„Oppenheimer“-Regisseur Endlich oscargekrönt: Christopher Nolan
Seit einem Vierteljahrhundert stellt Christopher Nolan mit seinen Filmen das Kino immer neu auf den Kopf. Endlich gibt es dafür Oscars.
Seit einem Vierteljahrhundert stellt Christopher Nolan mit seinen Filmen das Kino immer neu auf den Kopf. Endlich gibt es dafür Oscars.
Niemand darf erwarten, dass es bei den Oscars gerecht zugeht. Martin Scorsese, der dem Kino seit Ende der 1960er Jahre einen wichtigen Film nach dem anderen beschert hat, musste allen Ernstes bis 2007 warten, bis ihm die Mitglieder der Academy einen Regie-Oscar zuerkannten – das war für den Polizeithriller „Departed“ und Scorsese immerhin schon 64 Jahre alt.
Christopher Nolan hat es nun immerhin schon mit 53 Lebensjahren und bei der siebten Nominierung zu Oscar-Ehren geschafft. Aber auch hier muss man festhalten: höchste Zeit! Kaum jemand anderes hat in den vergangenen 25 Jahren das populäre US-Kino sowohl inhaltlich als auch ästhetisch modernisiert, ja, revolutioniert wie er. Die „Batman“-Trilogie, „Inception“, „Interstellar“, „Dunkirk“: Seine Filme haben fast durchweg eben nicht nur die Kritiker begeistert, sondern ein Millionen zählendes, überwiegend junges Publikum, das im Kinosaal trotz anspruchsvoller Stoffe und trotz verwickelter Erzählweisen schon nach kurzer Zeit vergisst, sich in den Popcornschachteln zu vergruschteln.
Und schließlich ist Nolan einer der ganz wenigen, der weder die Krise der großen Studios noch den Corona-Ausbruch zum Anlass nahm, mit seinen Filmen zu den großen Streamingdiensten zu wechseln. Als Warner Brothers 2020 bekannt gab, die Premieren seiner Filme künftig auf der digitalen Plattform von HBO zu platzieren, wechselte Nolan demonstrativ zu Universal. Das erste Projekt, was er hier schmackhaft zu machen versuchte, war die Verfilmung eines damals schon 15 Jahre alten Sachbuches zweier Historiker, einer Physikerbiografie: „American Prometheus: The Triumph and Tragedy of J. Robert Oppenheimer“. Und auch dieses jedweder Hollywoodlogik widersprechende Kunststück gelang.
Der gebürtige Brite Christopher Nolan, Jahrgang 1970, ist seit seiner Jugend Filmmaniac; er wollte wohl schon mit zehn Jahren nur eines werden, nämlich Filmregisseur. Aber sein Unistudium hat er der Literatur gewidmet, hat dies auch akademisch abgeschlossen – und hier liegt wohl schon der Schlüssel zu seinem künstlerischen Erfolg: In all seinen Filmen steht die Geschichte am Anfang; und diese Geschichte ist stets viel mehr als nur eine Story.
Nolan sucht in seinen Geschichten, ob es nun die „Batman“-Saga, eine galaktische Reise oder ein dramatisches Weltkriegsgeschehen ist, nicht einfach nur nach einem Kern. Vielmehr legt er wie ein Archäologe die verschiedenen Schichten der Erzählung frei, dreht an diesen Schichten sodann wie ein Mathegenie an einem Zauberwürfel so lange hin und her, bis zum Schluss alle sechs Flächen plötzlich gleichfarbig sind. Zumindest scheinbar! Denn hinten rechts, ganz unten, da bleibt am Ende stets eine leere Stelle. So wie es sich für jeden guten Film gehört. Das Ende von „Inception“: längst Filmgeschichte.
So ist es seinem Millionenpublikum nun auch wieder mit „Oppenheimer“ ergangen. Verschachtelte Erzählebenen, lange Dialoge, hochkomplexe Charaktere – Kino, das die ganze Aufmerksamkeit des Zuschauers erfordert. Und dann aber auch noch auf Werte wie Humanität und Verantwortung pocht. An Christopher Nolan ging bei den Oscars kein Weg mehr vorbei. Endlich. Weiter geht’s!