Unser Romanheld aber kann auf dem Frankfurter Flughafen, kurz vor einem Flug nach Hongkong ganz seiner Neugier frönen – und das gleich doppelt: Es ist ja gerade noch eine zweite Mail eingetrudelt, ähnlich kryptisch vom Absender her, hier aber verfasst auf Russisch und mit der Bitte, im Falle von Interesse in die Betreffzeile der Antwort „Asi“ zu tippen. Der Journalist tut’s. Und schon zwölf Stunden später, nach der Landung im Fernen Osten, folgt das versprochene Material. Unmengen digitaler Dokumente größter Brisanz werden geliefert, die einen aus USA, die anderen aus Moskau. Und Trojanows Romanheld hat die Chance, aus alledem die vielleicht folgenreichste Enthüllung unserer Zeit zusammenzusetzen. Haben wir eigentlich schon erwähnt, welchen Namen der Autor seinem Protagonisten verliehen hat? Er heißt allen Ernstes Ilija.
Hybris ist ihm wesensfremd
Wer diesen Roman „Doppelte Spur“ liest, muss auf der Hut sein. Die vielen Details, die er auf etwas mehr als 200 Seiten über die Machenschaften von Politik und Wirtschaft in zwei Weltmächten erfährt, wirken überaus schlüssig und sind in Fragmenten ja auch bekannt. Warum nicht sollten zwei Whistleblower aus dem russischen und dem amerikanischen Geheimdienst Interesse und Impuls haben, die Welt über den großen Zusammenhang, nämlich die wahren Machenschaften ihrer beiden obersten Vorgesetzten aufzuklären? Diese beiden Staatschefs werden im Roman zwar nur mit Spitznamen genannt, „Schiefer Turm“ und „Mikhail Iwanowitsch“. Aber wir erkennen sie sofort, denn der eine besitzt einen Büro-Wolkenkratzer in New York, und der andere ist von Haus aus selbst Geheimdienstoffizier. Und vieles andere, was wir zu lesen bekommen von raffgieren Oligarchen, Mafiosi und geheimen Sexpartys – so oder so ähnlich ist es doch längst durch die Presse gegangen. Setzt „Ilija“ alias Ilija Trojanow also nun für uns die Puzzleteile zusammen und schenkt uns mit seinem neuen Roman das ultimative Enthüllungsbuch über die Achse Putin-Trump?
Nein, indem Trojanow seinen Romanhelden „Ilija“ nennt, will er solche Erwartungen keineswegs wecken und nähren, sondern sie auf eine besonders schlaue Art brechen. Denn Hybris – „Hallo Menschheit, ich persönlich erkläre Euch die Welt“ – ist dem 55-jährigen Schriftsteller, das wissen seine Leser, wesensfremd. Ja, es geht in seinem neuen Buch um die große Gier der ohnehin schon Reichen, um ihre Rücksichtslosigkeit und ihre Unmoral, es geht auch um ihre Neigung, in Momenten gewisser Bedrängnis miteinander zu konspirieren und untereinander Hilfe zu gewähren. Aber es geht viel mehr um die Frage, was im Zeitalter eines Überflusses an digitalen Informationen und Enthüllungen eigentlich noch das Kriterium für Wahrheit sein kann.
Am Ende wird gegessen
Höchst unübersichtlich, aber auch höchst verführerisch ist die Fülle an Details, die „Ilija“ auf seinem Laptop studiert und seinem Leser übermittelt. Überwältigend die Fülle an Verbrechergestalten, die alle schon mal in Trumps Tower, pardon, am Geschäftssitz von „Schiefer Turm“ logiert haben. Oder die Gunst des Postkommunismus nutzten, um als Günstling von „Mikhail“ größtmöglichen Gewinn aus der Privatisierung russischer Betriebe zu ziehen. Bei der Vielzahl der Namen – Arif, Blazer, Boyko, Iwankow, Sapir… – verliert man irgendwann den Überblick. Sollte der Leser sich nicht lieber ein paar Notizen machen? Müsste er bei diesem Buch nicht selbst zum Rechercheur werden? Oder soll er darauf hoffen, dass „Ilija“ schon den Überblick behalten und am Schluss ein Ergebnis präsentieren wird, dem der Leser vertrauen darf, auch wenn er selbst nicht jedes Detail durchschaut?
Dieses komplexe Spiel mit Enthüllen, Glauben, Wissen und Vertrauen führt Trojanow eindrucksvoll und spannend am Detail vor. Deshalb verzeiht man ihm summa summarum, dass darüber andere Qualitäten, die man an einem Roman schätzen kann – zum Beispiel die Psychologie der Figuren oder komplexe Dialoge -, hier arg kurz kommen. Womöglich wäre es am Ende konsequent, im Stile eines zeitgeistigen Zynismus jeden Glauben an Wahrheit einfach sausen zu lassen? Nein, das ist natürlich nicht die Botschaft Trojanows, der ein Aufklärer war, ist und vermutlich bleiben wird: Ohne Wahrheit keine wirkliche Demokratie. Keine Hoffnung. Am Ende seines neuen Romans gibt es eine gemeinsame Mahlzeit. So beginnt „Ilijas“ nächster Weg, so setzt Trojanow seinen eigenen fort.
Info
Autor „Weltensammler“ heißt der Roman, den Ilija Trojanow 2006 veröffentlichte und der mit vielen Preisen bedacht wurde. Er selbst ist auch ein Welten- und Kulturensammler: 1965 in Sofia geboren, als Kind mit den Eltern in den Westen geflohen, hat der Autor im Lauf seines Lebens an zahlreichen Orten gelebt und mit Künstlern und Aktivisten aus aller Welt Freundschaft geschlossen.
Werk Trojanow schreibt Romane („EisTau“, „Macht und Widerstand“), er ist aber auch ein vorzüglicher Reporter und Essayist, dazu ein engagierter Vermittler von Literatur aus Afrika, Indien, Arabien oder Südosteuropa. Und er wird nicht müde, sich in die aktuellen Debatten einzuschalten. Sein Streitbuch „Kampfabsage. Kulturen bekämpfen sich nicht – sie fließen zusammen“ (2007) ist auch 13 Jahre später in Netzdebatten ein wahres Hassobjekt der „neuen Rechten“.
Lesung An diesem Mittwoch stellt Trojanow um 19.30 Uhr seinen Roman „Doppelte Spur“ im Literaturhaus Stuttgart vor. Tickets im Saal oder für den Livestream ausschließlich unter: www.literaturhaus-stuttgart.de
lija Trojanow: Doppelte Spur.Roman. S. Fischer Verlag. 239 Seiten, 22 Euro.