Persönlichkeiten von Tieren Von Draufgängern und Angsthasen

Von Kerstin Viering 

Die Forschung zeigt es deutlich: auch bei Tieren gibt es unterschiedliche Charaktere. Diese Persölichkeitsunterschiede bieten Vorteile.

Bei Kapuzineraffen lässt sich am Gesichtsausdruck nicht nur die Lebenssituation ablesen, sondern auch die Persönlichkeit. Foto: Fotos: Jana Uher 4 Bilder
Bei Kapuzineraffen lässt sich am Gesichtsausdruck nicht nur die Lebenssituation ablesen, sondern auch die Persönlichkeit. Foto: Fotos: Jana Uher

Stuttgart - Ist das ein komisches Ding! Riecht nach Apfel und fühlt sich auch so an. Ist aber platt und herzförmig und knallrot. Hm. Kann das trotzdem schmecken? Oder soll man lieber die Finger davon lassen? Die Gorillas im Leipziger Zoo wissen manchmal nicht so recht, was sie von Jana Uhers Mitbringseln halten sollen. Dabei hat sich die Psychologin von der Freien Universität Berlin extra die Mühe gemacht, Äpfel und Birnen in Scheiben zu schneiden, mit Plätzchenformen verschiedene Motive auszustechen und das Ganze mit Lebensmittelfarben bunt zu gestalten.

Die Reaktionen, die sie dafür erntet, sind sehr unterschiedlich. "Manche Tiere werfen einem das merkwürdig aussehende Futter sofort wieder vor die Füße", berichtet die Forscherin. Andere dagegen untersuchen die seltsamen Objekte ausgiebig, riechen daran und fressen sie schließlich. Und wieder andere sehen sie mehr als Spielzeug denn als Leckerbissen. Auch unter Gorillas ist also keineswegs einer so neugierig und experimentierfreudig wie der andere. Genau solche Unterschiede faszinieren Jana Uher. Sie leitet eine Forschungsgruppe, die Persönlichkeitsunterschiede bei verschiedenen Primatenarten untersucht.

Tiere mit Persönlichkeit? Eine solche Idee hätten die meisten Verhaltensforscher noch vor ein paar Jahrzehnten weit von sich gewiesen. Ein Gorilla sei schließlich wie der andere, sein Verhalten hänge nur von seinem Alter und seinem Geschlecht ab. Für Individualismus schien da kein Platz zu sein. Einem Affen mehr Mut oder Impulsivität, Angst oder Fürsorglichkeit zuzuschreiben als einem anderen, galt als unzulässige Vermenschlichung. Doch inzwischen gibt es immer mehr Biologen und Psychologen, die das anders sehen.

Jedes Tier hat seine Art, mit Frust umzugehen

Jana Uher erinnert sich noch gut daran, wie sie vor ein paar Jahren die Gorillas des Leipziger Zoos kennenlernte. In einem Experiment hatte sie den großen Affen die Wahl gelassen, ob sie lieber vier Rosinen haben wollten oder nur eine. Doch sie bekamen immer die unerwünschte Portion. Hatten sie sich also für die größere Menge entschieden, mussten sie sich mit einem einzigen Leckerbissen zufriedengeben.

"Manche bekamen daraufhin regelrechte Wutausbrüche und trommelten frustriert gegen die Scheiben", beschreibt die Forscherin die impulsiveren Charaktere. Andere ließen dagegen nur den Kopf hängen und seufzten tief. Und wieder andere beschäftigten sich ausgiebig und scheinbar hochkonzentriert mit ihren Haaren - so, als wollten sie sich die Enttäuschung nicht anmerken lassen. Rasch wurde klar, dass jedes Tier seine typische Art hatte, mit Frust umzugehen. Und die legte es auch beim zwanzigsten Versuchsdurchgang nicht ab. Gorillacholeriker können offenbar genauso schlecht aus ihrer Haut wie ihre menschlichen Pendants.

Fasziniert beschloss die Psychologin, der Sache weiter auf den Grund zu gehen. Mittlerweile untersucht sie auch das Verhalten anderer Primatenarten wie Kapuziner-, Java- und Rhesusaffen. Ihr Berliner Team kooperiert dazu mit dem Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig sowie Forschungseinrichtungen in den Niederlanden, Italien und Indien. Gerade ist Jana Uher von einem Forschungsaufenthalt in Rom zurückgekommen, wo sie individuelle Eigenheiten von Kapuzineraffen untersucht hat.