Papst ignoriert Forderungen nach verheirateten Priestern Größer als der Zölibat
Der Papst lässt erkennen, dass aus Rom vorerst keine Reformen mehr kommen, kommentiert Paul Kreiner.
Der Papst lässt erkennen, dass aus Rom vorerst keine Reformen mehr kommen, kommentiert Paul Kreiner.
Rom - Am Amazonas brennen die Wälder; dem Weltklima tut das nicht gut, und die Diskussion, was die katholische Kirche da tun kann, hat sich auf den Slogan reduziert: „Zölibat abschaffen!“ Gewiss, das ist jetzt etwas zugespitzt. Aber die große Amazonas-Synode, zu der im Oktober vergangenen Jahres knapp 300 Bischöfe aus Region und Welt im Vatikan zusammengetreten waren, wurde in der Außenwahrnehmung fast zur Gänze von der Frage dominiert: Lässt Papst Franziskus verheiratete Männer zum Priesteramt zu, weil die anderen an allen Ecken und Enden fehlen? Da das in Deutschland nicht anders ist als in Südamerika, wurde einer solchen Reformentscheidung gewaltige Bedeutung beigemessen. Dies auch unter der durch die aktuellen Skandale befeuerten, wissenschaftlich nicht zwingenden Annahme, wer zur sexuellen Enthaltsamkeit verpflichtet sei, suche sich ein Ventil im Missbrauch anderer.
Und jetzt: die Enttäuschung. In dem mit Spannung – bei konservativen Gruppen mit Nervosität – erwarteten „Nachsynodalen Schreiben“, das Franziskus nun vorgelegt hat, taucht der Begriff „Zölibat“ nicht auf. Das Thema existiert nicht – obwohl sogar die Amazonas-Bischöfe mit Zweidrittelmehrheit die Priesterweihe für „geeignete und in der Gemeinde anerkannte“ Familienväter vorgeschlagen haben. Zwar betont auch der Papst, die katholische Kirche „brauche“ die Messfeier als ihren grundlegenden Ritus, aber wie der dafür nötige „priesterliche Dienst“ gewährleistet werden soll, lässt Franziskus offen. Er verlangt nur, es müsse „ein Weg gefunden werden.“ An den Zölibat traut sich auch dieser Papst nicht heran. Und was er zur Rolle der Frauen in der Kirche sagt – das nächste Reiz- und Zukunftsthema – bleibt blass. Die Weihe von Priesterinnen und offenbar sogar von Diakoninnen schließt Franziskus aus; das wäre nur eine zusätzliche Klerikalisierung. Sagt er.
Aber was heißt das? Ist der mit so großen Erklärungen angetretene und dann mit Erwartungen überfrachtete Franziskus am Ende? Nicht unbedingt. Sicherlich: aus Rom kommt nichts Konkretes. Es ist offenbar auch falsch, darauf zu warten. Andererseits hat der Papst schon recht: wenn unten, in den Ortskirchen, kein neuer Schwung entsteht, kann von oben kommen oder nicht, was will. Wenn es etwa dem frisch begangenen „Synodalen Weg“ in Deutschland nicht gelingt, die Gemeinden in den Aufbruch mitzunehmen, bleibt er die x-te Insiderrunde von Berufs- und Gremienkatholiken, die man bald vergisst.
Ideen gibt es genug. Die Amazonas-Bischöfe haben mindestens so viele formuliert wie die Deutschen, und Franziskus befürwortet die Vorschläge, die von den Ortskundigen kommen. Er nimmt sie auf und lässt der Entwicklung Raum, ohne irgendetwas im klassischen vatikanischen Stil abzuwürgen. Im Gegenteil: er fordert Laien als Gemeindeleiter – was seine Kurie gerade noch dem Aachener Bischof Stephan Ackermann untersagt hat, weil sich damit zwangsläufig das Priesterbild ändert. Weihe, sagt Franziskus, bedeute nicht, dass Kleriker anderen Gläubigen übergeordnet seien. Schon diese Einsicht, sobald sie in der Praxis durchdekliniert werden darf, könnte vieles bewegen.
Im übrigen war die Fixierung auf den Zölibat von Anfang an verfehlt. Die Probleme Amazoniens sind unendlich viel größer. Es sind Weltprobleme. Darauf weist Franziskus neben seiner üppigen Naturpoesie drastisch hin: Ökologie ist eine soziale Frage. Den Kolonialismus hält der Papst nicht für überwunden; Globalisierung heutigen Typs sieht er als ein System menschenunwürdiger Ausgrenzung. Wer also mit dem Finger auf die Kirche als ein reformunfähiges System zeigt, der hat durchaus Anlass, auch mal über anderen Reformbedarf nachzudenken. Und womöglich tätig zu werden.