Pfahlbauten in Baden-Württemberg Das unbekannte Weltkulturerbe

Im Schreckensee bei Wolpertswende versunken liegt ein prähistorisches Dorf. Es ist zwar Weltkulturerbe, darf aber nie  gehoben werden. Die Gemeinde will die Pfahlbauten den Touristen nun virtuell  zugänglich machen. Foto: RP Stuttgart,Landesamt für Denkmalschutz
Im Schreckensee bei Wolpertswende versunken liegt ein prähistorisches Dorf. Es ist zwar Weltkulturerbe, darf aber nie gehoben werden. Die Gemeinde will die Pfahlbauten den Touristen nun virtuell zugänglich machen. Foto: RP Stuttgart,Landesamt für Denkmalschutz

Im Jahr 2011 wurden 15 Siedlungsstätten von Pfahlbauten in Baden-Württemberg Unesco-Weltkulturerbe. Doch viele der Standorte haben ein Problem mit der Vermarktung. Nun preschen kleine Gemeinden mit Ideen vor.

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Konstanz / Ravensburg - Wenn sich Ende Mai in Konstanz die Städte und Gemeinden aus Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien, Slowenien und der Schweiz zu einem zweitägigen Austausch in Konstanz treffen, haben zumindest die 15 Siedlungsstätten in Baden-Württemberg ein gemeinsames Thema, das ihnen unter den Nägeln brennt: die schlechte Vermarktungsmöglichkeit der 2011 verliehenen Auszeichnung als Unesco-Weltkulturerbe. „Das ist in der Tat an allen Standorten ein Problem“, sagt Peter Diesch (CDU), Bürgermeister von Bad Buchau, der dem Arbeitskreis der 15 Pfahlbaustätten im Südwesten vorsitzt.

Ob in Allensbach, Bodman-Ludwigshafen oder in Sipplingen – überall klagen die Gemeinden über den fehlenden Mehrwert für den Fremdenverkehr aus dem Weltkulturerbe, berichtet Diesch. Fundstellen gibt es in Konstanz, Wangen, Gaienhofen und Litzelstetten (alle Kreis Konstanz), Unteruhldingen (Bodenseekreis), Wolpertswende (Kreis Ravensburg), Bad Schussenried und Bad Buchau (beide Kreis Biberach) sowie in Blaustein im Alb-Donau-Kreis. Unter ihnen könnten nur Unteruhldingen und Bad Buchau punkten, da die Museen am Bodensee und Federsee mit den (nachgeahmten) Pfahlbauten Touristen lockten.

Erst dieser Tage ist die kleine, 4000 Seelen zählende Gemeinde Wolpertswende im Kreis Ravensburg vorgeprescht. Das Dorf könne seinen versunkenen Schatz im Schreckensee für die Touristen nicht sichtbar machen, klagte ihr Bürgermeister Daniel Steiner (CDU).

Unbehellig schlummert der „Schatz im Schreckensee“

Aus dem steinzeitlichen Pfahlbau, den der Biberacher Hobbyarchäologe und Zahnarzt Heinrich Forschner im Jahr 1921 auf einer Halbinsel in etwa 40 Zentimeter Wassertiefe entdeckt hatte, lässt sich kein touristischer Mehrwert ziehen. Einen nennenswerten Fremdenverkehr gibt es in dem Ort nicht.

Noch immer schlummert der „Schatz im Schreckensee“, wie die Schwäbische Zeitung die Pfahlbauten nannte, weitgehend unbehelligt. Dabei handelt es sich um eine in Oberschwaben einzigartige Fundstätte, die eine Siedlungskontinuität vom Jungneolitikum (4400 bis 3500 v. Chr.) bis zur Frühbronzezeit (3000 bis 2200 v. Chr.) offenbart. Das soll auch so bleiben – wenigstens, wenn es nach dem Willen der Archäologen und Denkmalschützer geht.

An die Oberfläche darf das bis zu 6000 Jahre alte Holz unter keinen Umständen kommen. Nur wenn der Fund konserviert bliebe, könne er erhalten werden, erläutert Sabine Hagmann vom Pfahlbau-Informationszentrum am Landesamt für Denkmalpflege in Hemmenhofen (Landkreis Konstanz).

Die unsichtbare Touristenattraktion virtuell sichtbar machen

2011 hatten insgesamt 111 prähistorische Siedlungsorte gemeinsam das Prädikat Unesco-Weltkulturerbe erhalten, da die Stätten durch die moderne Nutzung und Umwelteinflüsse in ihrem Bestand bedroht sind. „Der Titel Weltkulturerbe ist ein kultureller Auftrag und keine touristische Auszeichnung“, betont die Archäologin Hagmann. Die Standortgemeinden der Pfahlbaustätten wollen das nicht so ganz einsehen.

Allensbach, Bodman, Blaustein und Sipplingen dringen auf kleine Museen oder wenigstens einige Schauvitrinen in den Rathäusern, in denen man auf die Fundstätten verweisen könne. In Wolpertswende haben Schüler der Ravensburger Gewerbeschule, Fachbereich Druck und Medientechnik, geprüft, welche Vermarktungsmöglichkeiten es für die unsichtbare Touristenattraktion gäbe.

Das Ergebnis: Ein Besuch wäre vornehmlich ein virtuelles Erlebnis – im Internet, auf Bildern, Videos und Apps. Auch ein Wanderweg nebst Pass und Karte und der Nachbau eines Pfahlhauses seien denkbar. Derlei kann sich auch der Arbeitskreis der Pfahlbaustätten im Land gut vorstellen. Dann aber müsse es eine gemeinsame Plattform für alle Standorte geben. Bürgermeister Diesch hofft auf Geld vom Land: „Irgendeinen Fördertopf wird es doch hoffentlich geben.“

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