Nina Barth aus Lauterstein Miss-Germany-Kandidatin sieht Wettbewerb als Rettung

Sieht sich nicht als Model, sondern als Frau, der eine Bühne gegeben wird: Nina Barth ist unter den Top-160-Kandidatinnen bei Miss Germany. Foto: Ines Rudel

Eine Absage nach der anderen, das Selbstbewusstsein am Boden: Zu Jahresbeginn fehlte Nina Barth aus Lauterstein jegliche Lebensfreude. Ausgerechnet die Teilnahme bei Miss Germany gibt ihr Aufwind.

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Lauterstein - Vom Schminken hat Nina Barth wenig Ahnung. Es interessiert sie auch nicht. Glücklicherweise habe sie eine reine Haut und verwende daher nur etwas Wimperntusche und Lidschatten, sagt sie. Bei ihrem ersten richtigen Fotoshooting vor vier Wochen habe sie keine Ahnung gehabt, wie sie sich bewegen soll. Auf Ansage des Fotografen hat sie dann einfach gelacht und ein bisschen gestikuliert.

 

Nina Barth ist keine Frau, wie man sie sich unter einer Miss-Germany-Kandidatin vorstellt. Die 24-Jährige ist nicht dünn. Sie lebt in dem 2500-Einwohner-Ort Lauterstein am Rande der Schwäbischen Alb. 30 Stunden pro Woche arbeitet sie in einem Getränkemarkt. Außerdem schreibt sie freiberuflich für Lokalzeitungen. Und sie hat sich als Autorin selbstständig gemacht und zwei Bücher im Selbstverlag veröffentlicht. Nun tritt sie bei Miss Germany an.

Bis zuletzt erhielt Nina Barth immer überall Absagen

Das mag nach einer umtriebigen, selbstbewussten Frau klingen. Doch die Realität ist eine andere. Erst durch die Kandidatur bei Miss Germany kehrt ganz langsam das Selbstbewusstsein der 24-Jährigen zurück. In den Monaten zuvor musste sie einiges wegstecken. „Zwischenzeitlich stand ich vor der Frage: Beende ich mein Leben jetzt oder verändere ich etwas?“ Sie entschloss sich für Zweiteres. Doch es war hart.

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Vor anderthalb Jahren, als das Coronavirus gerade so richtig loslegte, als viele Firmen auf Sparkurs waren und Kurzarbeit anmeldeten, stecke Nina Barth mitten in der Bewerbungsphase. Im September 2020 beendete sie ihr Journalismusstudium, schon Monate zuvor hatte sie damit begonnen, sich für Volontariate bei Print- und Onlinemedien, Radiosendern und TV-Firmen zu bewerben: „Ich erhielt überall Absagen.“ Als das Ende des Studiums näher rückte und die Krankenkasse nachfragte, wie ihre Versicherung künftig gezahlt werde, „war ich richtig verzweifelt“. Sie zog zurück zu ihren Eltern auf die Alb und begann als Freiberuflerin für Lokalzeitungen zu arbeiten. Doch wegen der Pandemie gab es kaum Aufträge.

Zurzeit hat die 24-Jährige wenig Freizeit

„Anfang 2021 war ich auf einem absoluten Tiefpunkt.“ Sie hatte finanzielle Probleme, Zukunftssorgen und sah nur noch das Negative im Leben. Dann erinnerte sie sich: „Ich wollte schon immer Bücher schreiben.“ Sie verfasste ihr erstes Manuskript, reichte es bei Verlagen ein – und erneut hagelte es Absagen. Doch statt aufzugeben, begann sie sich mit Self-Publishing auseinanderzusetzen, also einer Buchveröffentlichung ohne Verlag. Im April 2021 erschien ihr erstes Buch, ein Fantasy-Jugendroman. Im August folgte ihr zweites, das sich an junge Erwachsene richtet. Die fünf Personen, die bisher eine Bewertung auf Amazon geschrieben haben, haben alle fünf Sterne gegeben. Eine Leserin schreibt, dass ihr das erste Buch nicht zugesagt habe, das Zweite aber „spannend, prickelnd und herzzerreißend“ sei.

„Ich musste mir vieles selbst beibringen“, sagt Nina Barth. Dieses Wissen nutzt sie nun doppelt. Neben dem Geschichtenerzählen teilt sie Tipps zum Bücherschreiben auf ihrem Blog, in sozialen Netzwerken und in ihrem Podcast Schreibliebe. Eines ihrer Tiktok-Videos wurde bereits mehr als 30  000 Mal angesehen. Künftig will sie in ihren Podcast auch Gäste einladen aus der Buch- und Journalismusbranche, die sie interviewt. Weil sie mit all dem aber noch nicht genügend Geld verdient, jobbt sie 30 Stunden pro Woche im Getränkemarkt. „Ich hab zurzeit wenig Freizeit, aber am Anfang einer Selbstständigkeit muss man viel Zeit investieren.“

Nur wenige Frauen wurden vom Miss-Germany-Team angesprochen

Ihre Internetpräsenz hat dazu beigetragen, dass das Miss-Germany-Team auf Nina Barth aufmerksam wurde. Sie wurde auf Instagram angeschrieben und gefragt, ob sie sich nicht vorstellen könne, für die kommende Wahl zu kandidieren. „Meine erste Reaktion war: ‚Was soll ich denn dort?’“ Zwar habe sie gewusst, dass das Konzept des einstigen Schönheitswettbewerbs inzwischen ein anderes sei und es nicht mehr ums Aussehen der Frauen gehe, dennoch habe sie bezweifelt, dass sie dort passend sei.

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99 Prozent der Kandidatinnen seien durch Social-Media-Maßnahmen auf Miss Germany aufmerksam geworden, doch nur wenige Frauen seien direkt angesprochen worden, sagt Andre Padecken, Sprecher von Miss Germany. Insgesamt habe sich die Zahl der Bewerbungen durch das neue Konzept mehr als verdoppelt.

Bisher kein Konkurrenzdenken unter den Kandidatinnen

„Einen Tag vor Bewerbungsschluss habe ich mich beworben“, erzählt Nina Barth. „Mehr wie eine Absage kann ja nicht passieren, sagte ich mir.“ Zunächst hat sie mit niemandem darüber gesprochen – aus Angst, dass sie kurz darauf sagen müsste, dass es mal wieder nicht geklappt habe: „Ich hab mir wenig Hoffnung gemacht.“

Während ihrer Arbeit im Getränkemarkt ploppte dann eine Mail in ihrem Posteingang auf. „Herzlichen Glückwunsch“ stand dort in Großbuchstaben, der Absender: Miss Germany. Unter den mehr als 12 000 Bewerberinnen war sie unter den Top 160 gelandet. „Das war die erste Zusage seit Monaten, endlich wollte mich jemand.“

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Mitte September war Nina Barth für ein Wochenende in Hamburg bei der sogenannten Live Experience von Miss Germany. Sie lernte andere Kandidatinnen kennen. „Es gibt keinerlei Konkurrenzdenken“, schwärmt sie. „Und die Gespräche waren nicht oberflächlich.“ Kürzlich hat sie mit anderen Kandidatinnen ein Video zu Catcalling bei Minderjährigen gedreht, also zu sexueller Belästigung von Jugendlichen in der Öffentlichkeit.

Bei GNTM hätte sie länger überlegen müssen

In Hamburg wurde sie professionell geschminkt, gestylt und fotografiert für das Online-Voting. Wer bei Miss Germany weiterkommt, entscheidet nämlich nicht die Jury allein, sondern auch die Öffentlichkeit per Stimmabgabe.

Seit 2019 ist Miss Germany keine Schönheitskonkurrenz mehr, sondern ein Wettbewerb für Frauen zwischen 18 und 39 Jahren, die hinter einer bestimmten Idee stehen. Das kann das Gemeinwohl oder ein Ehrenamt sein, aber auch Nachhaltigkeit, Gesundheit oder Kunst sein. Eine Kandidatin setzt sich dafür ein, dass mehr Frauen in technischen Berufen landen, eine andere, dass Frauen sich mehr mit Finanzen beschäftigen. Auch Plus-Size-Frauen, Mütter und Personen mit einer nichtbinären Geschlechtsidentität sind dabei.

Und wofür steht Nina Barth? Sie ist die einzige Schriftstellerin und Journalistin unter den Top 160. „Als Journalistin, auf meinem Blog und den sozialen Medien spreche ich wichtige Themen an und leiste Aufklärungsarbeit – etwa zur Bewegung Black Live Matters, die unterschiedliche Bezahlung von Frauen und Männern oder die Frauenquote“, erklärt sie. „Und als selbstständige Autorin vermittle ich: Man schafft alles, wenn man an sich glaubt und für seine Ziele und Träume kämpft.“ Sie selbst sehe sich bei Miss Germany nicht als Model, sondern als Frau, der eine Bühne gegeben werde.

Böse Kommentare im Internet: Miss Germany müsse sexy sein

Die meisten fänden dieses neue Konzept des einstigen Schönheitswettbewerbs gut, sagt Nina Barth. Im Internet gebe es aber auch Kommentare, dass eine Miss Germany dünn und sexy sein müsse.

Als Nina Barth ihrem Umfeld erzählte, dass sie bei Miss Germany mitmache, waren viele verwundert. Inzwischen seien die meisten begeistert. Ihr Papa erzähle es überall rum, ihre Mama verteile Flyer für das Voting. Manchmal würden nun sogar Unbekannte sie ansprechen und ihr mitteilen, wie toll sie fänden, was sie mache. „In einem Dorf bekommt man so etwas ja schnell mit.“

Durch Miss Germany lässt sie sich weniger verunsichern

Zwar wäre es immer noch ihr Wunsch, eine feste Anstellung im Online- oder Social-Media-Bereich zu bekommen, doch sie weiß nun, dass es auch anders geht. Durch die verschiedenen beruflichen Standbeine, die sie sich aufgebaut hat, hat sie vorerst keine finanziellen Sorgen mehr. „Ich hab noch so viele Ideen, dass ich in den nächsten Jahren genug zu tun hätte“, sagt sie.

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So wird die Miss Germany gewählt

Konzept
Seit 2019 ist Miss Germany kein Schönheitswettbewerb mehr. Stattdessen soll Frauen eine Bühne gegeben werden, die „die Welt verändern, sie mit Haltung, Überzeugung und Persönlichkeit prägen und Verantwortung übernehmen“, heißt es. Die erste Gewinnerin nach dem neuen Konzept war Nadine Berneis, eine 31-jährige Polizistin aus Stuttgart.

Wahl
Derzeit kann man den 160 Miss-Germany-Kandidatinnen online seine Stimme geben. Jede Woche sind 40 Frauen an der Reihe – Nina Barth ist vom 18. Oktober bis zum 25. Oktober dabei. Die 40 Kandidatinnen mit den meisten Punkten kommen weiter, außerdem wählt die Jury 40 Frauen in die engere Auswahl. Von diesen 80 kommen zehn ins Finale am 19. Februar. 

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