Die Experten erwarten viele Kommentare und Einsprüche der Öffentlichkeit
Den Anstoß dafür gab der baden-württembergische Beauftragte gegen Antisemitismus, Michael Blume. Er will die letzten Relikte der Nationalsozialisten aus der Buchstabiertafel entfernen, zum Beispiel N wie Nordpol raus und N wie Nathan wieder rein. Das NS-Regime hatte 1934 unter anderem Nordpol und Zeppelin eingeführt, um jüdische Namen wie Nathan oder Zacharias zu verbannen. „Man sollte den Nazis nicht das letzte Wort überlassen“, sagt Blume. Er gehört deshalb auch zu den Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft, die einen neuen Entwurf der Buchstabiertafel erarbeiten sollen.
Ende September will die Expertengruppe den neuen Entwurf veröffentlichen. Anschließend kann die Öffentlichkeit diesen in der sogenannten Kommentierungsphase online beurteilen. Die Expertengruppe stellt sich jetzt schon auf zahlreiche Kommentare und Einsprüche ein. Dann könnte es auch zu Veränderungen des Buchstabieralphabets kommen, sagt Eberhard Rüssing, Obmann des Expertengremiums. Mitte 2022 will das Institut die endgültige Buchstabiertafel mit überwiegend Städtenamen veröffentlichen.
Städtenamen weniger modeabhängig als Vornamen
Blumes Vorschlag, die Tafel aus der Zeit der Weimarer Republik mit allen jüdischen Vornamen wiederzubeleben, lehnte die Mehrheit der Experten ab. Begründung: Die Buchstabiertafel sei mit nur fünf weiblichen und 19 männlichen Vornamen zu unausgewogen. „Dies spiegelt nicht unbedingt die Realität unserer Gesellschaft wider“, sagt Rüssing.
Besser geeignet seien Städtenamen, auch weil Stuttgart oder Nürnberg nicht so modeabhängig seien wie Emil oder Paula. Städtenamen seien auch in den Buchstabiertafeln anderer Länder wie Italien zu finden. „Ich kann damit leben“, sagt Blume. Immerhin für N wie Nürnberg konnte er sich stark machen – als Erinnerung an die Prozesse gegen die Hauptkriegsverbrecher nach dem Zweiten Weltkrieg. Und für K wie Karlsruhe – als Standort des Bundesverfassungsgerichts.
Bald buchstabieren nach Kfz-Kennzeichen?
Für die Experten steht fest: Es dürfen keine exotischen Städte in der neuen Buchstabiertafel vorkommen, sondern nur welche, die allen Menschen in Deutschland bekannt sind, auf ausländische Städte will der Ausschuss verzichten. Bei den Umlauten Ä, Ö, Ü und Buchstaben wie Q, X, Y könnte es aber problematisch werden, eine deutsche Stadt mit hohem Bekanntheitsgrad zu finden. Oder kennt jeder Überlingen oder Quedlinburg?
„Da müssen wir das angedachte Schema dann durchbrechen“, sagt Rüssing. Aus Ä könnte demnach ganz unkreativ „Ä wie Umlaut A“ werden, vermutet er, hält sich aber zurück, was konkrete Städtenamen angeht. Auskunftsfreudiger zeigt sich Blume, der immer wieder die Kfz-Kennzeichen erwähnt. Diese würde auch der Ausschuss diskutieren. Schließlich sind sie vielen Menschen bekannt. Also buchstabieren wir bald A wie Augsburg, B wie Berlin, S wie Stuttgart?
Dresden oder Düsseldorf? Hauptsache Deutschland
Phonetiker, Sprachwissenschaftler, die sich mit den lautlichen Aspekten von menschlichen Äußerungen befassen, erheben Einspruch. Für die meisten Deutschen seien A wie Augsburg oder S wie Stuttgart zwar kein Problem, anders für Migranten, die öfter ihre hierzulande teils unbekannten Namen buchstabieren müssten, sagt Ursula Hirschfeld von der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg: „Augsburg beginnt gesprochen nicht mit einem klaren A, sondern eher mit einem Au. Und bei Stuttgart spricht man ein SCH am Anfang und kein S.“ Sie würde die Tafel nicht ändern. Vor allem, weil die deutsche der schweizerischen und österreichischen Buchstabiertafel stark ähnelt: „Das ist dann verwirrend, wenn Deutschland plötzlich Städte nimmt.“
Ein weiteres Problem: Der Buchstabe D, mit dem gleich zwei deutsche Großstädte beginnen: Dresden und Düsseldorf. Ost oder West? Wofür entscheiden sich die Experten? Hirschfeld plädiert für Düsseldorf: „Wenn auf einen Konsonanten wie bei Dresden ein weiterer Konsonant folgt, ist es aus phonetischer Sicht nicht deutlich abgrenzbar. Da ist D wie Düsseldorf besser.“ Gerade in Telefonaten mit schlechter Verbindung – was dank der Qualität des deutschen Mobilfunknetzes nicht selten vorkommt – sei diese Deutlichkeit wichtig.
Sprachwissenschaftler: „Die neue Tafel wird von Anfang an scheitern.“
Verständlich müssten die Wörter sein, nichts weiter, das fordert auch Horst Haider Munske, Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins für Deutsche Sprache. Der Sprachwissenschaftler würde zwar die jüdischen Vornamen wieder aufnehmen, aber die Tafel ansonsten nicht verändern. Die bisherige habe sich bewährt – und werde dies auch künftig tun. Zudem seien Vornamen international geeigneter als Städtenamen. Beispiel München: Englischsprachige Menschen sagen Munich. „Was Millionen von Menschen an Sprachwissen haben, wird weggeworfen. Dafür werden sie Prügel bekommen“, schimpft Munske über die Pläne des Instituts.
Rüssing, der Obmann der Expertengruppe, verteidigt sie: „Das ist keine zwingende Vorschrift für die Allgemeinheit. Die Anwendung einer Norm ist grundsätzlich freiwillig.“ Die neue Buchstabiertafel sei vielmehr ein Angebot für einen speziellen Bereich: „Wir begrenzen die Empfehlung ausdrücklich auf Wirtschaft und Verwaltung.“ Sie könnte sich auch in der Prüfungsordnung bei Kaufleuten für Büromanagement und bei Verwaltungsfachangestellten wiederfinden.
Wird sich die neue Buchstabiertafel auch in anderen Bereichen durchsetzen? Munske sagt: „Da wird es Protest dagegen geben, die neue Tafel wird von Anfang an scheitern.“