Netzwerktreffen in Stuttgart Sind Beruf und Familie nicht vereinbar?
Frauen raten Jüngeren, vom Kinderkriegen mehr Abstand zu nehmen. Das sagte die Soziologin und Autorin Jutta Allmendinger bei einem Netzwerktreffen.
Frauen raten Jüngeren, vom Kinderkriegen mehr Abstand zu nehmen. Das sagte die Soziologin und Autorin Jutta Allmendinger bei einem Netzwerktreffen.
Die Soziologin und Autorin Jutta Allmendinger versteht es, einen Raum für sich einzunehmen. Vor allem, wenn sich in diesem mehr als 100 Frauen befinden, um über Geschlechtergerechtigkeit zu diskutieren und sich zu vernetzen. Dazu hatten das Chapter Stuttgart des European Women’s Management Development Network (EWMD) und das Business-Netzwerk Leaderin am Mittwoch in die Sparkassenakademie im Europaviertel eingeladen.
Es war der Tag, an dem das Statistische Bundesamt seine neue Zeitverwendungserhebung (ZVE) veröffentlicht har. „Wir haben Fortschritte gemacht“, kommentierte Allmendinger diese in ihrem Impulsvortrag. So sei der Gender-Care-Gap auf 43,8 Prozent gesunken. Zehn Jahre zuvor lag er noch bei 52,4 Prozent. Die Zahl gibt den unterschiedlichen Zeitaufwand an, den Frauen und Männer für unbezahlte Arbeit durchschnittlich aufbringen. Gemeint ist damit vor allem Haushalt, Kinder und Pflege. Doch die Erhebung zeige auch, dass Frauen noch immer pro Woche neun Stunden mehr an unbezahlter Arbeit leisten, so die Professorin.
Damit verbunden ist auch der Gender-Lifetime-Earning-Gap, also die Lücke im Lebenserwerbseinkommen zwischen den Geschlechtern. Allmendinger ging explizit auf den Unterschied zwischen Müttern und Vätern ein. Und dieser summiert sich auf eine Million Euro. Kinder seien also ein entscheidender Faktor, denn sie seien ein wesentlicher Grund dafür, warum Frauen lange Auszeiten nehmen und viel in Teilzeit arbeiten.
Das führe dazu, dass Kinder für Frauen „keine eindeutige Entscheidung mehr sind“. Natürlich würden Mütter ihren Nachwuchs lieben. Doch wenn man sie frage, was sie der nächsten Generation empfehlen, dann komme die Antwort, vom Kinderkriegen mehr Abstand zu nehmen. In der Formel „Beruf und Familie“ erodiere das Und. „Wir wollen uns aber nicht entscheiden müssen“, so Allmendinger.
Die Soziologin bestritt den Abend nicht allein. Mit ihr auf dem Podium saßen die Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne), Eefje Dikker von der Mercedes-Benz AG (Head of global HR Transformation, Digitization and Operations), Sandra Mühlhause von Deloitte (Chief People Officer) und die Landtagsabgeordnete Natalie Pfau-Weller (CDU).
Muhterem Aras pochte aufs Grundgesetz, in dem die Gleichberechtigung von Mann und Frau festgeschrieben ist. Dieses Versprechen werde permanent gebrochen, sagte die Grünen-Politikerin. „Und solange das so ist, müssen wir kämpfen“, so ihr Aufruf. Auch in der Politik gebe es viele Stellschrauben. So seien gute Kitas und Ganztagsschulen eine elementare Voraussetzung, damit sich Frauen nicht zwischen Familie und Beruf entscheiden müssen. Dafür müsse die Politik die richtigen Weichen und Geld zur Verfügung stellen. Sie appellierte auch, dass es mehr Frauen in den Parlamenten brauche, um Geschlechtergerechtigkeit durchzusetzen.
Drei Moderatorinnen führten durch die Veranstaltung. Sie interviewten starke Frauen, die von ihren Erfahrungen berichteten und Forderungen an die Politik, die Unternehmen und sich selbst stellten. So zum Beispiel Cathèrine Hetzer-Baumann, Mutter und Landärztin in Altenriet. Sie kritisierte, dass die Politik zu sehr in Legislaturperioden denke und soziale Themen nach hinten schiebe. Sie betonte aber auch, dass Kinder ein gemeinsames Projekt von Mann und Frau sind, das gemeinsame Konsequenzen habe. Das müssten Frauen zu Hause noch selbstbewusster durchsetzen.