Neues Leben mit Anfang 50 Aus Südbaden nach Sylt

Das Ehepaar Alexandra und Olaf Mundszinger genießt auf seiner Terrasse die Nachmittagssonne. Foto: Martin Tschepe

Sehnsuchtsort Nordsee: Seit zwei Jahren betreiben Alexandra und Olaf Mundszinger tausend Kilometer von ihrer alten Heimat entfernt eine kleine Pension. Ein Hausbesuch.

Rems-Murr/ Ludwigsburg: Martin Tschepe (art)

So schön kann das Leben sein: Alexandra und Olaf Mundszinger sitzen an einem sommerlichen Nachmittag auf ihrer Lieblingsinsel Sylt und besprechen während einer Arbeitspause die nächste Golfrunde, die für den frühen Abend geplant ist. Das Ehepaar – beide sind Anfang 50 – aus dem südbadischen Efringen-Kirchen betreibt nur ein paar Schritte entfernt vom Wenningstedter Hauptstrand die Pension Luuward. Ihren Hauptwohnsitz und Lebensmittelpunkt haben sie gut eintausend Kilometer weit nach Norden verlegt.

 

Es ist das Wochenende, an dem auf Sylt das große Treffen der Harley-Davidson-Fahrer stattfindet. 500 Motorräder seien auf der Insel, ist in der Lokalzeitung zu lesen. Vor ein paar Minuten ist einer der Biker mit laut blubberndem Motor bei der Pension vorgefahren und hat eingecheckt. Alex Mundszinger sagt, jetzt seien alle sieben Zimmer mit den zusammen zwölf Betten komplett belegt. So, wie fast immer von Ostern bis weit in den Herbst hinein.

Die Preise auf Sylt sind außer Kontrolle

Sylt war lange vor dem Umzug aus dem Südbadischen an die Nordseeküste der Sehnsuchtsort von Olaf und Alexandra Mundszinger. Seit einer gefühlten Ewigkeit hat das Ehepaar Urlaub auf der Insel gemacht, zunächst mit den Kindern, später allein, im Sommer, im Winter, zu jeder Jahreszeit. Eines Tages war dann dieser Gedanke im Kopf, erzählt Alex Mundszinger und verdreht ein klein wenig die Augen: „Wenn wir das ganze Geld für das Mieten der Ferienwohnungen noch hätten: Wir könnten uns davon eine eigene Immobilie auf Sylt kaufen.“ Also warum weiterhin mieten?

Bei einem Treffen mit einem Makler auf der Insel wird Alex Mundszinger dann aber schnell klar: „Kaufen ist utopisch.“ Die Preise auf Sylt sind völlig außer Kontrolle. Viele Insulaner können es sich schon lange nicht mehr leisten, auf ihrer Heimatinsel zu wohnen, manche ziehen frustriert weg, anderer pendeln täglich mit der Bahn vom Festland zum Arbeitsplatz auf Sylt, wenn die Bahn denn fährt und nicht mal wieder ausfällt. Eine Million Euro hätten bei Weitem nicht gereicht, sagt die gelernte Krankenschwester Alexandra Mundszinger.

Die Anzeige aus der „Sylter Rundschau“

Das Thema Haus oder Wohnung auf Sylt war folglich zunächst abgehakt. Stattdessen baut sich die Familie 2014 daheim in Efringen-Kirchen ein Einfamilienhaus mit Garten. „Wir haben uns wohlgefühlt und gesagt: ‚Bleiben wir halt in Baden‘“, erzählt Alexandra Mundszinger – obwohl es ihr in Südwestdeutschland im Sommer manchmal zu heiß gewesen sei (was perspektivisch kaum besser werden dürfte).

Anfang 2020, Corona ist in der Wahrnehmung der Deutschen noch eine Pandemie irgendwo in China. Der Vermieter einer der Ferienwohnungen, mit dem sich die Mundszingers angefreundet haben, schickt via Smartphone das Foto einer Anzeige aus der „Sylter Rundschau“. In der heißt es: „Pension zu verpachten.“ Als Alexandra von der Arbeit in einer Klinik in Bad Bellingen heimkommt, hat ihr Mann längst angerufen bei dem Immobilieneigentümer. Er ist Feuer und Flamme für die Idee: Umzug nach Sylt!

Olaf Mundszinger ist Chemiker, er hat eine eigene Firma, könnte genauso gut von Sylt aus arbeiten. Die Handvoll Mitarbeiter blieben halt in Baden. Mundszinger ist eh ständig in der gesamten Republik und in der halben Welt unterwegs. Ob er von Efringen-Kirchen aus startet oder von Wenningstedt auf Sylt aus, ist ziemlich egal.

Alexandra Mundszinger will zunächst nicht

Ein paar Tage nach dem Telefonat sitzen die Mundszingers erstmals in der Pension. Ihre 17-jährige Tochter Gina Madeleine ist auch dabei. Alexandra Mundszinger erinnert sich an ein nettes Gespräch, an ihren Gatten, der sofort von allem begeistert ist – aber auch an eine Immobilien, die sie nicht überzeugt: knarrende Holzböden, dunkle Türen, alte Betten, antiquiert wirkende Tapeten. Kann dies wirklich ihre neue Heimat sein?

Einen beruflichen Neuanfang traut sich Alexandra Mundszinger zu. „Ich bin als Krankenschwester ja auch Mädchen für alles. Und ich kann mit Menschen.“ Eine eigene Pension führen? Das wäre nicht das Problem. Wohl aber die Immobilie aus den 1960er Jahren. Sie sagt, sie müsse nun erst mal raus, allein am Strand laufen und nachdenken.

Man verabredet sich für später beim Fischrestaurant Gosch direkt an der großen Haupttreppe zum Strand. Als Alexandra Mundszinger eintrifft, wird sie vom Ehemann und der Tochter bereits erwartet. Beide haben ein erwartungsfreudiges Lächeln im Gesicht. Auf dem Tisch stehen drei Gläser Sekt. Und was sagt sie? „Ich will nicht.“ Alexandra Mundszinger hat das komfortable Haus im Badischen im Kopf und erklärt, sie wolle sich nicht verschlechtern.

Corona – ein Albtraum für die frischgebackenen Gastwirte.

In diesem Moment haut ihre Tochter mit der Faust auf den Tisch. Gina Madeleine, die damals kurz vor dem Abitur steht, ruft: „Bist du bescheuert?“ Seit Jahren habe sie von ihren Eltern bloß gehört: Sylt, Sylt, Sylt. „Jetzt habt ihr die Chance, auf der Insel zu leben!“ Außerdem werde sie eh bald ausziehen, um irgendwo zu studieren. „Mama, was willst du in unserem Haus ohne mich und mit einem Ehemann, der ständig beruflich unterwegs ist?“ Und was sagt die Mutter? „Okay, du hast ja recht. Wagen wir’s.“

Zunächst wird die Pension mithilfe des Verpächters renoviert. Die Mundszingers nehmen einen Kredit auf, denn auch sie müssen ordentlich investieren. Als endlich alles fertig ist, legt Corona den Tourismus auf Sylt lahm. Ein Albtraum für die frischgebackenen Gastwirte.

Letztendlich kommt es nicht so schlimm wie befürchtet – im Gegenteil. Die Pandemie beflügelt den Tourismus an den deutschen Küsten. Auf Sylt sind die Zimmer über viele Monate im Voraus ausgebucht, auch in der Pension Luuward. Zudem kommen 2020/21 neue Gäste auf die Insel, Menschen, die sonst gerne ganz weit wegfliegen während des Urlaubs, was sie wegen Corona aber nicht dürfen oder nicht wollen. „Selbst Ende November 21 hatten wir kein einziges freies Bett“, erzählt Alexandra Mundszinger und strahlt. Sie sagt aber auch, dass der neue Job durch die vielen Gäste sehr zeitaufwendig sei und es schwierig sei, „mitunter schier unmöglich“, Mitarbeiter zu finden. Das komplette Jahr 2022 habe sie allein mit einer Reinigungskraft gestemmt.

Keine Berge, aber dafür Wind und Wellen

Hat sie den Neuanfang also doch noch bereut? Die Antwort kommt spontan: „Nicht einen Tag. Wir fühlen uns sauwohl. Wir vermissen nichts. Es ist einfach geil hier.“ Nur Kontakt zu den alteingesessenen Insulanern sei allerdings ein bisschen kompliziert, man könnte auch sagen: ausbaufähig. „Wir leben mit unseren Gästen“, sagt sie.

Olaf Mundszinger erklärt: „Auch ich fühle mich hier meistens pudelwohl, aber manchmal fehlen mir das Wandern und die Berge.“ Die frische Luft und das Meer seien toll, das Essen in vielen Restaurant sehr gut – und weit laufen könne er auf Sylt ja auch. Kürzlich ist Olaf Mundszinger von Wenningstedt am Strand bis zur Kultkneipe Sansibar in den Dünen im Inselsüden bei Rantum marschiert. Knapp 15 Kilometer weit. Keine Berge zwar, aber dafür Wind und Wellen.

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