Dass der Stuttgarter Killesberg „ein gehobenes Wohngebiet“ ist, hat die Unternehmerin gleich erkannt. Den Standort findet Gamze Cizreli „sehr hübsch“. Mit einer Filiale ihrer Restaurantkette Big Chefs ist sie ins Einkaufszentrum Killesberghöhe gezogen. Und dass sich an der Stelle schon drei Vorgänger abgemüht haben, macht ihr keine Sorge. „Wir sind glücklich“, lautet ihre Bilanz der ersten drei Monate, die Frequenz sei gut. Stuttgart ist für die 54-Jährige die dritte Filiale in Deutschland. In ihrer Heimat betreibt sie inzwischen mehr als 80 Restaurants, sieben weitere in Aserbaidschan, Kasachstan, Irak, Zypern, Libyen und Belgien. Das ist ihr aber noch nicht genug: Sie will mit Big Chefs in allen Großstädten Europas vertreten sein.
Neben Hummus auch Pasta, Pizza, Burger und Bowls
Ihrer Kette hat Gamze Cizreli absichtlich keinen türkischen Namen gegeben, obwohl sie auf ihre Landsleute als Gäste zählt. Aber in ihren Speisekarten „findet jeder etwas“, sagt sie – vom Frühstück bis zum Abendessen. Neben levantinischer Küche wie Hummus, Hackfleischbällchen auf Auberginenpüree, den türkischen Ravioli namens Manti und Hühnchen in Kreuzkümmelsoße gibt es eben auch Pasta, Pizza, Burger und Bowls. Am attraktivsten ist wohl der Preis: Weniger als 20 Euro gibt der Gast im Schnitt bei einem Besuch von Big Chefs aus. Ihren Erfolg erklärt die Big Chefin jedoch mit der Gastfreundschaft, die Unternehmenskultur sei: „Wir machen unsere Gäste glücklich.“ Ein Nein gebe es nicht, der Kunde habe immer recht, sagt sie. Die Dekoration der Lokale, die wirken sollen als wären sie ein Wohnzimmer, und der „weibliche Touch“ bei der Präsentation der Gerichte und Getränke sind für sie weitere Faktoren.
Big Chefs ist an die Börse gegangen
Das weitere Wachstum finanziert Gamze Cizreli über Aktien: Im Mai ging sie mit einem Drittel ihres Unternehmens an die türkische Börse. Zuvor half ihr eine Private-Equity-Firm und ein weiterer Geldgeber bei der Expansion. Big Chefs erzielte laut der Zeitung Hürriyet Daily News im vergangenen Jahr Einnahmen von 895 Millionen türkische Liras (nach aktuellem Kurs umgerechnet etwa 30 Millionen Euro), der Gewinn lag bei 109 Millionen Liras. Rund 4500 Menschen arbeiten für die Firma.
In der Türkei ist die Vorstandschefin eine berühmte Persönlichkeit: Ihre Biografie ist gerade auf den Markt gekommen – mit einer Auflage von 30 000 Stück. Die Einnahmen fließen in einen Hilfsfonds für Studentinnen. Auf Instagram hat sie 144 000 Follower, in dem Netzwerk postet sie oft Lebensweisen. Sie solle in die Politik gehen, hätten schon viele zu ihr gesagt, berichtet sie, „aber Politik ist nicht mein Stil“. Vom Wirtschaftsmagazin Forbes wurde sie als eine der weltweit 50 wichtigsten weiblichen Führungskräfte ausgezeichnet. Dies sei aber nicht nur wegen des Erfolgs ihrer Marke geschehen, sondern weil sie Frauen fördert.
Große Offenheit in der Autostadt
Rund 15 Prozent der in der Kette verwendeten Zutaten stammen von weiblichen Produzenten, dazu zählen der Ziegenkäse oder die Granatapfelsoße. Gamze Cizreli folgt den nachhaltigen Entwicklungszielen der Vereinten Nationen. Big Chefs hat sie nach ihrer Scheidung gegründet und als Mutter von zwei Kindern. Die Betriebswirtschaftlerin stammt aus einer Akademikerfamilie, erzählt sie, der Vater war Arzt und die Eltern waren dagegen, dass sie in die Gastronomie einsteigt. „Es war eine schwierige Reise“, sagt sie über den Weg seit der Firmengründung im Jahr 2007. Erst die siebente Bank finanzierte ihre Geschäftsidee. In Stuttgart rechnet sie dagegen mit einem einfachen Erfolg: In der Autostadt sei das Einkommen hoch und die Offenheit gegenüber neuen Konzepten groß. Und im Gegensatz zu Großstädten wie London herrsche in Deutschland in der Branche wenig Wettbewerb. Dass türkisches Essen nicht nur aus Döner und Kebab besteht will sie ihren Gästen mit Big Chefs in Stuttgart auch noch beweisen.