Stuttgart - Blinder Fleck I: Vom „Dunkel“ ins „Licht“ zu kommen war das Versprechen der Aufklärung im sogenannten langen achtzehnten Jahrhundert, das historisch als Zeitalter der Vernunft gilt. Dass aber die Aufklärung allein als „Blüte des Universalismus“ zu betrachten sei, die dafür gesorgt habe, „allgemeingültige Prinzipien und Regeln“ für „alle Menschen in den Blick“ zu nehmen, stellt sich für Marie-Luisa Frick, Philosophieprofessorin in Innsbruck und Jahrgang 1983, in ihrem neuen Buch „Mutig denken. Aufklärung als offener Prozess“, auch als zweifelhaft dar. Schließlich wurden westliche Ideen ohne Hinterfragen „der Menschheit übergestülpt“, wie sie feststellt. Menschenfreundlichkeit im Rahmen kolonialistischer Expansion erschien nicht als Widerspruch: Denis Diderot erkannte das scharfsinnig in „Bougainvilles Reise“ von 1772, als er vom Europäer als „Vergifter der Völker“ sprach.
Soziale Kontrakte auf dem Prüfstand
Von einigen blinden Flecken der Aufklärung ausgehend, verweist Frick auf wichtige neue Punkte für die „Nachgeborenen der Aufklärung“, wie sie uns alle nennt. Momentan stehen schließlich allenthalben politische Ordnungen, Geschlechterverhältnisse und soziale Kontrakte auf dem Prüfstand. Marie-Luisa Frick propagiert das selbstreflexive Denken: „Selbstdenker ist nicht derjenige, der bequem in seinem eigenen Baum der Erkenntnis sitzt, sondern derjenige, der an diesem Baum auch hin und wieder kräftig rüttelt.“ Das ist eine Idee, die Frick bereits vor vier Jahren in „Zivilisiert streiten. Zur Ethik der politischen Gegnerschaft“ (Reclam) entwickelt hat – und nun produktiv weiterdenkt.
Marie-Luisa Frick: Mutig denken. Aufklärung als offener Prozess. Reclam-Verlag. 143 Seiten, 6 Euro.
Blinder Fleck II: Die Geschichte der Kirchen in der DDR zu beleuchten scheint nicht nur wegen des Umbruchs 1989 weitaus mehr als ein Seitenthema. Die Übergangsphase zur dann sehr schnell vollzogenen deutschen Einheit ist im Nachhinein einerseits kaum zu denken ohne Praktiken wie den Runden Tisch, der sich in kirchlichen Zusammenhängen als demokratische Form bereits bewährt hatte. Andererseits gelangten Pfarrer und Theologen aus der DDR teils zügig in wichtige Ämter, zum Beispiel Richard Schröder als SPD-Fraktionsvorsitzender und Rainer Eppelmann als letzter Verteidigungsminister der DDR. Eppelmann, im Jahr 1979 der Erfinder der legendären Blues-Gottesdienste in der Friedrichshainer Samariterkirche, die sich der Religion wie der Rockmusik und darüber hinaus lebensnahen Themen wie Partnerschaft, Arbeitsalltag und Kriegsdienst widmeten, hat auf persönlicher Ebene die Jahre vor und nach dem Mauerfall bereits 2007 resümiert („Gottes doppelte Spur. Vom Staatsfeind zum Parlamentarier“, Hänssler-Verlag).
Öffentlichkeit war weitgehend tabu
Andreas Stegmann liefert nun konzis die Vorgeschichten zu all dem, wenn er chronologisch von den massiven Behinderungen berichtet, denen die Kirchen in der DDR ausgesetzt waren, obwohl die Verfassung von 1949 die Freiheit der Religionsausübung garantierte. Tatsächlich wertete die SED-Führung die Kirchen von Anfang an als „oppositionelle Kräfte im Dienst der vom kapitalistischen Westen gesteuerten Konterrevolution“ (Stegmann). Nach Josef Stalins Tod 1953 verbot die neue Sowjetspitze die schikanösen Maßnahmen der Genossen in Ostberlin und ließ die Kirchenpolitik der SED neu konzipieren.
Als Joachim Meisner in Köln regierte
Nach dem Bau der Mauer suchten sowohl Katholiken wie auch die stärker repräsentierten Protestanten nach einem Weg, „das Evangelium Jesu Christi auf ,mitteldeutsch‘ zu buchstabieren“, wie es der Erfurter Bischof Joachim Wanke noch 1981 formulierte. Die Eingliederung in die westdeutschen Strukturen nach 1989 brachte dann wieder andere Probleme mit sich, deren Spätfolgen immer wieder sichtbar werden.
Andreas Stegmann: Die Kirchen in der DDR. Verlag C. H. Beck. 114 Seiten, 9,95 Euro.
Blinder Fleck III: „Die Bundesrepublik ist de facto ein Einwanderungsland“ heißt es in einer wohl begründeten Kabinettsvorlage des Innenministers Gerhart Baum (FDP) im November 1981. Der Beschluss der sozialliberalen Regierung unter Helmut Schmidt fällt dann allerdings wenig später ganz anders aus: „Es besteht Einigkeit im Kabinett“, heißt es am Ende, „dass die Bundesrepublik Deutschland kein Einwanderungsland ist und auch nicht werden soll.“ Die Historikerin Maria Alexopoulou, Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Zeitgeschichte der Universität Mannheim, verweist nicht nur mit dieser Episode auf einen Missstand im deutschen Ausländerrecht, das lange Zeit Auslegungssache gewesen ist und von den jeweiligen Ländern höchst unterschiedlich gehandhabt wurde. Nordrhein-Westfalen beispielsweise redete im Umfeld der Kabinettsdebatte von 1981 mit einem Memorandum des ehemaligen Ministerpräsidenten Heinz Kühn (SPD) intensiver Integration das Wort (die in der Praxis nicht gut funktionierte), während Baden-Württemberg in Mannheim ein Schulprojekt startete, das reine Ausländerklassen bildete, und schon lange, unter Hans Filbinger (CDU), mit Rückkehrprämien für Ausländer arbeitete.
Lokales Beispiel: Mannheim
Die Industriestadt Mannheim – und das ist die Stärke des Buchs „Deutschland und die Migration“ – wird für Alexopoulou zum lokalen Bezugspunkt. Von hier ausgehend erzählt sie die Geschichte der „Fremdarbeiter“ in Deutschland, vom Kaiserreich (und dessen Kolonialismus) bis hin zu den „Gastarbeitern“. Eine „Transformation zur Einwanderungsgesellschaft“ mag Alexopoulou erst seit 2015 erkennen. Ein prägnantes Buch – und teils zum Schämen.
Maria Alexopoulou: Deutschland und die Migration. Geschichte einer Einwanderungsgesellschaft wider Willen. Reclam. 281 Seiten, 24 Euro.