Peter Lenks neues Kunstwerk Die nackte Wahrheit über S 21
Peter Lenk, Bildhauer und Schöpfer der Konstanzer Imperia, bastelt an seiner Satire zum Tiefbahnhof. Doch wird das neun Meter hohe Denkmal je in Stuttgart zu sehen sein?
Peter Lenk, Bildhauer und Schöpfer der Konstanzer Imperia, bastelt an seiner Satire zum Tiefbahnhof. Doch wird das neun Meter hohe Denkmal je in Stuttgart zu sehen sein?
Bodman-Ludwigshafen - Die Denkmalskizze ragt bis unter das Dach. Auf dem Betonfußboden der kleinen Scheune sammelt sich weißer Staub. Auf einem Podest hockt überlebensgroß die Skulptur eines alternden Modellathleten, zusammengesetzt aus 27 Formteilen. Peter Lenk ist bei der Arbeit. Er bastelt an einem Denkmal für Stuttgart 21, und vermutlich wird es bald auch außerhalb seiner Werkstatt ordentlich Staub aufwirbeln – so wie immer, wenn der Skandalbildhauer vom Bodensee zu Hammer und Spachtel greift.
Lenk liebt die griechische Mythologie. Auch diesmal ist der hagere 72-Jährige mit dem kräftigen weißen Schnurrbart, dem wallenden Haar und dem bübischen Lächeln im Gesicht in der Aeneis fündig geworden. Er habe einen Laokoon geschaffen, sagt er. Der warnte die Trojaner vor dem Riesenpferd der Griechen: Das angebliche Geschenk sei ein Hinterhalt. Wie man weiß, hatte er recht. Dafür wurde er von Schlangen getötet, so dass die Trojaner erst recht auf den Schwindel hereinfielen. Lenk sieht darin viele Analogien zum Stuttgarter Tiefbauwerk, freilich mit einem Unterschied: sein schwäbischer Laokoon wird nicht von Schlangen geplagt, „sondern von einem wild gewordenen ICE“.
Der Held, der später einmal auf einer nachgebauten Ruine des Stuttgarter Bahnhofturms sitzen wird, ist selbstverständlich nackt. Wie könnte es auch anders sein im Anbetracht von Lenks Vorliebe für dicke Männer mit kleinem Gemächt und gestandene Weibsbilder mit voluminöser Oberweite? Doch da kann der Künstler beruhigen. Zum einen ist sein Laokoon auffallend drahtig geraten, zum anderen werde er ihm „noch ein Feigenblatt verpassen“ – ein grünes, wie man vermuten darf.
Genug nackte Haut wird das neun Meter hohe Stuttgart-21-Denkmal mit dem Titel „Chronik einer Entgleisung“ dennoch zieren. Wie barocke Engel schweben die Förderer des Projekts über dem Laokoon im Wolkenkuckucksheim. Zu seinen Füßen ketten sich die Demonstranten an Bäume, bringen Juchtenkäferkot als biologische Waffen zum Einsatz und lassen sich am Schwarzen Donnerstag von einem obszönen Wasserwerferstrahl hinfortspritzen. Derweil planschen die eingefleischten Fans des Tiefseebauwerks nach dem befürchteten Wassereinbruch fröhlich wie in einem Erlebnisbad mit Rutsche und Strudel.
Viele der 150 verewigten Figuren dürfte der Betrachter wiedererkennen. Doch da bittet der Künstler um Diskretion. Man möge vorab keine Namen veröffentlichen, „sonst bekomme ich noch Unterlassungsklagen“. Manche Politiker und Wirtschaftsbosse besäßen doch erstaunlich wenig Humor. Zudem gebe er den Herrschaften sowieso keine Namen. „Ich schaffe ja nur Archetypen“ – Ähnlichkeiten mit aktuellen, gewesenen oder verhinderten Ministerpräsidenten, Bahn-Chefs und anderen Glücksrittern sind also rein zufällig.
Wenn die Kunst erst einmal steht und die Schaulustigen strömen, liegt der Fall oft anders. Dann machen viele Getroffene gute Miene zum bösen Spiel. Das Gemeinderatsmitglied einer Kleinstadt am Bodensee drückte es einmal so aus: Das dort aufgestellte Lenk-Denkmal sei skandalös, „aber wir müssen es trotzdem behalten, sonst sind wir blamiert“.
Tatsächlich haben sie dort ihren Lenk längst lieb gewonnen. Am verträumten Ende des Überlinger Sees hat er sich vor 50 Jahren mit seiner Frau niedergelassen. Dort werkelt er und hat im Umfeld von Haus und Werkstatt im Laufe der Zeit einen skurrilen Skulpturengarten erschaffen, der besichtigt werden kann. Da steht auch eine Nachbildung seines wohl bekanntesten Werks, der Imperia, jener Edelkurtisane, die sich im Konstanzer Hafen dreht und die die Mächtigen der Welt wortwörtlich in der Hand hat. Auf der Linken sitzt ein degeneriertes Kaiserlein, auf der Rechten ein verhutzeltes Päpstlein.
In einer Nacht-und-Nebel-Aktion hat er die Imperia einst aufgestellt. Dass ein solcher Coup auch in Stuttgart gelingen könnte, glaubt Lenk nicht. Erstens schläft eine Großstadt bekanntlich nie, zweitens gibt es im Talkessel viel weniger Nebel als am See. Er werde ganz offiziell bei der Stadt eine Probeaufstellung beantragen, zunächst für wenige Tage. Ende des Jahres könnte das Kunstwerk fertig sein.
Es werde „mit Sicherheit in Stuttgart aufgestellt“, sagt Winfried Wolf, „am besten auf dem Schlossplatz oder im Umfeld des Bahnhofs.“ Der ehemalige PDS-Politiker und bekannte S-21-Kritiker gehört, wenn man so will, zu den Auftraggebern. Er ist dabei, 100 000 Euro für das Werk zu sammeln. 25 000 Euro hat er nach zehn Wochen schon beisammen. Das Geld braucht Lenk für Material und Helfer. „Meine 2500 Stunden Arbeit gibt es kostenlos dazu.“ Eigentlich ist das ziemlich großzügig, wenn man bedenkt, dass der Bildhauer nicht das beste Verhältnis zur Landeshauptstadt hat. Deren Kunstakademie verließ der gebürtige Nürnberger einst als Unverstandener in Richtung Bodensee. Zu einer Zeit, da Fettflecken die Kunstszene begeisterten, wurde sein Werk als zu gegenständlich abqualifiziert.
Auch heute, so befürchtet Lenk, habe er in Stuttgart noch einflussreiche Feinde. Zum Beispiel Thomas Strobl (CDU): Als die „Bild“-Zeitung vor etlichen Jahren behauptete, das Imperia-Päpstlein sei Benedikt XVI. nachempfunden, gab der heutige Innenminister den Kronzeugen. „Das Treiben von Herrn Lenk macht nicht einmal vor religiösen Gefühlen halt“, schimpfte er boulevardtauglich. Lenk erhielt daraufhin von strenggläubigen Katholiken böse Briefe und wüste Drohungen. Später musste „Bild“ die Darstellung widerrufen. Niemand sonst hatte Joseph Ratzinger erkannt. Von einem Widerruf Thomas Strobls ist nichts bekannt.
Allerdings besitzt der Künstler in der Landesregierung auch echte Fans. Justizminister Guido Wolf (CDU) hat sich dazu schon bekannt. Mit Winfried Wolf ist er übrigens nicht verschwägert, sondern verwandt. Die beiden sind Vettern.
Bei der Stadt Stuttgart gibt man sich gegenüber der Nachricht von Lenks Aktivität irritiert. Das Kulturamt habe momentan keine Mittel für einen neuen Ankauf, sagt ein Sprecher. Kulturbürgermeister Fabian Mayer (CDU) äußert sich trotz mehrfacher Nachfragen nicht. Und die Bahn? Hat sie in ihrem ohnehin überzogenen Milliardenbudget nicht noch ein paar Euro für ein Denkmal übrig? Man sei gegenüber Kunst am Bau „grundsätzlich offen“, versichert ein Projektsprecher. „Falls ein Kunstwerk aufgestellt würde, müsste dies aber ins Gesamtbild passen.“ Am besten sei es, dies im Rahmen eines Wettbewerbs sicherzustellen.
Derweil liegt Lenks Machwerk in den letzten Zügen. Die Konstruktion ist gewagt, sei aber von einem Statiker geprüft, sagt Lenk. Stuttgart 21 steuert somit auf das Alleinstellungsmerkmal zu, schon vor der Fertigstellung ein Denkmal zu erhalten. Wobei das ein Problem ist: Während der Bauarbeiten gebe es im Bahnhofsumfeld auf keinen Fall Platz für ein Kunstwerk. „Wir bauen hier auf einer Briefmarke“, sagt der Bahn-Sprecher.
Lenk sieht das gelassen. „Wenn es in Stuttgart nicht klappt, kommt das S-21-Denkmal eben an den Bodensee.“ Mehrere Angebote liegen schon vor. Zum einen macht man sich in Südbaden gerne lustig über die Not der Schwaben. Zum anderen hat mancher Kommunalpolitiker Lenks Gestalten als Wirtschaftsfaktor entdeckt. Seit sich Merkel, Schröder, Stoiber und Co. als Global Players am Rathaus von Bodman-Ludwigshafen splitternackig gegenseitig die Stange hielten, habe sich das Knöllchenaufkommen für Falschparker um 5000 Euro erhöht, soll der Bürgermeister Matthias Weckbach (CDU) in kleiner Runde bereits eingeräumt haben.
In Stuttgart wäre da natürlich ein Vielfaches drin. Claus Schmiedel, ehemals Fraktionsvorsitzender der SPD im Landtag, ist das egal. Er denkt nicht ans Geld, wenn er sagt: „Das Denkmal muss nach Stuttgart.“ Als überzeugter S-21-Vorkämpfer ist auch er von Lenk verewigt worden. Sein Name darf genannt werden. Schmiedels Abbild ist bekleidet. Er sei gespannt auf die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Tiefbahnhof. Das Projekt halte das aus. „Es hat schon ganz andere Dinge ausgehalten.“ Wenn aber S 21 erst einmal eröffnet sei und, wovon er überzeugt sei, bestens funktioniere und alle begeistere, dann erinnere das Denkmal daran, wer alles dagegen gekämpft habe.
Sollte es anders kommen und Peter Lenks Satire vom überfluteten Bahnhof böse Realität werden, dürfte einem das Lachen allerdings im Halse stecken bleiben. Aber daran glaubt Schmiedel natürlich nicht. Wie sagte er doch gleich? „Gottes Segen liegt über dem Projekt.“