Neandertaler-Küche Hirsch, Nashorn oder doch lieber Mammut?

Urmenschen bei der Höhlenbärenjagd: Schulwandbild des österreichischen  Landschafts- und  Tiermalers Franz Roubal von 1937 Foto: Picture Alliance, dpa
Urmenschen bei der Höhlenbärenjagd: Schulwandbild des österreichischen Landschafts- und Tiermalers Franz Roubal von 1937 Foto: Picture Alliance, dpa

Schon die frühen Neandertaler lebten und ernährten sich erstaunlich flexibel, wie neueste Forschungsergebnisse beweisen. Wenn Fleisch Mangelware war, griffen die Frühmenschen auch zu vegetarischer Kost.

Tübingen - Unten im Tal jagten die Neandertaler gerne Pferde und Nashörner im Wald. Schließlich brachte dort die Rhone den Bäumen das ganze Jahr über genug Wasser, das der Fluss aus den Alpen noch heute in den Süden Frankreichs in die Nähe von Valence trägt. Hoch über dem Tal reichten auf einer Ebene die Niederschläge vor 250 000 Jahren wohl genau wie heute nur noch für ein Buschland aus, das im Mittelmeerraum als Macchie bezeichnet wird.

Die Neandertaler lebten damals ungefähr in der Mitte zwischen beiden Landschaften – und scherten sich wenig um die Unterschiede. „Jedenfalls jagte eine andere Gruppe meist auf der Ebene“, erklärt Hervé Bocherens vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment (HEP) an der Universität Tübingen. Bei ihnen standen daher häufig die dort lebenden Hirsche und Büffel auf der Speisekarte.

Auf den ersten Blick mögen solche Unterschiede banal wirken. Schließlich kommt auch bei heutigen Menschen unterschiedliches Essen auf den Tisch. Während die einen den deftigen Schweinebraten vorziehen, lieben die anderen es vegetarisch. Nur argwöhnten viele Forscher bisher, dass die Neandertaler weit weniger flexibel als die modernen Menschen waren. Genau diese Annahme entlarven Hervé Bocherens und seine Kollegen in einem Artikel für das Fachblatt „Quaternary Science Reviews“ als falsch. „Die Neandertaler waren uns viel ähnlicher als bisher vermutet“, erklärt der Tübinger Forscher.

Isotopen-Analysen bringen Licht ins Dunkel

Dabei stützt sich der Paläobiologe auf eine raffinierte und doch bestechend einfache Kette von Indizien, die auf Isotopen-Analysen beruhen. Der Begriff Isotop steht für unterschiedlich schwere Atomsorten eines bestimmten Elements. So wiegt zum Beispiel das leichtere Kohlenstoff-Isotop C-12 zwölf Masseeinheiten, während das schwerere C-13 viel seltener ist. Beim Sauerstoff wiederum gibt es das 16 Masseeinheiten schwere O-16 und das schwerere, deutlich seltenere O-18.

In kühleren Regionen wie den Alpen, die vor 250 000 Jahren von einer Eiskappe bedeckt waren, kommt das schwerere O-18 im Wasser seltener vor als in wärmeren Regionen. Diesen Mangel an O-18 sehen die Forscher auch noch weit flussabwärts im ­Rhone-Wasser. Auf der Ebene hoch über dem Unterlauf der Rhone lagen die Temperaturen damals wie heute deutlich über denen im Alpenraum. Und prompt steckt dort im Wasser viel mehr O-18.

Diese Unterschiede spiegeln sich später auch in den Tieren wider, die von diesem Wasser getrunken haben. Finden die Forscher also bei Pferden und Nashörnern auffällig niedrige O-18-Werte, sollten diese Arten damals im waldigen Rhone-Tal gelebt haben. In Hirschen und Büffeln liegen die O-18-Werte dagegen relativ hoch, diese Tiere sollten also auf der Ebene Wasser getrunken und dort wohl auch gelebt haben.

Spuren im Zahnschmelz

Daneben untersuchen Hervé Bocherens und seine Mitarbeiter auch das seltene Kohlenstoff-Isotop C-13. Nehmen Pflanzen Kohlenstoff auf, der die Grundlage allen Lebens bildet, bevorzugen sie die leichtere Variante C-12. Dabei gibt es allerdings kleinere Unterschiede zwischen verschiedenen Pflanzen. Fressen Tiere diese Gewächse, übernimmt ihr Organismus diese Variationen. Misst Hervé Bocherens dann die Menge an C-13 im Zahnschmelz eines Tieres, kann er daraus ermitteln, welche Pflanzen diese Art gefressen hat.

Verspeisten anschließend Neandertaler diese Tiere, übernahmen sie das entsprechende Verhältnis der Kohlenstoff-Isotope. Ermitteln die Forscher die Konzentrationen von O-18 und C-13 im Zahnschmelz von Neandertalern, erfahren sie nicht nur, welche Tiere auf der Speisekarte standen, sondern auch, ob sie im Tal oder auf der Hochebene lebten.

In der Payre-Höhle im Süden Frankreichs finden die Forscher in zwei direkt übereinanderliegenden Schichten Teile von Knochen und Zähnen, die von verschiedenen Tieren und manchmal auch von Neandertalern stammen, die dort vor rund 250 000 Jahren lebten. „Zwischen beiden Schichten können durchaus tausend Jahre gelegen haben“, vermutet Hervé Bocherens. In dieser Zeit aber änderten sich die Verhältnisse von O-18 und C-13 in den Zähnen der Tiere praktisch nicht. Daher sollten auch die Umweltverhältnisse gleich geblieben sein, insbesondere sollte es in dieser Zeit weder deutlich wärmer noch deutlich kälter geworden sein.

Auffallend viele Hirschknochen

Während die Isotope der in der unteren Schicht gefundenen Zähne von Neandertaler-Kindern aber nahelegen, dass diese Gruppe im Flusstal Pferde und Nashörner jagte, erzählen die Zahnfunde aus der oberen Schicht eine ganz andere Geschichte: Dort hatten die Neandertaler es auf der Ebene auf Hirsche und Büffel abgesehen. Die auffallend vielen Knochen von Hirschen in dieser Schicht untermauern diese Beobachtung weiter.

Mit dieser Untersuchung haben Hervé Bocherens und seine Mitarbeiter Neuland betreten. Bisher analysierten die Forscher die Ernährungsvorlieben meist mithilfe von Stickstoff- und Kohlenstoff-Isotopen im Kollagen uralter Knochen. Dieses Kollagen aber zerfällt mit der Zeit, und nach hunderttausend Jahren ist davon praktisch nichts mehr übrig. Im Zahnschmelz dagegen überdauert das Karbonat viel länger, dort lassen sich also auch noch nach 250 000 Jahren die Isotopen-Verhältnisse und damit die Lebensgewohnheiten der damaligen Neandertaler untersuchen.

„Allerdings können wir so bei Allesfressern wie den Neandertalern nichts über den Pflanzenanteil in der Nahrung erfahren“, bedauert Hervé Bocherens. Da müssen die Forscher dann doch wieder auf das Kollagen in jüngeren Knochen zurückgreifen. Das haben sie dann auch bei den Neandertalern getan, die vor 40 000 Jahren auf einer Kältesteppe im heutigen Belgien Mammuts jagten. Mit einer weiteren Isotopen-Analyse entlarvten sie die damaligen Neandertaler als Feinschmecker, die neben ihrer Hauptnahrung Fleisch auch zwanzig Prozent Grünzeug vertilgten. Das Fleisch aber stammte weit überwiegend von Mammuts, zeigen die Analysen des Stickstoff-Isotops N-15 und von C-13 in den Knochen. Offensichtlich waren die Neandertaler also echte Mammutjäger – und bewiesen damit erneut ihre Flexibilität.

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