NS-Euthanasie in Bietigheim Die Menschen, nach denen lange keiner fragte

Von Susanne Mathes 

Eine Ausstellung erinnert an die Bietigheimer Opfer der Patientenmorde – und wirft die Frage auf, was ihr Schicksal für ethische Fragen der Gegenwart bedeutet.

Eugen Brust mit Gitarre. Im Juni 1940 wurde er in der Tötungsanstalt Grafeneck umgebracht. Foto: privat/Stadtarchiv Bietigheim-Bissingen 7 Bilder
Eugen Brust mit Gitarre. Im Juni 1940 wurde er in der Tötungsanstalt Grafeneck umgebracht. Foto: privat/Stadtarchiv Bietigheim-Bissingen

Bietigheim-Bissingen - Es waren Leute wie der Untermberger Bauernsohn Eugen Brust, die in der Tötungsanstalt Grafeneck bei Gomadingen umgebracht wurden. „Depressionen, das ist heute eine Volkskrankheit“, sagt die Leiterin des Bietigheimer Stadtmuseums im Hornmoldhaus, Catharina Raible. Vor 70 Jahren mussten Eugen Brust und Tausende andere, deren Leben die Nationalsozialisten wegen derartiger Diagnosen für „lebensunwert“ hielten, sterben.

Eugen Brust, ein guter Schüler, nach den Worten seines Vater„ruhig und still“, wurde als 20-Jähriger „arbeitsunfähig krank“. Damals war er in einer Bissinger Gärtnerei beschäftigt. Mit der Diagnose Schizophrenie kam er 1934 in die Anstalt Weinsberg; eine Zwangssterilisation verschlimmerte seinen körperlichen und seelischen Zustand.

„Es gibt auch Opfer, von denen haben wir nicht mal mehr ein Bild aufgetrieben“

Am 21. Juni 1940 wurde er nach Grafeneck deportiert und noch am selben Tag ermordet. Seine ahnungslosen Eltern schrieben Wochen später nach Weinsberg: „Nachdem wir längere Zeit nichts mehr wissen von unserem lieben Sohn Eugen, möchten wir anfragen, wie es ihm gegenwärtig geht. Baldige Antwort erwünscht.“

Die Stolpersteine-Initiative, das Stadtmuseum und die evangelische Kirche rufen die Erinnerung an die Euthanasie-Opfer aus Bietigheim, Bissingen und Untermberg jetzt in der Bietigheimer Stadtkirche wach. Dort können Besucher deren Lebensgeschichten auf großen Aufstellern nachlesen und ihnen auf Fotos begegnen – sofern vorhanden. „Es war teils sehr schwierig, Informationen zu bekommen“, sagt Sonja Eisele vom Stadtarchiv, die in der Stolpersteine-Initiative mitarbeitet. „Es gibt auch Opfer, da haben wir nicht mal mehr ein Bild aufgetrieben.“

Die Nazis leisteten bei der Indoktrinierung ganze Arbeit

„Lange Zeit hat nach diesen Menschen und den Umständen, unter denen sie gestorben sind, leider keiner gefragt“, sagt Thomas Reusch-Frey von der Initiative. Wohl auch, weil manche betroffene Familie es sogar später noch als Makel empfunden habe, ein geistig krankes oder körperlich behindertes Familienmitglied gehabt zu haben. Bei ihrer rassenideologischen Indoktrinierung, so Reusch-Frey, hätten die Nationalsozialisten ganze und lange nachwirkende Arbeit geleistet.

Die Ausstellung in die Kirche geholt haben die Initiatoren, damit dort auch Menschen auf das Thema stoßen, die dafür vielleicht nicht eigens ins Museum gehen würden. Kombiniert sind die Biografien mit einigen Terrakotta-Figuren aus der Gedenkstätte Grafeneck. Der Künstler Jochen Meyder fertigte für eine Installation kleine Statuetten an – für alle 10 654 dort getöteten Frauen, Männer und Kinder . „Das macht die Dimension der in einem Jahr getöteten Opfer eindrücklich deutlich“, findet Thomas Reusch-Frey. „Besucher oder Institutionen können die Figuren mitnehmen und so das Wissen um das Geschehene wieder in die Gesellschaft tragen“, erklärt Catharina Raible.

Nachdenken über den optimierten Menschen

Die Erinnerung an die Patientenmorde, die den Auftakt für das institutionalisierte Morden im Dritten Reich markierten, soll aber Brückenschlag in die Gegenwart sein und zum Nachsinnen über den optimierten Menschen, die gerechte Verteilung von Gesundheitsleistungen oder Selbstbestimmung am Lebensende anregen.




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