Norbert Haug im Interview „Hamilton ist kein Hauruck-Rennfahrer“

Von Jürgen Kemmner 

Der ehemalige Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug spricht im Interview über das große Potenzial des fünfmaligen Formel-1-Weltmeisters Lewis Hamilton und seinen steinigen Weg bis an die Weltspitze des Motorsports.

Der frühere Chef der Mercedes-Motorsportabteilung Norbert Haug (links) mit seinem Nachfolger Toto Wolff. Foto:   7 Bilder
Der frühere Chef der Mercedes-Motorsportabteilung Norbert Haug (links) mit seinem Nachfolger Toto Wolff. Foto:  

Stuttgart - Norbert Haug war von 1990 bis 2012 Motorsportchef von Mercedes und kennt Lewis Hamilton, seit der ein Teenager war. Der 63-Jährige erlebte den Aufstieg des jungen Briten zum Weltmeister mit und ist ihm auch heute noch freundschaftlich verbunden.

Norbert Haug über Hamiltons Auftreten

„1998 stand Lewis auf der Gästeliste der Party in Stuttgart, als Mika Häkkinen den ersten WM-Titel gewonnen hat. 13 Jahre alt war er, ich kannte ihn schon einige Zeit, weil er seit seiner Kartzeit von McLaren und Mercedes gefördert wurde. Lewis war ein wohlerzogener Junge, und auch heute ist er noch immer ein umgänglicher Kerl – auch wenn dies über die Medien mitunter anders transportiert wird.“

Norbert Haug über Hamiltons Weg nach oben

„Lewis war ein sehr fokussierter Fahrer von Beginn an, er wusste gleich, worauf es ankommt. Wenn einer in die Formel 1 kommt und nach den ersten neun Rennen jedesmal auf dem Podium steht, dann spürt man, dass da ein großes Potenzial vorhanden ist. Man darf nie vergessen: Lewis musste stets darum kämpfen, ein Ziel zu erreichen. Ihm wurde im Leben nichts geschenkt, er kam aus kleinen Verhältnissen und musste sich durchkämpfen. Das prägt einen Menschen.“

Norbert Haug über Hamiltons größten Rivalen

„Wenn du als Neuling eine Erfolgsserie hinlegst, wächst das Selbstvertrauen von Rennen zu Rennen – ich erinnere mich nicht, dass ein Fahrer in die Formel 1 kam und in seiner ersten Saison um den Titel gefahren ist. Lewis war sofort siegfähig, das hat seinem Teamkollegen Fernando Alonso freilich nicht gefallen, er konnte die Erfolgssträhne nicht begreifen – was zu Spannungen führte. Aber wir haben Lewis nie bevorzugt, das war nicht unser Stil. Nach dem unglücklich verlorenen Titelrennen 2007 hat er eine Saison später das Versäumte nachgeholt und mit McLaren-Mercedes seinen ersten Titel gewonnen.“

Norbert Haug über Hamiltons Begabung

„Was einen guten Sportler auszeichnet ist die Fähigkeit, sich ständig zu hinterfragen. Auch im Erfolg nicht selbstgefällig und lethargisch zu werden, sondern stets zu überlegen, wie man noch besser werden kann. Lewis ist nie hingestanden und hat gerufen: „Ich bin der Größte!“ Er hat sich nach seinen WM-Titeln immer wieder streng unter die Lupe genommen.“

Norbert Haug über Hamiltons Fahrkünste

„Wenn man seine Fahrfehler zusammenzählt, kommt man garantiert auf eine Zahl, die von keinem aktuellen Fahrer unterboten wird. Ein schuldhafter Unfall? Da muss man lange suchen. Lewis ist kein Hauruck-Pilot, aber er besitzt die nötige Härte, die ein exzellenter Formel-1-Fahrer braucht. Und er ist in der Lage auf den Punkt da zu sein, wenn er in Q3 in der letzten schnellen Runde die Pole-Position erobert. Kein Mensch darf die Leistungsfähigkeit eines Grand-Prix-Fahrers unterschätzen, es ist ja nicht so, dass nur ein paar Knöpfe am Lenkrad gedrückt werden. Das Limit wurde Jahr für Jahr nach oben geschoben. Ein Vergleich zwischen Fangio und Hamilton wäre völlig daneben, das eine war eine Ära, das andere ist eine andere Ära. Fangio legte zu seiner Zeit die Messlatte aber sehr hoch.“

Norbert Haug über den Starkult um Hamilton

„Die Sache mit dem Lebemann? Lewis weiß genau, was sein Beruf ist. Die Postings in den Social Media sorgen vielleicht für einen anderen Eindruck und führen zu einer anderen Bewertung. Dieses Thema wird überbewertet – ich weiß, wie sehr Lewis für seinen Beruf lebt, wie straff sein Arbeitsprogramm ist. Aber wie man sieht, schöpft er viel Kraft aus den Dingen, die er neben seiner Karriere unternimmt.“

Norbert Haug über Hamiltons Team

„Mercedes beschert ihm die Umgebung, in der er sich wohlfühlt – das ist immens wichtig. Den Erfolg haben sich die Mannschaft und Lewis gegenseitig erarbeitet, man könnte es vergleichen mit der Zeit von McLaren-Mercedes, als Mika Häkkinen und David Coulthard gefahren sind. In den letzten fünf Jahren dominiert Mercedes die Formel 1 – aber eines ist sicher: Keiner gewinnt ein Rennen allein.“

Norbert Haug über sein Verhältnis zu Hamilton

„Ich war in den letzten fünf Jahren vielleicht dreimal bei einem Grand Prix, deshalb habe ich keine persönlichen Kontakt zu Lewis mehr. Das muss auch nicht sein, aber selbstverständlich schreibe ich ihm eine Nachricht, wenn er etwa ein großartiges Ergebnis abgeliefert hat. Lewis hat nie vergessen, wo er hergekommen ist, und wer ihn auf seinem Weg nach oben begleitet hat.“