NSU-Untersuchungsausschuss Neue Fragen zum Phantombild

Von Reiner Ruf 

Der Untersuchungsausschuss im Landtag ist für Überraschungen gut: Am Montag erzählte ein Kriminalpolizist, auch nach schweren Kopfverletzungen könne ein Betroffener Phantombilder liefern. Im Heilbronner Polizistenmord sahen die Ermittler das anders.

Immer wieder gibt es im Untersuchungsausschuss Überraschungen. Foto: dpa
Immer wieder gibt es im Untersuchungsausschuss Überraschungen. Foto: dpa

Stuttgart - Nach zähen Stunden gab es im NSU-Untersuchungsausschuss am Montag dann doch noch eine Überraschung. Sie war Kurt K. zu verdanken, jenem Kriminalisten des Landeskriminalamts (LKA), der zusammen mit dem überlebenden Polizisten Martin Arnold ein Phantombild zum Heilbronner Anschlag erstellt hatte. Dieses Phantombild war auf Weisung der Staatsanwaltschaft niemals veröffentlich worden, weil es nicht mit hinreichender Sicherheit den Täter zeige. Staatsanwalt Christoph Meyer-Manoras machte seinerzeit geltend, der Polizist Arnold sei durch den Kopfschuss so schwer verletzt worden, dass eine Erinnerung unmöglich sei. Meyer-Manoras kann sich mit dieser Einschätzung auf Fachärzte stützen, die vor dem Untersuchungsausschuss aussagten, ein Kopfschuss lösche das unmittelbare Erinnerungsvermögen aus.

Eine Sekunde reicht

Kurt K. hingegen berichtete vor dem NSU-Gremium, dass er in einem anderen Fall schon einmal ein Phantombild erstellt hatte mit einem Zeugen, der ebenfalls durch einen Kopfschuss verletzt worden war. Das Phantombild führte zur Ergreifung der Täter. Der Zeuge hatte auch in jenem Fall nur für eine Sekunde den Schützen gesehen. War es also doch ein Fehler, dass im Fall des Heilbronner Polizistenanschlags das Phantombild nicht veröffentlicht wurde? Bisher war man allseits davon ausgegangen, dass es sich dabei um eine wesentliche Frage handelte. Kurt K. berichtete, er habe das Phantombild mittels eines „kognitiven Interviews“ mit dem Polizisten Arnold erstellt – und ein brauchbares Resultat erzielt. Martin Arnold habe glaubhafte Erinnerungen vorgebracht – bis hin zu dem Hemd des Täters, das er im Außenspiegel sah. Dass das Phantombild nicht veröffentlicht wurde, überraschte den Kriminalhauptkommissar. Er habe in toto etwa 2000 Phantombilder erstellt, nur dieses eine sei nicht veröffentlich worden.

Allerdings glaubt Kurt K., auf dem Phantombild Uwe Böhnhardt zu erkennen. Diese Aussage war nun aber gleichfalls geeignet, die Ausschussmitglieder zu überraschen. War man bisher doch davon ausgegangen, dass auf dem Phantombild weder Böhnhardt noch Uwe Mundlos zu sehen seien. Was die Konsequenz hätte, dass die mutmaßlichen Rechtsterroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) nicht selbst die Täter sein konnten, sondern über Helfer verfügt haben mussten. Der Kriminalist Kurt K. berief sich indes auf Fotos von Böhnhardt aus dem Tatjahr 2007 – und erkennt Ähnlichkeiten zwischen dem Phantombild und Böhnhardt. Dem hielt der FDP-Abgeordnete Ulrich Goll entgegen, dass der Polizist Arnold, der auf dem Phantombild Böhnhardt beschrieben haben soll, just diesen Böhnhardt auf Fotos nicht wiedererkannte. Das passte nicht zusammen.

Vom Tatort verscheucht

Ein Zeuge brachte die Polizei in Verlegenheit, als er berichtete, dass er nach dem Anschlag in Heilbronn von einer Polizistin vom Tatort gescheucht worden sei, ohne dass seine Personalien aufgenommen worden waren. Er hatte zwar die Tat nicht beobachtet, war aber unmittelbar danach auf die Theresienwiese gekommen. Der Mann meldete sich dann später von sich aus. Ein Fahrradfahrer sowie ein Paar mit Kinderwagen, die schon vor dem Zeugen am Tatort waren, sind bis heute nicht bekannt. Wolfgang Drexler (SPD), der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses, sprach von einem „schweren Ermittlungsfehler“ der Polizei.