Nordkanada Suizid-Krise in der Arktis

Von Gerd Braune 

Indianische Gemeinden erklären den Notstand angesichts eines dramatischen Anstiegs von Suiziden oder Selbsttötungsabsichten junger Menschen. Jüngstes Beispiel ist die Gemeinde Attawapiskat in Nord-Ontario.

Tristesse in Attawapiskat: hier wollten sich elf Jugendliche und sogar Kinder gemeinsam töten. Foto: AP
Tristesse in Attawapiskat: hier wollten sich elf Jugendliche und sogar Kinder gemeinsam töten. Foto: AP

Ontario - Hoffnungslosigkeit prägt das Leben vieler junger Menschen in den abgelegenen Ureinwohnergemeinden Kanadas. Die Perspektivlosigkeit der Jugend eskaliert oft in Suiziden. Jüngstes Beispiel ist die Gemeinde Attawapiskat in Nord-Ontario. Am Wochenende konnte offenbar im letzten Moment verhindert werden, dass sich elf junge Menschen, einige zwischen sieben und 13 Jahren alt, töteten. Bundes- und Provinzregierung haben psychologisch geschulte Sozialarbeiter und Mitarbeiter der Gesundheitsdienste in die Gemeinde geschickt.

„Ich bin müde und von Gefühlen überwältigt“, sagt Bruce Shisheesh, Häuptling der knapp 2000 Einwohner zählenden Gemeinde Attawapiskat an der James Bay in Nord-Ontario. Attawapiskat liegt nur 90 Kilometer von einer Diamantenmine von De Beers entfernt. Am Samstag hatte der Gemeinderat den Notstand erklärt, der sofortige Hilfsmaßnahmen der Regierung und der indianischen Nishnawbe Aski Nation, zu der Attawapiskat gehört, und ihres Gesundheitsdienstes auslöste.

Junge Menschen sind depressiv

Die 14-jährige Carissa Koostachin musste im Oktober den Tod ihrer ein Jahr jüngeren Cousinen Sheridan Hookimaw hinnehmen, die sich nach Mobbing selbst tötete. „Viele junge Menschen haben das Gefühl, dass sich niemand um sie kümmert“, sagt das Mädchen mit den langen dunklen Haaren mit leiser Stimme. „Ich möchte nicht noch jemanden durch Suizid verlieren.“ Aber sie hat zugleich Angst, über Selbsttötungen zu sprechen. „Wenn man viel darüber spricht, regt das andere Jugendliche an, es zu tun.“

Am Freitagabend waren Jugendliche in die Dunkelheit hinausgewandert, vermutlich mit dunklen Gedanken. Zum Glück hatten Erwachsene gehört, dass einige Kinder über ihre Absicht sprachen, sich zu töten. Sie alarmierten die Gemeindespitze und die Nishnawbe-Aski-Polizei, die die Spuren der Jugendlichen fand, sie aufgriff und in die Krankenstation oder ins Gefängnis brachten, um sie vor sich selbst zu schätzen. Von „Suizidpakt“, einer Gruppenselbsttötung war danach die Rede, auch wenn aus den Berichten aus Attawapiskat nicht klar wird, wie konkret die Absichten waren. Aber zu oft müssen indigene Gemeinden den Suizid junger Menschen beklagen, die durch Medikamentenüberdosis, Erhängen, Strangulieren oder Schusswaffen ihrem Leben ein Ende setzen. Attawapiskat registrierte im März 28 Fälle von Suizidversuchen oder Selbstmordgedanken.

Suizide – eine die Regionen übergreifende Erkrankung

Suizide in den abgelegenen, oft nur im Winter auf Eisstraßen über Land zu erreichenden Gemeinden, wird oft als Pandemie, eine die Regionen übergreifende Erkrankung bezeichnet. „Eine Situation, wie sie in Attawapiskat herrscht, erleben viel zu viele First Nations in diesem Land“, sagt Perry Bellegarde, der Oberhäuptling der indianischen Völker Kanadas, die als „First Nations“, „Erste Völker“ bezeichnet werden. Gemeinden wie La Loche in Nord-Saskatchewan, wo sich vor wenigen eine tödliche Schießerei ereignet hatte, bei der vier Menschen ums Leben kamen, Manitobas Pimicikamak Cree-Nation, die Maskwacis-Gemeinde in Alberta oder Pikangikum in Ontario sind nur einige Beispiele für suizidgeplagte Siedlungen.

Die Gemeinden verlieren in dramatischer Weise Menschen, auf denen ihre Zukunft beruhen sollte. Die Suizid- und Selbstverletzungsrate ist um ein Mehrfaches höher als im Landesdurchschnitt. Eine Katastrophe ist die Suizidrate auch im Arktisterritorium Nunavut, das weltweit mit an der Spitze der Selbsttötungen steht. Vor dem ständigen Forum der Vereinten Nationen für Ureinwohnerfragen hatte Upaluk Poppel, ein Vertreter der Inuit-Jugendorganisation Kanadas, im Mai 2005 die Lage mit deutlichen Worten beschrieben: „Wenn die Gesamtbevölkerung Kanadas, Dänemarks und der USA Selbstmordraten hätte, die vergleichbar mit der ihrer Inuit-Bevölkerung ist, würde ein nationaler Notstand erklärt.“

Folge des Kulturschocks beim schnellen Übergang zur Moderne

Psychologen sehen diese Entwicklung unter den Inuit unter anderem als Folge des Kulturschocks beim schnellen Übergang von einer Nomadengesellschaft zur Moderne. In den abgelegenen Gemeinden kommt Wohnraummangel, eine hohe Arbeitslosigkeit und das Fehlen von Beschäftigungsmöglichkeiten in der Freizeit hinzu. Über allem aber liegt das Trauma der „Residential Schools“, der Internatsschulen, in denen jahrzehntelang versucht wurde, die Ureinwohner ihrer Kultur zu berauben, in denen sie physisch, psychisch und sexuell missbraucht wurden. Zerstörte Familienstrukturen, Gewalt in den Familien und Alkoholismus sind oft Folgen dieses aufgezwungenen Schulsystems, die über Generationen weitergegeben werden. „Ich habe nie von meiner Mutter gehört, dass sie mich liebt“, sagt eine junge Frau unter Tränen. „Sagt euren Kindern, dass ihr sie liebt.“

Es ist schwer, aus diesem Teufelskreis herauszukommen. Es wird viel Geld kosten, die ökonomische und soziale Lage in den Gemeinden zu verbessern, anhaltende Unterstützung durch Sozialarbeiter muss gesichert werden und die kanadische Gesellschaft, die erst in diesen Jahren das volle Ausmaß der Tragödie der Internatsschulen erfasst und sich damit auseinandersetzt, muss Geduld und Verständnis aufbringen. Der seit November 2015 amtierende liberale Premierminister Justin Trudeau bezeichnete die Entwicklung in Attawapiskat als „herzzerbrechend“. Der sozialdemokratische Abgeordnete Charlie Angus, in dessen Wahlkreis Attawapiskat liegt, sagte im Parlament: „Die Jugendsuizidkrise schockiert die ganze Welt und die Menschen fragen sich, warum ein so reiches Land wie Kanada so viele Kinder und junge Menschen im Stich lassen kann.“

Die kanadische Bundesregierung sieht das Problem

Jedes Kind in diesem Land habe Anspruch auf psychische Gesundheit und Unterstützung, um Hoffnung und eine positive Zukunft zu haben. Gesundheitsministerin Jane Philpott räumt ein: „Die Verhältnisse in First Nations- und Inuit-Gemeinden sind absolut untragbar. Die psychische Gesundheit der jungen Menschen ist verheerend.“ Mit 300 Millionen Dollar pro Jahr will die kanadische Bundesregierung ihren Beitrag leisten, um die Hilfen für die jungen Menschen zu verbessern. Ob es reicht, ist fraglich.Bis sie wirken, wird Kanada wohl noch oft von tragischen Suiziden in indigenen Gemeinden hören.