Abends ist hier bei schönem Wetter richtig Betrieb.“ Immer wieder entdecken städtische Mitarbeiter Lagerfeuerstellen und Menschen gehen, teils mit frei laufenden Hunden, durch die eingezäunten Bereiche. Beides ist verboten. „Das ist natürlich nicht so toll. Wir wollen die streng geschützten Arten hier ansiedeln, aber das funktioniert nicht, wenn Hunde in den Tümpeln baden und den Laich zerstören.“

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