Partnerschaften beim autonomen Fahren Wandel in der Autobranche: Aus Erzrivalen werden Verbündete

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Die hohen Investitionen für die Entwicklung von autonom fahrenden Roboterwagen zwingen die Autobauer zur Suche nach Partnern. Der Allianz von BMW und Daimler bei den Mobilitätsdiensten könnte ein weiteres Bündnis folgen.

BMW entwickelt mit einer ganzen Flotte von  Testfahrzeugen das autonome Fahren. Foto: BMW
BMW entwickelt mit einer ganzen Flotte von Testfahrzeugen das autonome Fahren. Foto: BMW

Stuttgart - Schon seit Jahrzehnten gab es immer wieder einmal Annäherungsversuche zwischen Daimler und BMW. Als beide sich erstmals mit dem Gedanken trugen, ein kleines Stadtauto zu entwickeln, trafen sich Vertreter beider Unternehmen zu geheimen Sondierungsgesprächen auf halber Strecke zwischen München und Stuttgart. Doch bald trennte man sich wieder ohne Ergebnis. Auch als es vor etwas mehr als zehn Jahren darum ging, ob die Nachfolgemodelle der A- und B-Klasse von Mercedes-Benz und des 1ers von BMW gemeinsam entwickelt werden, konnten sich beide Konzerne nicht einigen. „Wir sind nicht auf Kooperationen angewiesen, sondern können alles selbst stemmen“, sagte Daimler-Chef Dieter Zetsche nach dem Scheitern der Gespräche trotzig.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Vor einem Jahr verkündeten Daimler und BMW, dass sie bei den Mobilitätsdiensten eng zusammenarbeiten wollen. Im Gemeinschaftsunternehmen Jurbey bündeln die Erzrivalen nun nach der Genehmigung durch die Kartellbehörden Angebote wie die Carsharing-Anbieter Car2go und Drive Now, den Taxivermittler Mytaxi, die Mobilitätsdienstleister Moovel und Reach Now sowie digitale Serviceangebote beim Parken oder für das Laden von Elektroautos. Der Autoexperte Stefan Bratzel führt diese neue Offenheit für eine Allianz auf den epochalen Wandel in der Branche zurück. Die Konzerne müssten gleichzeitig die Elektromobilität vorantreiben, möglichst rasch auf dem Weg zum autonomen Fahren vorankommen, digitale Vernetzungen und neue Geschäftsmodelle bei den Mobilitätsdiensten aufbauen. „Die neuen Zukunftsfelder erfordern enorme Investitionen mit hohen Risiken“, erläutert der Chef des Forschungsinstituts Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach.

Internetriesen sorgen für zusätzliche Konkurrenz

Die Autohersteller, so der Wissenschaftler, werden zudem durch neue Konkurrenten unter Druck gesetzt, die aus anderen Branchen kommen. Bratzel nennt sie die „Big Data Player“. Gemeint sind damit US-amerikanische IT- und Internetriesen wie der Fahrdienstleister Uber oder die Google-Schwester Waymo sowie aufstrebende chinesische Konzerne wie Baidu.

In einem Teilbereich sitzen deutsche Autobauer und Zulieferer in diesem Zukunftsfeld bereits in einem Boot. Vor vier Jahren übernahmen Audi, BMW und Daimler die Nokia-Tochter Here. Später stiegen auch die Zulieferer Bosch und Conti ein. Die Unternehmen wollten verhindern, dass ein IT- oder Internetriese ihnen diesen Lieferanten hochpräzisen Kartenmaterials wegschnappt, das für die Navigation von Roboterautos erforderlich ist.

Ob Audi (als führendes Unternehmen im VW-Konzern bei diesem Thema), BMW und Daimler auch weitergehende Pläne schmieden – dazu hält sich das Trio sehr bedeckt. Die drei deutschen Premiumhersteller haben bisher recht unterschiedliche Wege eingeschlagen. Daimler hat sich mit Bosch verbündet. Die beiden Stuttgarter Partner wollen in der zweiten Hälfte dieses Jahres im kalifornischen Silicon Valley ein Pilotprojekt mit autonom fahrenden Wagen starten.

BMW hat bereits einige Partner gefunden

BMW hat bereits einen größeren Kreis von Partnern um sich geschart, die gemeinsam schneller auf dem Weg zum autonomen Fahren vorankommen sollen. Neben dem Autobauer Fiat-Chrysler gehören dazu der Zulieferer Magna sowie der Chiphersteller Intel und dessen israelische Tochter Mobileye, die Kamerasysteme für Roboterwagen anbietet. Mit dem Elektroauto BMW iNext, das 2021 in Serie gehen soll, wollen die Bayern den Sprung zum autonomen Fahren schaffen. Audi wiederum ist noch auf Partnersuche, um ein ähnliches Netzwerk wie BMW aufzubauen.

Audi, BMW und Daimler wollen sich nicht dazu äußern, ob sie ein Dreierbündnis anstreben, mit dem sie die hohen Entwicklungskosten teilen könnten. BMW weist darauf hin, dass es „seitens weiterer Unternehmen Interesse an einer Zusammenarbeit gibt“ – nennt aber keine Namen. Wilko Stark, der bei Daimler Chefplaner für die Zukunftsthemen war und jetzt Einkaufschef von Mercedes-Benz ist, sagt zunächst einmal, dass er nichts zu diesem Thema sagen darf. Doch dann lobt er BMW so über den grünen Klee, dass man sich schon vorstellen kann, dass es nicht allein bei der Zusammenlegung der Mobilitätsdienste bleibt. Mit Blick auf die Mobilitätsdienste sagt Stark, dass die Kooperation mit den Münchnern sehr gut laufe. Man wolle neue Herausforderungen gemeinsam mit BMW angehen. Zusammen habe man mehr Schlagkraft im Markt. Und eine Allianz beim autonomen Fahren könnte „Komplexität herausnehmen“.

„Die deutschen Hersteller haben die Zeichen der Zeit erkannt“, meint der Autoexperte Stefan Bratzel. Noch sei der US-Rivale Waymo „sicher einige Jahre voraus“. „Ohne Kooperation werden die deutschen Hersteller den Rückstand nicht aufholen können“, urteilt Bratzel. Gemeinsam jedoch hätten sie die Chance, Standards auf diesem Zukunftsmarkt zu setzen.