Das historisch schlechte Ergebnis ist ein schwerer Dämpfer für den Schwaben: Mit 91,3 Prozent war er 2015 ins Amt gestartet. Seit der großen Krise der IG Metall 2003 hat kein Chef ein schlechteres Resultat eingefahren – doch damals war der Machtkampf von Jürgen Peters und Berthold Huber vorausgegangen und die Wahl von Peters ein Ausdruck der Spaltung. Auch vor 2003 hatten die Vorsitzenden stets mehr Rückhalt bei den Wahlen.
Alle anderen Führungskräfte schneiden besser ab
Hofmanns Vize, Christiane Benner, verstärkt den Eindruck einer Niederlage ungewollt noch, indem sie, neben ihm sitzend, tröstend über seinen Arm streicht. „Ja, ich nehme die Wahl an und bedanke mich für das Vertrauen“, sagt der 63-Jährige emotionslos. Dabei kommt es noch schlimmer für ihn: Denn Benner (51) wird mit 87 Prozent erneut zur Zweiten Vorsitzenden gekürt, und Hauptkassierer Jürgen Kerner (50) erhält sogar 95 Prozent. Die guten Ergebnisse der beiden anderen im Führungstriumvirat wirken fast wie der Ruf nach einem Generationswechsel im Vorsitz und bringen sie bereits in eine gute Startposition für 2023 – wenngleich der Hüter einer prallvollen Gewerkschaftskasse stets beliebt ist und wenngleich in vier Jahren eine Menge passieren kann. Wer immer noch Interesse an dem Vorsitz hat – er muss an Benner und Kerner erst mal vorbeiziehen. Selbst die drei weiteren geschäftsführenden Vorstandsmitglieder Ralf Kutzner (346 Jastimmen), Wolfgang Lemb (363) und Hans-Jürgen Urban (469) kommen besser weg als der Vorsitzende.
„Das Ergebnis ist sicherlich eine Enttäuschung“, bekennt Hofmann, da wieder gefasst, im Anschluss. Es sei aber auch „ein ehrliches Ergebnis, das zeigt, in welchem Spannungsfeld die IG Metall steht und wie notwendig es ist, dass wir gerade auf dem Gewerkschaftstag sehr ausführlich debattieren, wie wir uns in den Umbruchsituationen ausrichten.“ Da stehe er für eine Politik, die besage: Die IG Metall müsse sich selbst verändern, und sie müsse sich der Herausforderung, die Arbeitswelt zu gestalten, offensiv stellen. „Wir können nicht allein an Besitzständen festhalten.“
„Erfahrung und Kontinuität haben eine Bedeutung“
Kurz nach dem Gewerkschaftskongress 2023 wird Hofmann 68 Jahre alt. Zur Frage, ob das Alter jetzt schon eine Rolle gespielt haben könnte, sagt er: „Darüber hat sich der Vorstand im Vorfeld ausführlich Gedanken gemacht und entschieden, auf das bewährte Team zu setzen, weil gerade in Zeiten großer Veränderungen Erfahrung und Kontinuität eine Bedeutung haben.“ Er sei nun aber für vier Jahre gewählt, und „deswegen ist es mein Auftrag, die IG Metall die vier Jahre zu führen“.
Vize Benner vermeidet jeden Ausdruck eines Triumphs: „Wir haben eine Menge Herausforderungen bei der Transformation zu stemmen und werden sie im Team angehen“, sagt die Vize in dünnen Worten. Im Plenum rumort es da schon – die Ursachenforschung ist in vollem Gange. Klar sei, so sagt ein maßgeblicher Funktionär, dass es für viele Menschen in der Organisation große Veränderungen geben werde, wenn der Einfluss der betrieblichen Ebene auf den IG-Metall-Kurs gestärkt werde. Dies mache etlichen Leuten Angst. Dennoch findet er das Wahlergebnis überraschend.
Daimler-Betriebsratschef rügt die Hofmann-Gegner
„Sehr enttäuscht“ gibt sich der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Daimler, Michael Brecht, der selbst kein Delegierter, sondern Gast ist. „Damit habe ich nicht gerechnet“, sagt er unserer Zeitung. „Nicht fair“ und „nicht gerechtfertigt“ sei das Wahlresultat. Tarifpolitisch sei die Gewerkschaft nach dem Tarifabschluss 2018, der gerade bei der Arbeitszeit eine sehr hohe Zustimmung erhalten hätte, ebenso gut aufgestellt wie sozialpolitisch mit ihren Aktivitäten in Berlin und Brüssel. Die Mitgliederentwicklung sei stabil.
Es gebe somit „keine stichhaltigen Gründe“ für das Wahlergebnis. Bei knapp 30 Prozent Ablehnung erwarte er aber von so einer Organisation, dass „die Leute vorher den Mund aufmachen und sagen, was sie bedrückt“, sagt Brecht mit Blick auf die Aussprache zum Geschäftsbericht am Vortag, die keine massive Ablehnung erkennen ließ. Man müsse selbstkritisch hinschauen, wie eine solche Unzufriedenheit aufkommen könne, ohne dass sie offen geäußert werde. „Wir haben uns damit keinen Gefallen getan“, folgert Brecht. Er werde Hofmann weiterhin unterstützen.