OB-Wahl in Stuttgart Keiner hält sich an die Spielregeln

Von StZ-Redaktion 

Seit Samstag dürfen die Parteien und Gruppierungen Wahlplakate aufhängen. Die meisten Helfer waren aber schon am Freitagabend im Stadtgebiet unterwegs – und trafen häufig auf bereits belegte Flächen.

Auch der SÖS-Kandidat ist nun im Straßenraum präsent. Foto: Heinz Heiss 11 Bilder
Auch der SÖS-Kandidat ist nun im Straßenraum präsent. Foto: Heinz Heiss

Stuttgart - Am Wochenende hat die heiße Phase des Oberbürgermeister-Wahlkampfs mit aktuell 16 Kandidaten begonnen. Am 7. Oktober kann in Stuttgart die Entscheidung über die Nachfolge des scheidenden Amtsinhabers Wolfgang Schuster fallen; wahrscheinlicher ist aber ein zweiter Durchgang am 21. Oktober. Seit Samstag dürfen die 16 Kandidaten ihre Plakate im öffentlichen Raum platzieren. Doch so lange wollten sie nicht warten. Schon am Freitagabend waren Frühstarter unterwegs, um sich die besten Plätze zu sichern. Die StZ begleitete die Plakattrupps der vier aussichtsreichsten Bewerber.

Grüne sind im Lehenviertel die Ersten

Auch Eva Horn und Dennis Neuendorf streifen schon am Freitag gegen 17 Uhr für den Grünen-Bewerber Fritz Kuhn durch den Süden. Bei jedem Stopp greift Eva Horn hinter sich, um Kabelbinder aus ihrem Rucksack zu ziehen wie der Schütze Pfeile aus seinem Köcher. Einer wird oben, ein anderer unten am Plakat befestigt, dann geht es zur nächsten Straßenlaterne, zum nächsten Geländer oder zum nächsten Straßenschild.

Das Duo benötigt für das Anbringen der Wahlplakate nur ganz wenige Handgriffe, die beiden sind Profis. Auch von Passanten lassen sie sich nicht aus dem Konzept bringen. „Vergesst die Schwarzen nicht“, ruft jemand im Vorbeifahren aus seinem Auto, „Gewerbesteuer“ und „Tagedieb“ ist ebenfalls zu hören.

„Das passiert häufig“, sagt Eva Horn gleichgültig. Die 29-Jährige ist seit vier Jahren Mitglied bei den Grünen, Neuendorf schon seit acht. „Da macht man sämtliche Wahlen mit“, sagt Eva Horn. Viele Hilfsmittel gibt es ebenfalls nicht. Zwei Zangen, zwei Paar Handschuhe, die Plakate werden unter den Arm geklemmt. Wenn sie aufgehängt sind, geht es zurück zur Garage ihrer WG im Lehenviertel, in der die 200 Plakate für den Stuttgarter Süden aufbewahrt werden.

Dort sind die Grünen-Helfer die ersten Plakatierer, die besten Plätze sind also noch frei. „Wir haben aber gar nicht so viele, um alle guten Plätze belegen zu können“, sagt Horn, „Plakate sind teuer, die Grünen bekommen nicht so viele Spenden für den Wahlkampf wie die anderen Parteien.“ Außerdem müsse man sich an die Bedingungen und strengen Auflagen der Stadt halten. „Was aber längst nicht jeder tut“, behauptet Neuendorf.

SPD hat Ärger mit der Konkurrenz

Auch bei der SPD fällt der Startschuss weit vor 24 Uhr. „Gegen 19 Uhr hat ein Bekannter angerufen und gesagt, die CDU plakatiere schon auf den Fildern“, behauptet Patrick Tomschitz. Daraufhin hat er sein eigenes Team losgeschickt. Welche Partei nun tatsächlich zuerst die Regeln gebrochen hat, wird sich nicht mehr klären lassen. Tomschitz ist aber sicher, „dass es deutlich früher losgegangen ist als sonst“.

Der 25-jährige Student plakatiert seit sieben Jahren für die SPD. Seit 2009 koordiniert er das Aufhängen der Wahlplakate. Mit drei großen Kombis und insgesamt 600 Wahlplakaten im Kofferraum sind sie unterwegs. Er weist die 20 freiwilligen Helfer ein und unterstützt sie, wenn es Probleme gibt. Und die gibt es auch an diesem Abend. Gegen 22.30 Uhr, als er gerade mit fünf Freiwilligen die Gegend rund um das Porsche-Museum in Zuffenhausen zupflastert, klingelt sein Telefon. Ein SPD-Wahlhelfer berichtet von einem Streit mit der Grünen-Konkurrenz. Die habe den Genossen mit einer Anzeige gedroht, weil sie an der Heilbronner Straße zu viele Plakate mit dem Konterfei der Kandidatin Bettina Wilhelm aufgehängt hätten.

Die Heilbronner Straße ist laut Tomschitz zusammen mit der Weinsteige die am meisten umkämpfte Straße im Stadtgebiet. Der Student macht sich sofort auf den Weg, telefoniert noch einige Male und trifft schließlich hinterm Hauptbahnhof auf den Beschwerdeführer der Grünen. Auch wenn sich Tomschitz, der die Heilbronner Straße selbst plakatiert hat, keiner Schuld bewusst ist, einigen sich die beiden, dass die SPD einige Plakate entfernt. Mit der CDU wäre eine Einigung sicher schwieriger gewesen, ist sich der SPD-Wahlhelfer sicher.

Für Turner klebt nicht nur die CDU

Die Plakatierer von Sebastian Turner aus der CDU, von Freien Wählern und FDP, sind ebenfalls früh unterwegs, um die Wahlplakate an möglichst prägnanten Stellen anzubringen. Einzelne Teams sind bereits am Freitagabend mit Feuereifer bei der Sache, andere sind erst am Samstag auf Tour. So auch Sebastian Scheible, Vorsitzender der Jungen Union Degerloch/Möhringen mit fünf Mitstreitern. Von 11 Uhr an sind sie erst in Sonnenberg unterwegs, anschließend ist Degerloch an der Reihe. Jeweils in Zweierteams sind die Helfer im Einsatz und bringen die Hohlkammerplakate mit Kabelbindern an. Anfangs geht es etwas langsam, mit jedem weiteren Plakat nimmt die Fingerfertigkeit aber zu. Nach einiger Zeit läuft es wie am Schnürchen: Plakat an den Pfosten, Kabelbinder durch die vorgestanzten Löcher, dann auf die gewünschte Position schieben – fertig.

„Unsere Teams sind eigenständig unterwegs“, sagt der Kreisvorsitzende Stefan Kaufmann, der die Aktion koordiniert und einen groben Überblick darüber hat, wann wer wo plakatiert. Einen exakten Zeitplan, gibt es laut Kaufmann nicht. Man habe aber versucht, möglichst früh im gesamten Stadtgebiet aktiv zu werden – einzelne Bereiche würden aber erst in den nächsten Tagen vollends bestückt. Es seien schließlich Ferien, und man müsse auf die Verfügbarkeit der freiwilligen Helfer Rücksicht nehmen. Während schon am Samstagabend in der Rotebühlstraße in erster Linie Bettina Wilhelm die Autofahrer von ihren Plakaten herunter anlacht, gehört die ­Rotenwaldstraße zwischen der Kreuzung Herderstraße und der Schwabstraße am Samstagnachmittag fast ausschließlich Sebastian Turner. Rechts und links der Fahrbahn prangen die Plakate. Weiter oben mischen auch Fritz Kuhn und Hannes Rockenbauch mit.

1600 Plakate für Rockenbauch

Der Kandidat der SÖS, unterstützt von der Linkspartei, versichert, dass er seinen Wahlhelfern wiederholt eingeschärft habe, die Plakate nicht vor Mitternacht anzubringen. „Ob sich alle daran gehalten haben, kann ich nicht nachprüfen“, sagt Rockenbauch tags darauf, als schon klar ist, dass auch sein Konterfei wie das seiner Konkurrenten früher, als das Ordnungsamt gestattet hat, angebracht worden war.

Rockenbauch betont, dass er sich bei der Materialschlacht am Straßenrand zurückhalten wolle. Lediglich 1000 Kopfplakate und 600 kleinere „Hannes kann es“-Plakate lässt der 32-Jährige zunächst anbringen – deutlich weniger als die drei anderen aussichtsreichsten Kandidaten. Auf Unterstützung aus der Parteikasse kann Rockenbauch nicht bauen, er setzt auf Spenden. „Ich möchte den Schwerpunkt auf die Inhalte legen“, sagt er. Statt intensiv mit Kabelbindern zu hantieren, wolle er lieber bei drängenden kommunalen Problemen „dicke Bretter bohren“.