Personalmangel und politische Vorgaben Kinderkliniken in der Region Stuttgart in schwieriger Lage

Die Behandlung von kleinen Patienten braucht im Krankenhaus wie in der Praxis besonders viel Zeit und Zuwendung. Foto: Keystone/Volkmar Schulz

Der Druck auf die Kinderkliniken in der Region Stuttgart ist trotz abflauender Coronapandemie weiter sehr groß. Es fehlt an Personal, ein Mangel, der von politischen Vorgaben noch verschärft wird.

Familie/Bildung/Soziales: Mathias Bury (ury)

Der Druck durch die Coronapandemie hat nachgelassen, die nach zwei Jahren Infektionsschutz im Herbst bei Kindern grassierende RS-Viren-Infektionen sind weitgehend ausgestanden. Dennoch entspannt sich die Lage in den Kinderkliniken der Region Stuttgart nicht.

 

Einen Zulauf wie noch nie verzeichnet das Stuttgarter Olgäle, die mit 390 Betten mit Abstand größte pädiatrische Klinik in der Region. Sonst sieht man dort in der Kindernotaufnahme auch in Infektphasen im Schnitt 90 bis 95 Patienten am Tag. Im Mai waren es aber 112, von denen mehr als 20 stationär aufgenommen wurden. An einem Tag Mitte Mai beispielsweise kamen aber sogar 180 kleine Patienten ins Olgäle, „so viele wie noch nie, ein Allzeithoch“, sagt der Medizinvorstand des Klinikums, Jan Steffen Jürgensen.

Zu wenig Kinderärzte, mehr Zulauf im Klinikum

Ursachen dafür könnten sein, so Jürgensen: nachholende Effekte wie im Herbst RS-Viren-Welle; jetzt wegen der Pandemie nachgeholte Arztbesuche, sodass manches Problem erst „verspätet diagnostiziert wird“; und ein sinkendes Leistungsvermögen der niedergelassenen Kinderärzte in der Stadt, wodurch das Olgäle die Funktion eines „Überlaufreservoirs“ bekommt. Indiz dafür: Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) im Land hat schon beim Klinikum angefragt, ob man dort eine Kinderarztpraxis einrichten oder Ärzte in Praxen abordnen könnte.

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„Wir haben einen Mangel an Kinderarztterminen, ganz klar“, sagt KV-Pressesprecher Kai Sonntag. Obwohl es in Stuttgart rein rechnerisch eine ausreichende Versorgung gebe. „Aber faktisch haben wir einen Mangel“, weiß Sonntag. Dieser bestehe „landesweit“. In Stuttgart ist das Problem überdeutlich geworden, als im März ein Jahrzehnte in Neugereut praktizierender Kinderarzt aufgehört hat, er keinen Nachfolger und sehr viele seiner rund 1400 kleinen Patienten keinen anderen Kinderarzt fanden. Das Problem wird sich bald häufen: Etwa die Hälfte der Kinderärzte sind über 60 Jahre alt.

Kritik an der neuen, generalisierten Ausbildung

Dazu kommt der Personalmangel. So kann die Kinderklinik Böblingen, die 80 Betten hat und 20 auf der Kinderintensivstation, von letzteren wegen Personalknappheit derzeit nur 14 belegen, erzählt der Chefarzt der Kinderklinik, Lutz Feldhahn. Dadurch gerate man „schnell in eine Unterversorgung“. Einen wesentlichen Grund für den Personalmangel sieht Lutz Feldhahn in der neuen generalistischen Pflegeausbildung, in der Kranken- und Altenpflege zusammengefasst ist. Zwar könne man diese noch zur Kinderkrankenpflege vertiefen. Aber das dauere und anders als früher, als es eine spezielle Ausbildung gab, „wird sich das Niveau verschlechtern“, ist der Chefarzt überzeugt. Dadurch verliere der „tolle Beruf der Kinderkrankenschwester“ an Attraktivität. So sieht man das auch in der Kinderklinik in Esslingen, die 69 Betten hat. „Die Qualität leidet, das wird die Lage noch verschärfen“, sagt Pressesprecherin Anja Dietz.

Eine weitere politische Entscheidung setzt den Kinderkliniken zu: die Personaluntergrenzen. Diese mögen zwar zur Förderung der Pflegequalität richtig sein. „Aber das funktioniert nur, wenn man genügend Personal hat“, sagt Jochen Meyburg, Ärztlicher Direktor der Kinderklinik in Ludwigsburg. Auch wenn die Lage aktuell gerade stabil sei, müsse man von den 78 Betten „immer wieder welche schließen“, weil das Personal fehle und man die Mindestpersonalschlüssel sonst nicht einhalten könne. Auch Jan Steffen Jürgensen sagt: „Das ist eine gut gemeinte regulatorische Auflage, aber die Personaldecke ist einfach zu kurz.“ Auch im Olgäle müssten immer wieder „Betten gesperrt werden“, sagt Jürgensen. „Das gibt es täglich.“ Das führt zu langen Wartezeiten und vielen, für Kinder und Familien ärgerlichen und belastenden OP-Verschiebungen.

Fatale Regelung für schwangere Ärztinnen

Vor diesem Hintergrund ärgert Jochen Meyburg besonders, dass in Baden-Württemberg Ärztinnen, die schwanger sind, nicht mit Mundschutz arbeiten dürfen, was in den Krankenhäusern aber weiter Vorschrift ist. Das hat Folgen: Die 29 Ärzte in der Kinderklinik seien „überwiegend Frauen“, von denen innerhalb eines Jahres „neun schwanger geworden sind“, erzählt Jochen Meyburg. „Das hat uns an den Rand des Kollapses gebracht – ein Riesenproblem, eine Katastrophe.“ Früher hätten Frauen auch Kinder bekommen, aber man habe Monate Zeit gehabt, den Wechsel zu organisieren. Jetzt seien diese „von einem Tag auf den anderen weg“. Auch Jan Steffen Jürgensen hält die Regelung, die es in keinem anderen Bundesland gibt, für „unverständlich und bevormundend“. Weil sie weiterarbeiten wollten, verheimlichten manche der Frauen sogar die Schwangerschaft, bis man es sieht. Die Ärztinnen fühlten sich durch die rigorose Regelung in ihrer beruflichen Entwicklung behindert.

Politik ist aufmerksam geworden

Der einzige Lichtblick derzeit: Die Bundespolitik scheint erkannt zu haben, in welch schwieriger Lage viele Kinderkliniken sind. Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat Verbesserungen angekündigt. Zentrales Problem dabei: Kinder werden im System der Fallpauschalen, nach denen die Leistungen vergütet werden, am Maßstab von Erwachsenen behandelt. Nur brauchen Kinder und ihre Eltern sehr viel mehr Zeit bei der Betreuung und Beratung. „Das wird in den Fallpauschalen nicht abgebildet, da braucht es dringend eine Veränderung“, sagt Jochen Meyburg. Für die Kliniken bedeutet das häufig hohe Defizite. „Die Frage ist da nur, wie groß ist das Minus und toleriert der Träger das noch“, erklärt der Ärztliche Direktor.

Im Stuttgarter Olgäle beträgt das jährliche Defizit etwa zehn Millionen Euro. Für Jan Steffen Jürgensen ist deshalb entscheidend, dass das „Problem in seiner Dringlichkeit anerkannt wird“. Wobei der Klinikums-Chef darauf hinweist, dass es gelte, auch den ambulanten Bereich zu stärken. Das ist auch die Auffassung der KV. Nicht nur die Vergütung der Kinderkliniken müsse besser werden, auch die der niedergelassenen Kinderärzte, betont Kai Sonntag. Und wer mehr Kinderärzte in Kliniken und Praxen wolle, betont der KV-Sprecher, der müsse auch genügend Studienplätze und Weiterbildungsmöglichkeiten in Kinderkliniken schaffen. Und das dauert Jahre.

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