Barrierefrei, nachhaltig, komfortabel: So sollen die neuen Nightjets sein, mit denen die Österreichischen Bundesbahnen von München bis nach Rom fahren wollen. Doch nun melden ÖBB und der Hersteller Siemens Produktionsprobleme.

Korrespondenten: Thomas Wüpper (wüp)

Bahnreisende können sich auf 33 neue Nachtzüge freuen, die mehr Komfort und Privatsphäre bei nachhaltiger Mobilität bieten sollen. Allerdings gibt es einen Wermutstropfen: Die ersten Nightjets der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) werden erst Sommer 2023 unter anderem ab München gen Italien starten und damit ein gutes halbes Jahr später als angekündigt.

Als Grund für die Verzögerung nennen Österreichs Staatsbahn und der Hersteller Siemens die Produktions- und Lieferprobleme, die durch Corona und den Ukraine-Krieg verursacht werden. Bis Ende 2025 sollen aber wie vereinbart alle 33 neuen Nightjets im Einsatz sein und europäische Städte über Nacht mit einer Geschwindigkeit von bis zu 230 Stundenkilometern verbinden.

ÖBB hat Linien und Züge von der Deutschen Bahn übernommen

In Wien präsentierten Österreichs Klimaschutzministerin Leonore Gewessler, ÖBB-Chef Andreas Matthä und Siemens-Manager Albrecht Neumann erstmals die neuen Schlaf- und Liegewagen im Werk Simmering. Nachtzüge seien „in ganz Europa im Aufwind, denn sie sind die klimafreundliche Alternative zum Kurzstreckenflug“, betonte die Politikerin der Grünen. Im Vergleich zum Flugzeug sei eine Reise mit dem Nightjet rund 50-mal klimafreundlicher: „Wer mit dem Nachtzug unterwegs ist, wählt die entspannteste Form des Reisens und leistet einen wichtigen Beitrag zur Reduktion der CO2-Emissionen.“

Der Nachtzug sei „Inbegriff für nachhaltiges Reisen geworden und unser Nightjet das Synonym für Nachtzüge in Europa“, sagte ÖBB-Chef Matthä. Die Österreicher haben vor einigen Jahren einige Linien und Züge von der Deutschen Bahn übernommen, die Ende 2016 das Angebot von Nacht- und Autoreisezug komplett aufgab. Damit wurde die ÖBB führend in diesem Geschäft und in der Kooperation mit der DB AG, der Schweizer Staatsbahn SBB und Frankreichs SNCF.

Rahmenvertrag über 700 Reisezugwagen

Dafür investiert Österreichs Staatsbahn viel Geld. Mitte 2018 wurde mit Siemens ein Rahmenvertrag über 700 Reisezugwagen für den Tag- und Nachtverkehr geschlossen. Gesamtvolumen: 1,5 Milliarden Euro. Die siebenteiligen Nightjets für 254 Fahrgäste mit je zwei Sitz-, drei Liege- und zwei Schlafwagen werden in Wien gebaut; Siemens Mobility hat die neue Modellreihe auch auf Basis seiner bewährten Vario-Plattform entwickelt. In allen Wagen gibt es Videoüberwachung.

Die Züge sollen kostenloses WLAN, stabileren Handyempfang, Lademöglichkeiten, Radmitnahme und ein modernes Informationssystem bieten. Eine besonders ruhige Fahrt sollen neu entwickelte Drehgestelle in Leichtbauweise ermöglichen. Barrierefreies Reisen soll auch möglich sein: Jeder neue Nightjet wird über ein modernes barrierefreies Liegewagenabteil sowie ein barrierefreies WC verfügen, die über einen Niederflureinstieg erreichbar sind.

Mehr Privatsphäre durch geringere Belegung

Der Wunsch von Reisenden nach mehr Privatsphäre soll durch eine geringere Belegung erfüllt werden. Im Schlafwagen gibt es Abteile für zwei, im Liegewagen für vier Personen. Alle Abteile haben eigene Toiletten und Duschmöglichkeiten, der Zutritt wird über elektronische Kartensysteme geregelt. Neu sind Minikabinen für Alleinreisende. Die Einzelschlafplätze im Liegewagen bieten Ablageflächen, Klapptisch, Kleiderhaken und Leselampe, im angrenzenden Schließfach kann man sicher das Gepäck verstauen.

Auch deutsche Bahnfahrer können sich darauf freuen. Denn die verbesserten Züge sollen ab Sommer 2023 von Wien über München nach Mailand, Venedig und Rom zum Einsatz kommen. Ein attraktives Nachtzugnetz bietet die ÖBB schon jetzt. Bis 2025 sollen die Nightjets der neuen Generation in Österreich, Deutschland, Italien, der Schweiz und den Niederlanden im Einsatz sein und einen großen Teil der Bestandszüge ersetzen.

Österreichs Bundesbahnen haben 2021 insgesamt 323 Millionen Fahrgäste und mehr als 94 Millionen Tonnen Güter befördert. Die ÖBB mit ihren 42 000 Beschäftigten gehören nach eigenen Angaben mit rund 97 Prozent Pünktlichkeit im Personenverkehr zu den pünktlichsten Bahnen Europas. Zum Vergleich: Bei der Deutschen Bahn waren im Juli nur noch 91,5 Prozent der Personenzüge weniger als sechs Minuten verspätet, im Fernverkehr waren nicht einmal 60 Prozent der ICE halbwegs pünktlich unterwegs.