Neue Arbeitszeitstudie für Baden-Württemberg Drei Stunden Mehrarbeit ist für Berufsschullehrer im Land Standard

Informatikunterricht an einer Berufsschule Foto: dpa/Marijan Murat

Das Vorurteil, dass Lehrer wenig arbeiten, hält sich hartnäckig. Was daran nicht stimmt, zeigt eine groß angelegte Studie über die Arbeitszeit von Berufsschullehrern im Land.

Politik/Baden-Württemberg : Bärbel Krauß (luß)

Wie viel arbeiten Lehrkräfte eigentlich? Diese Frage ist nicht nur ein Dauerbrenner an Stammtischen. Seit der Europäische Gerichtshof 2019 und das Bundesarbeitsgericht 2022 eine Erfassungspflicht der Arbeitszeit aller Beschäftigten verfügt haben, gewinnt das Thema auch politisch zunehmend Relevanz.

 

Eine repräsentative Studie, die die Universität Mannheim im Auftrag des Berufsschullehrerverbands (BLV) über ein halbes Jahr durchgeführt hat, ergibt, dass Berufsschullehrer in Baden-Württemberg im Durchschnitt drei Stunden mehr arbeiten als die vorgeschriebene Wochenarbeitszeit für Beamte von 41 Stunden. Die reguläre Jahresarbeitszeit von 1804 Stunden überschreiten Berufsschullehrer aus dem Südwesten im Schnitt um 125 Stunden (sieben Prozent). Das geht aus dem Abschlussbericht der Studie hervor, der unserer Zeitung vorliegt.

Schulleiter besonders überlastet

Dabei bringen Lehrkräfte, die ihre Unterrichtsverpflichtung reduziert haben, besonders viel Mehrarbeit ein. „Man sieht, dass insbesondere Teilzeitlehrkräfte deutlich mehr arbeiten, als es ihrem durchschnittlichen Stellenumfang entsprechen würde“, schreiben die beiden Professoren Carmela Aprea und Andreas Rausch in ihrem Bericht.

Bei den Rektoren von Berufsschulen ist die Arbeitsbelastung noch höher. „Vollzeitkräfte mit Leitungsfunktion weisen eine um 362 Stunden beziehungsweise rund zwanzig Prozent höhere Jahresarbeitszeit auf.“ Aus den erhobenen Daten ergibt sich bei Berufsschulleitern eine durchschnittliche wöchentliche Mehrarbeit von acht Stunden.

„Arbeitszeit muss eingehalten werden“

„Die Politik ist nun gefordert, zeitnah Maßnahmen zu ergreifen, um die deutlich überhöhten Arbeitszeiten der Lehrkräfte und Schulleitungen zu senken“, erklärt deshalb der BLV-Vorsitzende Thomas Speck. „Die gesetzlich vorgeschriebene Arbeitszeit bei Lehrkräften muss eingehalten werden“, erklärt Speck. „Es braucht eine mutige und zukunftsfähige Reform der Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen von Lehrkräften und Schulleitungen.“ Das ist in Zeiten fehlender Lehrer und angespannter Unterrichtsversorgung allerdings schwer umzusetzen.

Thomas Speck pocht aber darauf, dass die Arbeitsbedingungen für Schulleiter und Lehrkräfte nicht mehr zeitgemäß seien. Statt Entlastungen sei es immer wieder zu Deputatserhöhungen und zur Kürzung von Ausgleichsstunden gekommen, die bei Berufsschulen auch höher ausgefallen seien als an allgemeinbildenden Schulen.

Verband bringt Petition auf den Weg

Vor dem Hintergrund der Pflicht zur aktuellen Erfassung der Arbeitszeiten will Speck sich nicht mehr mit einer aus seiner Sicht schon Jahrzehnte währenden Reformverweigerung im Blick auf Arbeitszeit und Jobprofil von Schulleitern und Lehrkräften abfinden. Sein Verband startet deshalb eine Onlinepetition für eine zukunftsfähige Schulorganisation mit modernen Arbeitszeitregelungen und attraktiven Arbeitsbedingungen.

Nicht nur dem Berufsschullehrerverband brennt das Thema Arbeitszeit unter den Nägeln. Auch der Philologenverband, der die Lehrkräfte an Gymnasien vertritt, bereitet eine Klage gegen das Land Baden-Württemberg vor, um durchzusetzen, dass die Arbeitszeit von Lehrkräften konkret erfasst wird. Die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz Katharina Günther-Wünsch (CDU) hat im Sommer stellvertretend für die Länder beim Bund eine Sonderregelung bei der Arbeitszeiterfassung für Lehrer gefordert. Das Bundesarbeitsministerium hat diese aber abgelehnt.

Müssen Lehrer Prüfungsaufsicht leisten?

„Wegen der vielen Spezifika des Berufs ist die Lehrerarbeitszeit ein wirklich schwieriges Thema“, erklärte Andreas Rausch, Professor für Wirtschaftspädagogik, gegenüber unserer Zeitung. Die Arbeitsbelastung an Berufsschulen im Land sei – ausweislich bereits vorliegender Studien – vergleichbar mit anderen Schularten.

Zur Entlastung der Lehrkräfte schlägt BLV-Chef Speck vor, den Schulleitungen langfristig mehr Autonomie beim Einsatz von Ressourcen und bei der Abstimmung über Aufgabenverteilung, Arbeitszeiten und Personaleinsatzplanung nach dem „dänischen Modell“ zu gewähren. Außerdem fordert er mehr schulische Unterstützungskräfte aus dem Verwaltungsbereich – insbesondere für Datenmanagement, Gebäudemanagement, Buchhaltung, Informationstechnik und Datenschutz.

Als kurzfristige Entlastungsmaßnahmen schlägt Thomas Speck neben der generellen Reduzierung von Korrekturverfahren den Einsatz elektronischer Rechtschreibprüfprogramme in Klausuren und Nichtlehrer als Aufsichtspersonal bei Prüfungen vor. Außerdem sollten ein Lebensarbeitszeitkonto für Lehrkräfte geschaffen und der Einkauf von Unterrichtsmaterial auch bei Bildungsgängen mit kleinen Schülerzahlen zentral geregelt werden.

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